Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 103 (28.8.1838)
- Date
- 1838-08-28
- Page
- Seite 418 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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418 3frad, der alte Beter, Denkt noch Eurer in der Seele: Zwar ward ihm die weite Erde Zu Willkomm nem, theurem Heerde, Doch die narbenvolle Seele Denkt noch an die Gräberhöhle! Correspondenzen, Auszüge, Repliken. Bromberg, den 26. Z^li. Gemeinde-Verhältnisse. Bei der preußischen Besitznahme im Jahre 1772 hielten sich hier nur vrer jüdische Familien auf, die den Namen Schutzjuden erhielten. Jetzt sind hier 65 jüdische Familien, bestehend aus 420 Seelen. Es ist hier der Sitz mehrer hohen Behörden, nämlich: der Regierung, des Oberlandes-, des Land- und Stadtgerichts u. m. a., wodurch dieser Ort schon, wie auch durch seine Lage am Kanal gleiches Namens, eine bedeutende Stellung einnimmt und dem zufolge nicht ohne Einfluß auf die umliegenden Städte seines Regierungsbezirks ist. Das Gesetz für das Großhcrzogthum Posen vom ‘1. Juni 1833 brachte in vieler Hinsicht auch in unserer Gemeinde die besten Folgen hervor. Die innern, sonst getheilten Kräfte wurden dadurch zu einem geordneten festen Verbände, so daß jede einzelne Corporation die Gestalt eines kleinen constitutionellen Lebens bekam. Es sind nemlich in allen Gemeinden unserer Provinz aus deren Mitte Verwaltungs-Beamte, als administrative, und Repräsentanten, als vertretende, gesetzgebende Körper, gewählt worden, wodurch natürlich die Gemeinde-Angelegenheiten in gesetzlicher giltigster Form auf das zweckmäßigste gehandhabt werden konnten. So haben auch wir uns an der Spitze der Gemeinde seit Einführung jener Ordnung der tüchtigsten' und einsichtsvollsten Männer zu erfreuen gehabt, deren segensreiches Wirken die allgemein st e l n e r k e n n u n g v e r d i e n t. Den Bemühungen der Herren Jacob Schmuel Badt, I. L. Jacobi, Jacob Leben heim, Isidor Hirschberg und Isidor Asch, welche sich zu einem Bau-Comite constituirt hatten, verdanken wir den sehr schönen Tempel. Nicht allein, daß sie unverdropen dessen schnellen Aufbau betrieben, so haben sie noch das Verdienst, zu einer Zeit, wo sich hier Partheien in Menge zeigten, für die Tilgung der durch diesen Bau entstandenen 'sehr bedeutenden Kosten, sich mit ihrem Vermögen verbürgt zu haben. Das schönste Gelingen krönt nun ihre edlen Handlungen. Heber die Großartigkeit, so wie über die Einweihung dieses Tem- Pkls haben sich mehre Blatter seiner Zeit rühmlich ausgesprochen. Als Ergänzung führe ich noch Nachstehendes an. Nachstdcm, daß Herr S a l o m o n Plc ß n e r aus Berlin in einer ergreifenden Rcde'die im Tempel zahlreich Versammelten auf die hohe Feier und Bedeutung des Tages hinwies, leitete er auch die Ordnung des Gottesdienstes und wurden hierzu seine in hebräischer und deutscher Sprache verfaßten Gesänge von einem Vorbeter und einem Chore unter Musikbegleitung vorgetragen. Der Chor bestand aus sechszehn der vornehmsten und gebildetsten jüdischen jungen Leute; Gesang und Musik waren geregelt und dem Orte angemessen. Der Tempel wird hier den schönsten Gebäuden beigezählt und kostet nah an 14,000 Thaler; ein Werk, das unserer Gemeinde in Betracht ihrer kleinen Anzahl zur größten Ehre gereicht und das sprechendste Zeugniß ihres wahren frommen Sinnes giebt. Die Schenkungen des Kleidermachers Herrn Benjamin Prochlsreiln und des Mädchenvereins verdienen besondere Erwähnung. Erstcrer schenkte dem Tempel einen meisterhaft gearbeiteten mit Silber reich ausgeschmückten Vorhang zur heiligen Lade; letztgedachter Verein bestand aus allen hiesigen jungen jüdischen Mädchen, die zu dem Zwecke sich vereinigten, um Handarbeiten zu liefern, deren Erlös zur Anschaffung dcS Silberschmuckö für die uns Israeliten heiligen. Gesetzrollen angewendet werden