Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1876)
- Date
- 1876-07-11
- Page
- Seite 454 (sequence 12)
- Language
- German
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454 Durchschnittsalter, das von dem vierten Theil der Bevölkerung erreicht wird: Christen 59 1.10 M. Mittlere Lebensdauer in Deutschland 28 I. Juden 71 Jahre. Mittlere Lebensdauer in Deutschland 30 I. Diese bemerkenswerthe Lebensfähigkeit bei den Juden kann drei Hauptursachen zugeschrieben werden: 1) Einer angebornen physischen Widerstandskraft. 2) Der Beobachtung der Gesundheilsgesetze des mosaischen Code;. 3) Dem Umstande, daß im Allgemeinen die Jude», sei es durch die Macht der Umstande, sei es aus Grundsatz, sich in ihrer Lebensweise von Allem enthalten, was ihrer physischen Gesundheit schädlich sein konnte. Man kann nicht sagen, daß, vom physiologischen und anatomischen Standpunkte aus, die jüdische Race über den andern steht. In gewisien Beziehungen ist sie sogar unter der germanischen, aber sie zeigt weniger wie andere Racen eine erbliche Anlage zu bestimmten Krankheiten, wie die-der Skropheln, der Lungenschwindsucht, res Rheumatismus. Die zweite Ursache, d. h. der Einfluß der mosaischen Gesundheitslehre, ist von überwiegender Bedeutung. Im zweiten Gebot ist den Juden (und Christen) die Dauer der Strafe angekündigt worden, und es wird nun vorhergrsagt, daß die Folgen der Laster und Fehler der Ellern auch von den Kindern bis in's dritte und vierte Glied gettagen werden müssen. Das 3., 6., 7., 8., 9. und 10. Gebot haben Bezug auf die Leidenschaften. Das 5. befiehlt, die Greise und Kranken zu pflegen, und das 4., welches einen Ruhetag anordnet, hat ohne Zweifel auch einen gesundheitlichen Zweck. Der Befehl, beständig die Wohnung in vollständigster Sauberkeit zu halten, war eine Gesundheitsmaßregel, welche, von dem ganzen Volke streng beobachtet, den Zweck haben sollte, die Ausdehnung und Verbreitung ansteckender Krankheiten zu verhüten. Diese Maßregel würde noch in unfern Zeiten viel zweckdienlicher sein, als alle Verordnungen, die von den Regierungen in Epidemiezeiten gegeben werden. Das Reinigen der Gefäße, die zur Bereitung der Speisen gebraucht werden, die Waschungen und Bader, die Entfernung der von ansteckenden Krankheiten Befallenen, die Reinigung oder gar Zerstörung der verpesteten Häuser waren eben so weise Gesundheitsmaßregeln, die das jüdische Volk andächtig befolgte. Das mosaische Gesetz vergaß auch nicht, den Genuß des Fleisches von kranken Thieren, sowie des verdorbenen Fleisches zu verbieten. Die Ursachen der dritten Art für die Langlebigkeit der Juden sind von socialer und moralischer Beschaffenheit. Die Verfolgungen, denen die Juden ausgesetzt waren, nöthigten sie, alle Zuneigung auf ihre Familienglieder zu concentriren und eine außerordentliche Sorgfalt für ihre Kinder und bejahrten Eltern zu hegen. Dieses intime Familienleben trug auch viel dazu bei, sie vorsichtig und fleißig zu machen und sie der Unmäßigkeit und anderen Lastern zu entziehen, die die Gesundheit stören und das Leben kürzen. —" Wir nehmen von Obigem Veranlaffung, noch eine weitere Notiz hinzuzufügen. Am 1. März 1876 hielt der Obermedicinalrath Prof. vr. C. v. Hecker im Bildungsvereine zu München einen Vortrag „über die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre", welche» die A. A. Z. in zwei Nummern ihrer Beilage veröffentlicht. Dieser Bortrag ist an Inhalt und Form >o vortrefflich, daß wir dessen Weiterverbreitung wünschen müssen. Wir entnehmen ihm folgende Notizen. Zum Beweise, daß die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre, welche in Bayern und Württemberg am größten, in Schweden und Norwegen am geringsten ist, nicht von der Bodenbeschaffenheit und klimatischen Einflüssen herrührt, führt er Folgendes an. Im Durchschnitt beläuft sich die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre auf 19 pCt., in München aber auf 40 pCt. Jndeß belauft sie sich in München bei den Katholiken auf 41 pCt., bei den Protestanten auf 27 bis 28 pCt., bei den Israeliten auf 15 bis 16 pCt.l Dies ist ein so gewaltiger Unterschied, daß er selbstverständlich allein in der verschiedenen Lebensweise, besonders in der Behandlung der Kinder begründet sein kann. Als eine, wenn auch nicht die Juden speciell, doch allgemein interessante Notiz fügen wir hinzu, daß in Paris, wo durchschnittlich 33 pCt. der Kinder im ersten Lebensjahre sterben, während der Belagerung 1870/71 nur 17 pCt. derselben starben, und zwar weil die Mütter durch die Umstände gezwungen waren, ihre Kinder selbst zu nähren. Der Vers, führt dies als einen der vielen Beweise an, daß die große Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre zum größten Theile dadurch bewirkt werde, daß die Kinder nicht von den eigenen Müttern genährt werden. Die Ammen geben für das Ganze keinen Ersatz, weil dafür in der Regel die Kinder der Ammen geopfert werden. Vermischtes. Marokkanische Gesandten —Juden. In Paris befindet sich zur Zeit, wie die französischen Journale melden, eine Gesandtschaft des Kaisers von Marokko, deren Führer El Hadji-Muhammed dem israelitischen Bekenntniß angehört. Juden als marokkanische Gesandte findet man auch in früherer Zeit. Samuel Palache war Gesandter des Kaisers Muley Sidan bei den holländischen General-Staaten von dem Jahre 1591 an. Als er im Jahre 1616 starb, folgten Prinz Moritz von Oranien und der ganze Adel seiner Leiche, welche von Haag nach Amsterdam gebracht wurde. Die Familie Ruthes nahm am marokkanischen Hofe eine sehr ansehnliche Stellung ein, und zu allen Zeiten bis in die Gegenwart, bedienen sich die marokkanischen Herrscher bei Erhebung der Zölle, in allen Geschäften, welche die Handelsverbindungen betreffen, so wie in den meisten ihrer Unterhandlungen mit europäischen Höfen — der Juden. K.