Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 50 (7.12.1875)
- Date
- 1875-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung -es Iudenlhums. Em unparteiisches Orgau für alles jüdische Jntereffe. Diese Zeituua erscheint wSchattlich einmal in 2 bi» 2«/, Bogen. Preis BiertÄjäbria »Mark. Inserate werden mit 20 Pf.für die .. HerauSgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philipp fon in Bonn. Verlag von Banmgärtner'S Buchhaudluog in Leipj'g Sn «dactioneUe» Lngüeaenheüen wende man sich an vr. L phiti,,son in von»; hinsichtlich de» Bezug« und der Inserate au »««aglrtntr'» Lachdaudlaag inLeivzig. Inserate, welche bi» voa»«^ t», eingeheu. sind«» inder raranfsolgew» Seilagen werden mit I Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 39. Jahrgang. Leipzig, den 7. December 1875. J\f 50. Inhalt. Leitende Artikel: Moses und Aristoteles. III. — Das Gesetz über die Bersastung der jüdischen Gemeinden in Preußen. — Lit erarischer W ochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Vom Nbein, Homburg v. d. Hohe, Köln, München. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Frankreich: Pari«. — Holland: Gendringeu. — Schweden: Stockholm. — Feuilleton: Anthropologische Daten von den Schulkindern. — Vermischtes. «Celteiu)e (fXxh&ef. Bonn, 1. December. Moses und Aristoteles. HI. Moses befand sich in einer ganz anderen Siluation, wie Aristoteles. Auch er stand naturwüchsigen Staaten gegenüber, nicht aber inmitten einer Nation, welche bereits die damals höchste Culturstufe erreicht hatte und sich selbst hoch über allen anderen Völkern stehend betrachtete; vielmehr sah Moses eine naturwüchsig angefchwollene Bolksmaffe vor sich. Er hatte also nicht als Denker das Princip zu erkunden, wonach der Staat überhaupt geworden, und aus welchem die Ziele des Staates abzuleiten seien, sondern factisch als Gesetzgeber aus dieser Bolksmaffe eine Nation und einen Staat zu organisiren, diesen ein Princip einzuflößen und die aus dem letztem fließenden Gesetze zu ertheilen. Aber schon in dem ersten Punkte, den vorhandenen Staaten gegenüber, hatte Moses eine ganz andere Anschauung wie Aristoteles. der sich aus der Befangenheit der hellenischen Selbstüberschätzung nicht befreien konnte. Diese höhere Anschauung von Moses bestand in der Einheit des Menschengeschlechtes, die ihm wiederum nochwendig war, um zu dem Begriffe der Gleichheit aller Menschen und der allgemeinen Nächstenliebe zu gelangen. Äm Geiste jener Zeit wird nun die Staatenbilvung nicht principiell und logisch erörtert, sondem als geschichtliche Thatsache dargestellt. Zuerst das Entstehen der Ehe; der erste Mensch fangt an zu arbeiten und begründet so Familie und Hausstand. Seine Söhne folgen ihm hierin; die Zahl der Familien wachst, sie werden Geschlechter, und die Geschlechter zu Bölkem; statt der Zelte werden Häuser gebaut, und die Häuser schließen sich zu Städte» zusammen. Die genealogischen Tabellen und besonders die Völkertafel in Cap. 10 geben uns hierüber Auffchluß. Immer aber werden die beiden Gesichtspunkte festgehalten: die Völker sind aus Stämmen, Geschlechtern und Familien erwachsen und stehen sich deshalb in der Verwandtschaft theils näher, rheils femer und zweitens alle diese Völker sind aus einem Paare entsproffen, d. h. sie wurzeln ihrem Urspmnge nach in der Einheit des Menschengeschlechtes. Dieses letztere Moment wird so sehr beachtet, daß, da die zahlreichen Völker sich bereits in drei Racen schattirten, diese dennoch wieder auf drei Brüder, Söhne eines Paares (Sem, Cham, Japhet) zurückgeführt werden. Nicht minder geschieht dies hinsichtlich der Sprachen. Es war eine Zeit, wo die Menschen nur eine Sprache redeten ihr Zusammenleben wurde unmöglich, sie gingen in Völker in den verschiedenen Ländern auseinander; viele Sprachen sind vorhanden, aber sie sind auf eine ursprüngliche Sprache zuruckzuführen. Man sieht hieraus, daß Moses zwar nicht in metaphysischer Weise das Naturgesetz des gesellschaftlichen Lebens aufstellte und formulirte, jedoch deutlich zu erkennen giebt, daß er die Verwandtschaft und das natürliche Anwachsen aus derselben verstärkt durch dieselbe Sprache, als das Princip und Naturgesetz der Völker- und Staatenbildung anfah. Im Gmnde war diese Anschauung von dem aristotelischen Principe gar nicht verschieden; t) 1 Mos. u, l.