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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-04-25 · Heft 17 (25.4.1876) · p. Seite 277

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 17 (25.4.1876)
Date
1876-04-25
Page
Seite 277 (sequence 15)
Language
German
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277 Stellen Sentenzen zusammenzutragen und zu combiniren, wobei Wahl und Verbindung doch nur fubjectiv bleiben; dazu bedarf es nicht ein System künstlich auf- und zusammenzubauen, vas doch nur den Eingeweihten und Sichvertiefenden eine klare Vorstellung gestattet, nein, wir brauchen die h. Schrift nur aufzuschlagen, und mit Sinn und Herz irgend einen hervorragenden Ausspruch in's Auge zu fassen, um unser Verlangen befriedigt zu sehen. Dies ist ja eben der unerreichbare Vorzug der durch die ganze Bibel zerstreuten Satze, daß in ihnen die große und kleine Welt sich mit leuchtender Wahrheit abspiegelt und der ganze Mensch von ihnen ergriffen wirb, wenn er sich ergreifen zu laffen den Willen hat; ich sage den Willen, denn die Fähigkeit dazu hat Jeder, der einfachste Verstand und das einfältige Gemüth oft mehr als der klügelnde Gelehrte. In zwei winzigen Bersgliedern spricht sich oft vollständig das aus, was aufrichtig beherzigt unserm ganzen Leben vorzuleuchten vermag und unserer seelischen Welt das Gepräge der Erhabenheit und Reinheit einsenkt. Einen solchen biblischen Ausspruch haben wir an die Spitze unsres Artikels gestellt. Lies den Spruch aus Psalm 12 l, 2 noch einmal, und Du wirst gewahren, daß hier der Makrokosmus und der Mikrokosmus, daß das All mit seinen unermeßlichen Raumen und das Individuum unmittelbar miteinander verbunden sind, mit der Anschauung des Universums, die des kleinen menschlichen Daseins. Dies ist das Charakteristicum der wahren Anschauungen der h. Schrift. Kein Rationalgott, kein particularistischer Gott, kein in Menschenwesen und Menschengestalt sich verkörpernder Gott, sondern derselbe Schöpfer des AÜ's offenbart sich in den Geschicken jedes einzelnen Menschen: Der Schöpfer der Welt ist auch mein Helfer, bewahrt sich an meinem individuellen Ich. Dist ist eine großartige Anschauung, deren ganze Bedeutung wir darum nicht genug würdigen, weil sie uns durch die h. Schrift so geläufig geworden. Die Welt der Erscheinungen ist nicht aus sich selbst geworden, denn sonst hatte sie gewesen sein müffen, bevor sie war; sie hat einen höchsten Urheber; sie ist durch Gesetze und »ach Gesetzen geworden, welche sie sich selbst nicht einsenken konnte, weil diese sonst in ihr hätten sein müffen, bevor sie selbst war; weil sie besteht, vermag sie dies nur durch Planmäßigkeit und Ordnung, und diese können nur aus einem Gedanken entspringen, aus einem höchsten, allumfaffenden Gedanken. Mit dieser Lehre beginnt die h. Schrift und ohne sie wäre sie selbst unverständlich. Dieser Schöpfer des All's ist „der Ewige", das ewige, unveränderliche Sein, das alles individuelle Sein als Werden und Vergehen hervorgebracht hat, welches letztere in seiner beständigen Bewegung und Flucht dem All nichts giebt und nichts nimmt. Und dieses ewige Wesen trägt auch jedes individuelle Wesen, jeden Menschen, auch mich. Wie ich mich im All, in der unendlichen Kette der Wesen als ein individuelles Dasein fühle und mir bewußt bin, weiß und fühle ich mich in unmittelbarer Verbindung mit diesem Gotte, der mir Hülfe zukommen läßt — nur muß ich diese als Hülfe zu verstehen wissen. Allem wird geholfen, wenn man vom Augenblicke absieht. Denn alles Leid ist vergänglich, aller Schmerz verflüchtigt sich, alle Bedrängniß erweitert sich, sei es auch durch den erlösenden Tod. Blicke nur aus Dein vergangenes Leben zurück, und Du siehst, daß Dir immer geholfen worden. — 'rs b?72 — nicht 'rrn — von mit Gott, nicht unmittelbar aus Gott heraus, sondern mit den Mitteln, die er dazu verwendet. Denn alles ist Fügung Gottes. Dies ist echt jüdische Lehre. Auch in der Natur ist Fügung; denn obschon in ihr alles nach den Gesetzen Gottes vor sich geht, trifft doch das Einzelne zu- und aufeinander durch Fügung. Nicht blos die großen Geschicke der Menschen, die z. B. schon an der Wiege entscheidend als Vater und Mutter stehen, sind Fügung, sondern auch die kleinsten, die Stimmung des Augenblicks, hervorgebracht etwa durch den fteundlichen Gruß oder das verdrießliche Wort eines Andern. Ganz besonders aber waltet im inner» Seelenleben des Menschen die Fügung. Die wunderbare Gedankenverbindung (Jdeenasiocialion), in welcher an irgend eine zufällige Vorstellung sich eine lange Kette voneinander hervorrufenden Vorstellungen, Urtheilen und Schlüffen knüpft, ist das ftuchtbare Feld der Fügung. Forsche doch einmal nach, wenn Dir ein rettender Gedanke gekommen, der, in Wille und Thal ungesetzt, eine erlösende Wirkung für Dich und andere geübt hat, woher er gekommen, wo er angeknüpft, wie er sich gebildet, entwickelt und herausgestaltet hat? In den meisten Fällen hast Du auf diesen Gang der sich bedingenden Ideen nicht geachtet. Aber wo Dir das Bewußtsein darin hilft, erkennst Du einen sonderbaren Untergrund, der an sich diese Folge gar nicht verspricht, oder ein blitzähnliches Aufleuchten, das die Nacht Deiner Seele erhellte. Dies ist alles Fügung, und alle Fügung von Gott; sonst wäre es Zufall, und Zufall ist zwecklos, und Zwecklosigkeit unmöglich in der Welt der Ordnung. Alle göttliche Fügung ist aber Hülfe, Heil. Der Mensch mit seinem freien Willen ergreift sie und benutzt sie nach der Richtung seines Willens, in der Bethätigung seines Denkens und Fühlens. Er lebt in der Welt der Fügung, aber er bewegt sich und handelt darin nach eigner Entschließung. So bringt dieser Psalmvers die ganze Weltanschauung des Judenthums zum Ausdruck, ist gleichsam ein Bekenntniß derselben, aber wie er doch nur ein unmittelbarer Ausruf des Menschenherzens ist, ein Erzeugniß der Gedankenwelt aus dem Gemürhe heraus, bietet er zugleich eine Quelle des Trostes, der Zuversicht, des Muthes und der Kraft.

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