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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-20 · Heft 25 (20.6.1876) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 25 (20.6.1876)
Date
1876-06-20
Page
Seite 405 (sequence 11)
Language
German
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405 Jeuilletou. Safe-ow's Philanthropin und Moses Mendelssohn. (Nach L. Würdig'S „Chronik der Stadt D eff au" mitgetheilt von Dr. Cohn, Rabbiner in Oels).') „Durch das „Philanthropische Archiv" wurde bekannt gemacht, daß Judenkinder, welche im Deffauer Philanchropin erzogen worden und Talente besäßen, späterhin Hoffnung hätten, als Lehrer an diesem Institut angestellt zu werden. Dieser Entschluß rief eine freudige Sensation bei den Juden Unter Anderen war es Aaron Weffely, ein gelehrter Jude und ein Freund von Moses Mendelssohn, der hochbegeistert und im tiefsten Herzen dankbar darfür war. Er versprach dem Educationsrath Campe den 27. December 1776, bei seinen vielen Freunden in England, Holland, Frankreich, Italien u. s. w. das treffliche Institut zu empfehlen und ihm eine große Beisteuer von der jüdischen Nation zu verschaffen. Weit ruhiger faßte der große Philosoph Moses Mendelssohn obige Bekanntmachung im philanthropischen Archiv auf. Sein im März 1777 an Campe gerichteter Brief möge hier folgen: Mein theuerster Freund! Vorausgesetzt, daß sich alles wirklich nicht anders verhalte, als sich's Ihr etwas ängstlicher Eifer für die gute Sache vorstellet: daß nämlich kein Einziger meines Glaubens sich das Anerbieten des Philanthropinums wird zu Nutze machen, und daß so manche Ihres Glaubens sich dieserhalb ein schadenfrohes Hohngelächter erlauben werden; dieses alles, sage ich, als ungezweifelt, vorausgesetzt: was folget daraus? Daß Sie Ursache hätten, den Schritt, ven Sie gethan, zu bereuen? Sicherlich nicht! Wohl aber, daß vor der Hand weder Christen noch Juden eine philanthropische Erziehung gehabt, und daß ein solches Institut dem menschlichen Geschlechte desto nothwendiger sei. Was der Fürst, mein gnädigster Landesvarer, dazu sagen wird? Nach dem Begriffe, den ich von den Gesinnungen dieses Prinzen habe, wird er denken: die weisern Juden dürften wohl nicht zugleich die reichsten sein, und wjrd fortfahren, sich derjenigen väterlich anzunehmeu, die nicht reich sind und durch menschliche Begegnung vielleicht weise werden können. Daß aber dieser Herr auf das Philanthropin dieses Vorfalls halber einen Minder gnädigen Blick werfen könnte, läßt sich meines Erachtens gar nicht von ihm denken. Aber bester Freund! War denn der Schritt wirklich so außerordentlich, so kühn, den das Philanthropin zum Besten meiner Brüder gethan? Liegt es nicht schon im Begriffe eines 1) Die obige Mittheilnng wird auch für unsre Zeit noch vielfaches, naheliegendes Interesse haben. Redaction. philanthropischen Instituts, daß ihm der Mensch als Mensch erziehungswürdig und willkommen sein muß, ohne darauf zu sehen, ob er einen beschnittenen oder unbeschnittenen Vater gehabt? Und die Stifter und Vorsteher dieses Instituts haben so äußerst viel gewagt, daß sie sich einer wesentlichen Bestimmung deffelben gemäß erklärt haben? Wollen befürchten, durch ein aufrichtiges Bekenntuiß philanthropischer Grundsätze dem philanthropischen Erziehungswesen geschadet, daffelbe zu Grunde gerichtet zu haben? Ich muß gestehen, daß ich diesem mehr als melanchtonischen Kleinmuth, mit'Ihren auch Basedow'schen Grundsätzen, die ich sehr verehre, nicht recht zustimmen kann. Ich von meiner Seite finde das Anerbieten der philanthropischen Vorsteher ihrer würdig, aber eben nicht außerordentlich. Denn daß jüdische Schüler und Zöglinge ausgenommen werden, dieses geschieht auf allen niedern und hohen Schulen Deutschlands, und aus die Abschaffung kleiner pedantischer Unterscheidungszeichen, die bei Promotionen und Streitübungen noch auf mancher Universitär im Schwange sind, legt doch wohl niemand einen sonderlichen Werth. — Und daß Sie Unchristen auch zu Lehrern annehmen wollen, ist sicherlich nicht befremdender, als daß eine Königl. Preußische Akademie der Wiffenschaflen einen Juden zum Mitgliede erwählt haben; daß die Gesellschaft naturforschender Freunde allhier Gelehrte vom ersten Range, Geheime Finanzräche und Juden zu Mitgliedern hat; daß Mendes d'Acosta vor einigen Jahren Secretär der Londoner Societät gewesen; und daß in den dunkelsten Zeiten nicht selten Beschnittene auf den Lehrstühlen der orientalischen Sprachen, der Medicm und der Astronomie geseffen haben. Zu Anfang dieses Jahrhunderts berief der Churfürst von der Pfalz Spinösen zum Lehramte in der Philosophie, ohne dadurch für den Verfall der Akademie besorgt zu sein. Ich sehe also in Ihrer Erklärung nicht das Mindeste, das Ihnen auf irgend eine Weise Schaden oder Verachtung zuziehen könnte. Welcher vernünftige Mensch wird Basedow und Ihnen die lächerliche Intoleranz zutrauen, daß Sie Ihre Zöglinge nicht werden in der Buchhaltung von einem geschickten Buchhalter unterrichten laffen, weil er das neue Testament nicht annehmen zu können glaubt? Aber von der andern Seite ist auch dieses so ausgemacht noch nicht, daß nicht so manche Israeliten die philanthropische Einladung mit dem verdienten Dank annehmen und sich zu Nutze machen werden. Als ich das Vergnügen hatte, vor Ihrer Abreise mit Ihnen selbst und einige Zeit darauf mit Herrn Profeffor Simon von dieser Materie zu sprechen, machte ich mir von diesem Projecte überhaupt keine sonderliche Hoffnung. Herr Weffely, der befferes Zutrauen hatte, unterzog sich der Sache mit löblichem Eifer und fährt noch immer fort, sie zu betreiben. Ich hoffe, seine Bemühung soll nicht ganz ftuchrlos sein. Der 24*

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