Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-30 · Heft 49 (30.11.1875) · p. Seite 795

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 49 (30.11.1875)
Date
1875-11-30
Page
Seite 795 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227064--34026-3303872
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

795 Unsre Leser werden sich erinnern, daß wir damals über die außerordentlichen Ehrenbezeugungen unsre Verwunderung aussprachen, welche die europäischen Monarchen dem Fürsten dieses barbarischen verkommenen Volkes erwiesen, ohne irgend welche Garantie zu erhalten, daß es in diesem Staate nur etwas bester werden sollte. Es handelt sich ja nicht allein um Juden, sondern die in Persien weilenden Christen erfahren dieselben Mißhandlungen. Uebrigens haben es die schlauen orientalischen Fürsten und ihre Diener bereits gelernt, den Europäern in solchen Angelegenheiten die loyalsten und wärmsten Versicherungen zu geben, die zu erfüllen sie sich den Anschein geben, ohne jemals wirklich daran zu gehen. So der Schah von Persien, so der Sultan von Marokko u. f. w. Sie erlasten sogar humane Fermane, ist doch das Papier geduldig, und die Beamten wissen woran sie sind. Man laste sich von dergleichen doch nicht mehr täuschen, und gebe sich auf solche Zusicherungen hin nicht zufrieden. Redaction.» Tunis. Tunis, im October. Von hier schreibt man dem Vefsilio , Jsraelitico: Tunis hat gegen 130,000 Einwohner, von denen 80,000 Muhammedaner, 30,000 Juden und 20,000 Christen! sind. Unsere Glaubensgenossen zerfallen in 2 Gemeinden: die der Eingeborenen besteht aus 25,000 Mitgliedern und die der Livornesen, d. h. der Abkömmlinge von den aus der Pyrenäenhalbinsel Verbannten, die 5000 Mitglieder zählt. Obgleich diese beiden Gemeinden demselben Ritus folgen, dieselbe Sprache sprechen, nämlich spanisch, herrscht zwischen ihnen doch eine ganz entschiedene Abneigung. Jede Gemeinde hat eine besondere Verwaltung. Schule, Friedhof und selbst einen besondern Schächter. Zuerst durften keine Heirathen unter ihnen geschlossen werden. Das Verbot ist zwar aufgehoben; nichtsdestoweniger sind solche Heirathen doch recht selten. Mir scheint, daß eine solch' strenge; Scheidung nicht länger genährt werden dürste. Die Erziehung! gewinnt immer mehr an Bedeutung und berechtigt zu vielen! Hoffnungen, da der größte Theil der Juden fest von der Nothwendigkeit der Bildung überzeugt ist. Die Sprache, die sie am besten verstehen und die unter ihnen am meisten verbreitet ist, ist die italienische. In dieser Sprache wird auch in beiden Talmud- Thora-Schulen unterrichtet. Freilich sind nur wenige Schulen vorhanden, aber man muß dabei bedenken, daß ja dort eine arabische Regierung ist, und daß wenige von den europäischen Juden, die hier angesiedelt sind, versucht haben, irgend welchen Einfluß auf ihre Glaubensgenoffen für die Förderung der geistigen Cultur unter ihnen zu üben. Rußland. Sibirien, im Sept. In Sibirien mehren sich, und zwar auf steiwilligem Wege, die Niederlassungen der Juden. Die letzte Schätzung ergiebt, daß in Irkutsk nahe an Tausend Israeliten beiderlei Geschlechts wohnen. I e n i I Noch Etwas aas Eduard Horu's Leben. Wir haben in Nr. 47 eine Lebensskizze unsres eben Hingeschiedenen genialen Glaubensgenossen gegeben. Um aber von der arbeits- und erfolgreichsten Zeit seines Lebens nur einigermaßen eine Vorstellung zu gewähren, theilen wir hier Einiges über feinen Aufenthalt in Brüssel und Paris aus einer Biographie im „Neuen Pester Journal" mit. Horn war nach einem zweijährigen Aufenthalte in Leipzig, wohin er aus seinem Baterlande 1850 geflohen war, von der Auslieferung an Oesterreich bedroht, nach Brüffel gegangen. Abermals auf ganz stemden Boden versetzt, mußte Horn auf's Neue um Existenzmittel bedacht sein. Die persönlichen Beziehungen zu Adolph Quetelet und Xaver Heuschling, den Altnieistern der musterhaften belgischen Statistik, lenkten Horn's schriftstellerische Thätigkeit namentlich auf dieses Gebiet hinüber, wo er bald die schönsten Erfolge erzielte; sein „Statistisches Gemälde des Königreichs Belgien" wurde während des ganzen nachfolgenden Universitätsjahres von dem berühmten Professor Fallati in Tübingen als Grundlage seiner statistischen Vorträge l e 1 o «. benützt, während Horn's „Bevölkerungswiffenschastliche Studien" (Leipzig 1854) noch heute als mufiergiltig betrachtet werden. Horn hatte sich während seines Brüsseler Aufenthaltes auch die französische Sprache vollkommen angeeignet, und begann in der dortigen Tages- und Fachpresse mir so schönem Erfolge zu wirken, daß ihm im Jahre 1855 die Hauptmitarbeiterschaft bei der „Jndöpendance Belge" angeboren wurde. Horn lehnte diesen vortheilhaften Antrag ab, weil sein reges geistiges Streben ihn nach Paris zog. In Paris machte er unter Anderem die Bekanntschaft des weltberühmten Nationalökonomen Michel Chevalier, eines der Hauptmitarbeiter des „Journal des Döbats", der ihn für dieses Blatt engagirte. Nach kaum zweijähriger Thätigkeit beim „Journal des D6bats" wurde Horn ein sehr lucrativer Wirkungskreis bei der von A. Nefftzer übernommenen „Presse" eröffnet, den er jedoch nach einem Jahre, als das Blatt wieder an Emil Girardin überging, verließ, um zum „Journal des Döbats" zurückzukehren; Horn blieb einer der fleißigsten und geachtetsten Mitarbeiter dieses Weltblattes, bis im Jahre 1863 diese Thäigkeit durch seinen 8 bis lOmonatlichen Aufenthalt in Egypten unterbrochen wurde, 49

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.