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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-04-11 · Heft 15 (11.4.1876) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 15 (11.4.1876)
Date
1876-04-11
Page
Seite 245 (sequence 13)
Language
German
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245 Barot, und I. Landau. Aus den Ostseeprovinzen gelangte N. als Mandatar nach St. Petersburg, und wurde von den bereits angekommenen Mitgliedern mit großer Aufmerksamkeit empfangen. — Er war von ihnen schon im Voraus zum Vorsitzenden der Commission bestimmt, und dem wohlwollenden Lanskoi, damaligen Minister des Innern, war diese Wahl nach Wunsch. Wie er diese schwere Aufgabe gelöst, kann man aus dem Journal des Ministeriums des Innern vom Sept. 1857 ersehen. — War er schon von früher her durch seine Elaborate den einzelnen Ministern bekannt, so erwarb ihm sein tactvolles Auftreten in St. Petersburg die größte Achtung von Seiten der Minister des Innern, und der Bolksaufklärung, und deren Gehülfen. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Robespierre und die Juden. Zu den größten psychologischen Räthseln, welche die Geschichte aufstellt, gehört das berüchtigte Haupt der französischen Terroristen von 1793 und 94, Maximilian Robespierre. Denn seine Lebenszeit bis zu der großen Wendung, welche die politischen Angelegenheiten in Frankreich mit der Flucht des Königs Ludwig XVI. und deffeu Verhaftung in Barennes nahmen, zeigt uns ein in vielen Stücken ganz entgegengesetztes Bild, als die darauf folgende bis zu seinem Tode. Zwar erkennt man schon damals in Robespierre den Mann der unerbittlichen Consequenz aus den von ihm aufgestellten Principien — aber diese waren Grundsätze der Humanität und Milde. Als Knabe war seine Lieblingsneigung die Zucht von Tauben und Sperlingen, und als er einst auf vieles Bitten seiner Schwester dieser eine Taube zur Pflege überließ, diese jedoch durch Vernachlässigung starb, war er außer sich vor Schmerz, und vertraute der Schwester die Pflege seiner Thierchen nie wieder an. Nach vollendeten Studien wurde er in seiner Vaterstadt Arras zum Mitglied des dortigen Criminalgerichtes ernannt. Als aber das Gericht einen Mörder zum Tode verurtheilte, legte Robespierre sein Amt nieder, weil er der menschlichen Gesellschaft das Recht absprach, ein Todesurtheil zu fällen. Zwei Tage lang soll er aus Aufregung keine Nahrung haben zu sich nehmen können. Diesen Ansichten gemäß trug er als Mitglied der constituirenden Nationalversammlung am 30. Mai 1791 auf die Abschaffung der Todesstrafe an und hielt darüber eine merkwürdige Rede — derselbe Robespierre, der zwei Jahre spater (1793) den Massenmord predigte, organisirte und ausführte! Auch trat er bis zur Flucht des Königs durchaus nicht als Republikaner auf, und bezeugte sogar mehrere Male seine Ehrfurcht vor König und Königthum. Dieser Robespierre war es nun auch, der in seiner Humanitätsperiode der erste war, welcher für die Gleichstellung der Juden mit größtem Nachdruck eintrat, damals freilich noch ohne Erfolg. Es war für ihn eine unbezweifelte Folge des großen Princips der Gleichberechtigung. Es war am 23. December 1791, als er gegen den Abbs Maury die Nichtkatholiken, die Protestanten und Juden, sowie die Schauspieler vertheidigte und für sie alle Rechte, auch Aemter zu bekleiden und Mitglieder der Nationalversammlung sein zu können, forderte. Er sagte: „Ueber die Juden hat man euch viel gesagt, was maßlos übertrieben ist und der Geschichte widerspricht. Die Fehler der Juden entstehen aus der Erniedrigung, in welcher ihr sie gehalten habt. Sie werden gut sein, wenn sie einen Vortheil darin finden werden, es zu sein. Ich glaube, daß man keinen einzigen aus diesen Klaffen der heiligen Rechte berauben darf, welche ihnen der Name Mensch giebt. Diese Sache ist die allgemeine, man muß das Princip decretiren." (S. Der Neue Plutarch, Bd. II, Biographie von Maximilian Robespierre. S. 15.) Als ein ganz anderer Mann trat Robespierre in den Convent ein am 21. September 1792. Die revolutionären Leidenschaften waren bereits auf's Höchste entflammt, und die Parteien, namentlich die Männer des Berges und die Girondisten, standen sich mit sinnloser Wuth gegenüber. Die „Augsb. Allg. Ztg." brachte vor Kurzem in ihren Beilagen eine Biographie Moritz Hartmann's von Kinkel. Letzterer lernte Hartmann im Sommer 1848 bei dessen erstem Besuche Bonns kennen, und schildert ihn mit folgenden Worten: „Damals 27 Jahre alt, war er eine hinreißende Erscheinung, schön, steundlich und dabei fest in seiner Ueberzeugung, mit jenen zwei höchsten Gaben der Conversation ausgestattei: erstens ruhig zu hören und zweitens vortrefflich zu sprechen. Die südliche Phantasie des Oesterreichers gab ihm Schwung, seine norddeutsche Bildung gab ihm Halt, und mit dem Weltbürgerthum des Juden verband sich ein fester deutscher Patriotismus, der fast in Nationalstolz sich aussprach." In dem Schlußartikel sagt Kinkel: „In die Politik kam er vom Gemüth aus, weil er in seiner Jugend um sich herum so viel Druck und Armuth sah; der ihm als Juden angeborene weltbürgerliche Sinn ließ wohl einen starken deutschen Patriotismus, nie aber eine Spur von Nationalhaß in ihm aufkommen, und trotz seiner starken revolutionären Impulse blieb er für alle internationalen Bezüge unwandelbar der Apostel des Friedens." — Wir heben diese Worte heraus, weil sie uns in präcisester Weise die Denk- und Gefühlsart jedes wahrhaft gebildeten Juden zu charaklerisiren scheinen. Der weltbürgerliche Sinn schließt das Nationalgefühl, den Patriotismus ebensowenig aus, wie der Patriotismus die Familienliebe; alle drei Lebensmomente vereinigen sich vielmehr und befruchten gegenseitig den gemeinsamen seelischen Boden. Schade ist es, daß solche Aussprüche unparteiischer Beobachtung so schnell am Publikum vorübergehen und sich in der Fluth dessen verlieren, was Vorurtheil und Haß heranschwemmen.

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