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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-02-08 · Heft 6 (8.2.1876) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 6 (8.2.1876)
Date
1876-02-08
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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83 Jahrtausenden in Deutschland wohnen, in einigen Theilen sogar vor der Ankunft der jetzigen deutschen Volksstämme! Die Gründe also, die Ihr für das Recht der Deutschen in Rußland, sich als Glieder des Staates und der Nation anzusehen vorbringt, sprechen mit noch viel größerm Nachdruck für die Juden in Deutschland. Die „K. Z." bemerkt mit Recht, daß, „wenn solche Leute in Rußland dem Ruffen gegenüber Deutsche bleiben", und von ihm „Njemzi" genannt werden, dies aus confessionellem Motiv herrührt, weil jene nicht zur orthodoxen Kirche gehören. Auch dies ist hinsichtlich der Juden in Deutschland der Fall, die in jeder anderen Beziehung, in Sprache, Sitte, Lebensweise und geistiger Tendenz vollständig deutsch sind. — Noch mehr werden wir an die Art und Weise, wie in Deutschland der Einfluß der Juden besprochen wird, erinnert, wenn die „K. Z." die völlig unbegründete Insinuation des russischen Blattes bekämpft, daß die Deutschen die Urheber des in Rußland grasiirenden Nihilismus seien. In ganz gleicher Weise .beschuldigen die Deutschen ihre jüdischen Mitbürger, die Entchristlichung des deutschen Volkes und Staates zu beabsichtigen und zu bewirken, den antikirchlichen Geist zu verbreiten, die materialistische Richtung und das materielle Streben hervorgerufen zu haben u. s. w., ja, nach den Aussagen der Ultramontanen waren die Juden die Urheber des ganzen Culturkampfes. Denn was die Juden nicht thun, thun die „Judengenosien". Es ist dies Alles ebenso unwahr und lächerlich, wie wenn die Deutschen in Rußland die Urheber und Träger des Nihilismus sein sollen, und die absichtliche Uebertreibung des Deutscheneinflusies giebt sich dort, wie hier die des jüdischen, zu erkennen. Jndeß mag diese Vergleichung an der Hand jenes Leitartikels der „K. Z." Jeder weiter verfolgen, der sich dafür interessirt. Als deutschem Journalisten konnte es bei dem Verfasier nicht ausbleiben, daß er schließlich — auf die Juden verfällt und, um die Deutschen in Rußland rein zu waschen, alle Sünden den Juden zuschreibt. „Russki Mir" hatte in seiner Anklage der Deutschen gar nichts von den Einflüßen der Deutschen auf Industrie und Handel in Rußland und darum auch nicht von deren Vorgehen in der letzten Schwindel- und Gründerperiode gesprochen. Im Gefühl, daß diese dunkle Seite doch in Rußland zur Sprache kommt, will die „K. Z." diese Lücke ausfüllen. Sie rühmt es, wie die Deutschen sich der ausgebreilelsten Wirksamkeit in Rußlands Handel und Industrie befleißigen, wie sie auch bedeutende Bankhäuser gegründet haben; sie giebt zu, daß an den „kühnen Actienunternehmungen die Deutschen in Moskau besonders stark betheiligt sind", daß „das deutsche Element auf diesem Boden manche Schattenseite offenbart", daß die Deutschen in diesem Schwindel- und Gründerthum „die Lehrmeister der Ruffen" gewesen sind — da es aber nun in Petersburg, Moskau und Odeffa, gerade wie in Wien und Berlin, zum Bruch und zum Zusammensturz kam — da sollen es mit Einemmale nach der „K. Z." die Juden gewesen sein, Rigaer und Mitauer Juden; man soll unterscheiden zwischen Deutschen „urleuronischer oder hebräischer Abstammung", und der Verfasser beklagt es, daß die Ruffen diesen Unterschied nicht zu machen wüßten. Ist dies nicht ganz nach Art der „Kreuzzeilung" und der „Germania?" Man sieht allzu leicht ein, daß der Verfasser diesen ganzen Schlußpaffus, zu welchem „Ruffki Mir" keine Veranlassung gegeben, nur hinzugefügt hat, um die Juden als Prügelknaben und Sündenböcke hinzustellen. Aber auch hier giebt er selbst ein klares Argument zur Hand. Er meint, wenn einzelne Sünder Deutsche waren, warum die ganze Nation beschuldigen? Nun, abgesehen davon, daß seine Behauptung über die Mitauer, Rigaer und andere Juden auch nichts weiter als Behauptung ist, spricht nicht dasselbe Argument auch für die Jutz^n? Uebrigens mag der Verfasser sich Umsehen; welche Klagen werden nicht überall über die Unsolidität der deutschen Industrie in Maß und Qualität der Waaren verlautbar; er lese eine jüngste Abhandlung von Treilschke und was dieser über das Verschwinden der Ehrenhaftigkeit im deutschen Handwerkerstande sagt; er füge hinzu, welche Mißstände in der überhandgenommenen Verfälschung und Vergiftung der Lebensmittel, besonders des Weines, Bieres und der Milch zu Tage getreten — und frage sich, ob es möglich sei, auch hier die Juden selbst nur im Entferntesten als Mitschuldige oder gar als „Lehrmeister" anzuklagen? Wir wollen dieses Thema hier nicht weiter ausspinnen. Wir wünschen ja nichts weiter, als daß endlich der Geist der Billigkeit sich weiter verbreite und zur Herrschaft gelange. Es trage jeder den Theil, den er gesündigt, und lagere ihn nicht auf die Schultern Anderer ab. Jeder engherzige Nationalitätssinn, jeder ausschließliche Confessionalismus trägt bittere Früchte, und zwar allerorten, so daß der Eine dort selbst zu kosten bekömmt, was er hier einem Anderen aufgevrängt hat. Die Verfassung der jüdischen Gemeinden in Preußen. I. Der Ausschuß des Israelitischen Gemeindebundes in Leipzig hat folgende Petition an die preußischen Ministerien des Innern und des Eultus, sowie an das Staatsministerium gerichtet, und wird dieselbe auch bei dem Landtage einreichen. Sie lautet: „Der deutsch-israelitische Gemeindebund, welcher sich die gleichmäßige Hebung und Fortentwickelung der religiösen Institutionen, des Lehr- und Wohlthätigkeitswesens rer deutschen Juden zu seiner Hauptaufgabe gemacht hat, erblickt in der Forterhaltung und in dem gesicherten Bestände der Gemeinde das einzige Mittel Liesen Culturaufgaben und Religionspflichten zu genügen, so lange nicht der Staat für jene Aufgaben voll und ganz einzutreteu durch die Gesetze in der Lage ist. Der bezeichnet Gemeindebund, dem auch die größten jüd. Gemeinden der preußischen Monarchie angehören, mußte daher

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