mußte. Eine dieser Handarbeiten wurde von dem Herrn Moritz Schmuel für 83 Thaler gekauft; man kann hieraus ungefähr den Maaßstab erkennen, wie hoch das edle Streben dieser jungen Damen ausgenommen worden ist. Ich komme jetzt auf die innern Angelegenheiten der Gemeinde und deren gesellschaftliche Beziehung zu den christlichen Einwohnern.. Eine große jüdische Elementarschule besteht hier nicht, ist auch nicht nelhwendig, weil unsere Jugend großentheils die christlichen Schulen und zwar: daö Gymnasium, die große Stadtschule, zu deren Gründung die hiesigen israelitischen Bürger beigesteuerr haben, und mehre andere Lehranstalten besuchen, weshalb sich auch nur höchstens ein tüchtiger jüd. Lehrer hier erhalten konnte; die übrigen sind unzurechnungsfähig und ist ihr Wirkungskreis mehr auf den Klcinkindcr-Unterricht hingewiesen Ein solcher Lehrer der crsteren Art ist der noch jetzt thätige Herr Benedict Loevenberg, zu dessen Lobe ich nur sage, daß cs wol Seinesgleichen selten Jemand giebt, den daö geistige und sittliche Wohl seiner ihm anvertrauten Zöglinge mehr am Herzen läge und welcher aus wahrem innern Berufe dieselben so förderte, als er. Die gebildetsten und achtbarsten jungen Leute Brombergs nennen sich seine dankbaren Schüler. Aechten religiösen Sinn findet man hier durchweg vorherrschend, den JndifferentismuS kennt man hier nur demNamen nach. Die Andacht im Gotteshause geschieht nach Vorschrift einer Synagogen-Ordnung in größter Ruhe und Ordnung. Eines Rabbinen entbehren wir noch immer, zur Aufnahme eines solchen wird die Gemeinde vor gänzlicher Regulirung ihrer Schulden so leicht sich nicht entschließen. In neuester Zeit hörten wir im Tempel sehr gehaltvolle religiöse Vorträge von den Herren Rabb. Lieb schütz und den 1>. D. Hirschfeld, F ahrenbach und Falkenheim. Auf die Erlernung der Künste und Handwerke wird sehr gesebcn, und dürfte Bromberg in diesem Geiste, im Verhältnisse zu großem Städten, diese bei weitem überbieten. Folgende Beispiele mögen dafür sprechen. , Man findet hier unter den, Israeliten: Schneider, Kürschner, Schuhmacher, Gärber, Färber, Nagelschmiede, Tischler, Seifensieder, Buchbinder, Schriftsetzer, Nadler, Klempner, Handschuhmacher, Schlösser, Gelbgießer, Goldschmiede, Posamentiere, Pettschaftstecher, Uhrmacher und Bildhauer, von denen viele noch in der Lehre, viele schon in der Fremde sich befinden. Mehre dieser jungen Handwerker sind die Söhne der bemittelsten und vornehmsten Aeltern und haben sie auch größtentheils daö Gymnasium besucht. Da6 gesellschaftliche Leben schließt hier die israelitischen Einwohner keineswegeS aus; man findet nicht selten bei Festmalen, allgemeinen Stadtfeierlichkeiten beide Confessionen innig vereint; auch gehören die anständigsten und würdigsten Israeliten zu den meisten hier bestehenden Vereinen, wozu ihre Intelligenz nicht wenig beitragt. Die Behörden benehmen sich auf das lojalste und suchen womöglich die Äorurtbeile gegen Israeliten zu entfernen. Ein großer Theil hiesiger Israeliten wurde schon seit dem Jahre 1818 zu Stadtbürgern erhoben, wahrend ihnen in keiner ■ andern Stadt unserer Provinz die Bürgerchre zu Theil geworden, wozu neuerdings, nach Einführung des neuen Gesetzes, nur diejenigen gelangen, welche von der königlichen Regierung Naturalist rt sinh. Ihre Aufforderung zur Subscription, Behufs Gründung einer jüdisch-theologischen Facultät, und eines Seminars hat die zeitigen Herren Verwaltungs-Beamten Manuel L. Jacobi und Jacob Leben heim Hierselbst zur Eröffnung einer SubscriptionSliste veranlaßt und haben dieselben mir die Einsammlung der Unterschriften übertragen, wovon ich mir daö beste Resultat verspreche. Herrmann Jacobi. *) Wie steht eö aber mit dem Religionö-Unternchte? Red. Redacteur vr. L. Khilippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B Hirschfelv.