Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1876)
- Date
- 1876-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227075--34182-3304036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung -es Iu-enthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zertuuz erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 21/: Bogen. Preis Vierteljährig 3 iviark. Anserate werde» mit 2» Pf. snr die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Bnchhandlunzea, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehme» Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärtuer's Buryhaadluag in Leipzig. 2» redactionellen Angelegenheiten wende man sich g» I>r. t. Philippson in Bonn; hinfichüich des Bezugs und der Inserate an Laumgärtner'» Snchhaudlung inLeivzig. Inierälk, welchebiS vonner»- tag eingeben, finden in der tarauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 40. Jahrgang. Leipzig, den 1. Februar 1876. J\? 5. Inhalt. Leitende Artikel: Zu welcher Partei steht das Judenihum? — Professor Billrotb und Berthold Auerbach.— Literarischer Wochenber icht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Köln. Bom Rheine. — Oesterreich-Ungarn: Bon der Donau, Szegedin. — Italien: Aus Oberitalien, Rom. — Rußland: Petersburg. — Amerika: New-Jork. — Femlleton: Neuere Dramen mit jüdischen stoffen. — Vermischtes. Stellende (fLxtUUf. Bonn, 29. Januar. Zu welcher Partei steht das Judenihum? Das Judenthmn ist eine positive Religion, eine der posilivefien. In seinem Inhalt wie in seinen Formen hat es diesen Charakter durch alle seine Phasen bewahrt, und selbst in der neueren Zeit, wo durch die Gegenströmungen des Culturlebens aus seinem System und seiner Erscheinung sich Manches versiüchtigt hat, besitzt des Positiven genug, um, wie es durch dieses den Gegensatz zu der Religion des Alterthums und des Mittelalters gebildet, von den heutigen Gestaltungen auf dem Gebiete der Religion und der Philosophie sich wesentlich zu unterscheiden. Alle positiven Religionen, wenn sie mit den politischen und socialen Verhältnissen der Gesellschaft in Berührung treten, stehen auf der reactionären Seite, welche jede Fortentwickelung zu einer freiheitlichen Gestaltung verurtheilt und mit aller Kraft bekämpft. Als das Christenthum in die heidnische Welt eintrat, nahm es die bestehenden Berhältniffe unbedingt an, erklärte sie für eine göttliche Ordnung, und lehrte die Unterwerfung unter sie. Es geschah dies dem Cäsarismus eines TiberiuS, Caligula, Nero gegenüber, selbst einschließlich des Sklaventhums, das unzählige Millionen von Menschen zum härtesten Joche verurtheilte. Noch heute stehen die christlichen Kirchen, wenigstens in ihren strenggläubigen Theilen, den freiheitlichen Grundsätzen und Institutionen verneinend entgegen. Nachdem der Islam seine Staaten durch das Schwert auf dem Grunde des Koran errichtet hatte, hält er sie bereits über elf Jahrhunderte auf diesem Boden fest, und alle Zuckungen und Gefahren vermögen nur ganz äußerlich Reformen ihnen aufzuzwingen. Bon den Staaten deS Brahmanismus, des Buddhismus mit seinen Jncorporationen der Gottheit, des Fo und ConfuciuS nicht zu reden. Wohl zu bemerken, revolutionär war diese Reacrion nicht selten, wenn es galt, die zeitweiligen Inhaber der weltlichen Macht, sobald sie der geistlichen sich nicht unterordnen wollten, zu stürzen, oder der eigenen Confession neue Gebiete zu unterwerfen; aber der fortschrittlichen Entwickelung stets feindlich. Die einzige Ausnahme von diesen positiven Religionen macht — das Judenthum. Es ist dies eine so merkwürdige geschichtliche Thatsache, daß sie einer näheren Betrachtung wohl würdig ist. Dem Judenthume wohnten von seinem Beginn an politische und sociale Elemente integrirend ein. Es hatte eine Nation zu bilden, einen Staat zu errichten, und hierfür eine gesetzliche Grundlage zu schaffen. Dieser nationale Staat bestand mit kurzer Unterbrechung anderthalb Jahrtausende, wenn auch während seiner zweiten Periode unter der Suzeranetat der jeweiligen Weltherrscher. Mit der Zerstreuung der Bolksmaffe war dem Judenthume die Aufgabe gestellt, auf dem Boden der ftemben Gesetzgebung und innerhalb der politischen Berhältniffe der Völker ein eigenthümliches Communalleben herzustellen. Hierzu kam aber bald durch das Christenthum und später durch den Islam, daß die Juden von den allgemeinen politischen und socialen Verhältniffen ausgeschloffen, und so das Judenthum gezwungen ward,