Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1876)
- Date
- 1876-06-20
- Page
- Seite 402 (sequence 8)
- Language
- German
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402 eine edlere Gestaltung zu geben und Anstaud und Wurde in demselben zu erhalten. Die „Schächtangelegenheit" wurde in letzter Zeit auch in Württemberg verhandelt. In politischen Blättern (Beobachter, Stuttgarter Tageblatt) erhoben sich verschiedene Stimmen pro und contra. Der Magistrat der Stadt Rvtttveil verbot mit Einführung der Schlachtmaske die jüdisch-rituelle Schlachtmethode. Dieses Verbot wurde aber von der Kreisregierung des Schwarzwaldkreises wieder aufgehoben. Aus dem Poseuschen, 25. Mai. (Privatmittheilung.) Wie sehr unsere Gemeinden den sie heimsuchenven herumziehenden polnisch-jüdischen Schnorrern auf die Finger sehen müssen und sich von deren äußern Frömmelei nicht tauschen lassen dürfen, beweist wiederum folgender Vorfall: Am 20. d. M. verrich. teten in der Synagoge zu Pinne, Samterschen Kreises, zwei zugewanderte polnische Juden ihre Morgenandacht, natürlich tief in Gebetmäntel gehüllt und mit den diesen Leuten eigenen Gesticulationen. Die Gemeinde, selbst der Gemeindediener, hatten längst das Gotteshaus verlassen, und »och hatten die beiden Frommen ihr Gebet nicht beendet, sondern weilten noch lange in demselben. Dem gegenüber der Synagoge wohnenden Kaufmann L. kam dies verdächtig vor, und er hatte nichts eiligeres zu thun, als den Synagogendiener zu veranlassen, nachzufehen, was denn diese beiden Wanderer so lange in der Synagoge zu thun haben. Wer beschreibt aber das Erstaunen des Gemeindedieners, als er in die Synagoge trat und die beiden Polen, anstatt, wie er dachte, veNieft im Gebet anzutreffen, beschäftigt sah, mit einem spitzigen eisernen Instrument die eiserne Thür zu der in der Wand eingemauerten Almosenbüchse zu erbrechen, von der sie bereits einige Schrauben abgelöst hatten. Der Gemeindediener wollte seinen Augen nicht trauen und stand wie versteinert da. Diesen Umstand machten sich die pfiffigen Spitzbuben zu Nutze und entschlüpften, ehe ersterer sie der Polizei überliefern konnte. Beim Vorsteher des Vereins gegen Hausbettelei daselbst, bei dem sie sich zuvor eine Unterstützung geholt, gaben sie ihre Namen als Beermann Jsaaksohn aus Wilna und Aron Kevetkowski aus Bresk in Russisch-Polen an. Beide find von schlanker Statur, der Eine trägt einen schwarzen, der Andere einen rothen Vollbart. Letzterer hat ein pockennarbiges Gesicht. Vielleicht gelingt es, diese Strolche irgendwo dingfest zu machen, da sie wahrscheinlich ihr Handwerk auch anderwärts betreiben werden. Oesterreich - Ungarn. AUS Galizien, 1. Juni. (Privatmiltheil.) Seit langer Zeit wird die Aufmerksamkeit auch außerhalb unsres Kronlandes von der Stellung in Anspruch genommen, welche zwischen den Polen, Ruthenen und Juden zueinander besteht, und wie sie sich entwickelt und gestaltet. Je ausschließlicher der reizbare Nationalgeist die Polen gegen die beiden anderen Bevölkeruvgstheile des Landes machte, desto mehr sahen sich die Juden genöthigt, sich auf die Verfassung zu stützen, wenn sie nicht, wie früher, in den Staub getteten werden wollten. Ihr politisches Sweben wurde aber hierdurch ein den polnischen Zielen völlig entgegengesetztes, und die Anfeindung der Polen den Juden wieder um so fühlbarer. Jndeß zeigte der Fortgang der poliüschen Verhältnisse den Polen immer mehr, daß sie auf diesem Wege ihr Ziel gänzlich verfehlten, und es scheint daher mehr Besonnenheit und mehr Billigkeit in ihnen zu erwachen. Die Juden aber sind zu einer Verständigung stets geneigt und bereit. Hierüber geben die beiden folgenden Artikel aus Lemberg in der „N. fr. Pr." einigen Ausschluß. Allerdings hätten sich die Juden vorzusehen, daß sie schließlich nicht wieder dupirt werden, wie dies bereits schon mehrere Male geschehen. Vom 28. Mai. In Folge der Erledigung von vierundzwanzig curulischen Stühlen wurden die Ergänzungswahlen für die hiesige Stadtvertretung, deren dreijährige Mandatsdauer erst im Februar künftigen Jahres ablaust, auf den 6. Juni l. I. anberaumt. Die Gemeinderathswahlew, welche hier ftüher bei dem sprichwörtlich gewordenen Jndifferentismus der Wählerschaft äußerst ruhig zu verlaufen pflegten, haben bei uns erst seit drei Jahren ein größeres Interesse und bekanntlich auch eine mehr als locale Bedeutung erlangt. Das Verdienst aber, die hiesige Wählerschaft aus chrer langjährigen Apathie aufgerüttelt zu haben, gebührt unstreitig dem Herrn Dobrzanski und dessen biederen Gesinnungsgenossen, welche — durch die mit gesteigerter Energie gegen Juden und Liberale bewiebenen Verhetzungen — an den arg mißleiteten und bethörten Vorstadtbürgern pflichteifrige Bundesgenossen gewannen. Auf diese Weise gelang es nun dieser Clique, zahlreiche unlautere Elemente zur Wahl herauzuziehen und hierdurch der forsschrittsfeindlichen Partei zum Siege zu verhelfen. Selbstverständlich wurden die Juden zur Sttafe für ihre Verfaffungstteue beinahe gänzlich aus der Gemeindeverwetung eliminirt. Die demonstrattve Ausschließung der Juden von der hiesigen Communalverwetung hatte aber zur Folge, daß bei den Gemeinderathswahlen in Buczacz, Szczerzec, Kolomea, Horodenka, Rozwadow, Nadworna, Brzesko, Mikulince und in vielen anderen Städten Ostgaliziens, in welchen die jüdische Bevölkerung über die Majorität verfügt, hinsichttich der polnischen Wählerschaft der umgekehrte Vorgang beobachtet wurde. Nur dem Eingreifen der einsichtigeren Parteiführer ist es zu danken, daß diese Vorgänge, welche bald zu einem bedauerlichen Racenkampf ausgeartet waren, vorläufig in der gegenseitigen Annäherung beider Parteien einen theilweife befriedigenden Abschluß fanden. Bei den bevorstehenden Ersatzwahlen für die Lemberger Gemeinvevertremng wird es sich nun zeigen, ob die Drachensaat, welche das Organ des hiesigen Mob ausstreute, noch fortwuchert, oder ob auch schon bei unseren berüchtigten Hetzern die Besonnenheit endlich eingekehrt ist.