Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1875)
- Date
- 1875-11-23
- Page
- Seite 782 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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782 den Slävten der Provinz Posen, einmal, weil sie sich hier „verwandt" glauben, und dann sind hier noch barmherzige „Brüder" und „Schwestern" zu treffen, die sich des armen „gelehrten" und „geleerten" polnischen Juden erbarmen. Zn den Straßen der Städte Posen, Lisia, Rrwitsch, Znowrazlaw u. s. w. sind Vertreter jeden Alters und Geschlechtes, Männer, Frauen, Greise und Kinder anzutreffen. Diese unstäten Wanderer aus der Mitte des „zerstreuten Volkes" reisen größtentheils mit einem hebräisch oder jüdisch-deutsch geschriebenen Paffe, der jedoch nicht das Signalement des Inhabers verkündet, sondern sich in Lobeserhebungen über deffen Gelehrsamkeit und sittlicher Unbescholtenheit ergießt. In den meisten Fällen hat sich der Besitzer dieses Schriftstück selbst abgefaßt oder von einem guten Freunde in der Heimath ausstellen lassen und gebraucht dasselbe bei seiner Rundreise ä la Stangen als Tour- und Retourbillet. Mit diesem Empfehlungsbriefe in der Hand klopft der polnische Jude an jede Thür, hinter welcher er einen Glaubensgenossen vermuthet. Ist derselbe in einer Stadt mit seiner Familie, in vielen Fällen führt er dieselbe mit sich, angekommen, so setzt er zunächst die Familie, wenn er sie nicht vor dem 2höre zurückläßt, in einer kleinen, abgelegenen Schanke ab und erkundigt sich dann genau nach den Häusern, in welchen Juden, und besonders, in welchen reiche Zuden wohnen, und merkwürdiger Weise wird er dabei so von seinem Gedächtnisse unterstützt, daß er nur selten einen überschlägt oder fehlgeht. Bon den bereits besprochenen Empfehlungsschreiben führt er verschiedene Exemplare mit sich, welche er je nach Gutdünken verwerthet. Es ist schon vorgekommen, daß ein polnischer Jude sich in dem einen Hause für einen Rebbe «Lehrer, Rabbiner), in einem anderen für einen Chasan i Vorbeier», in dem dritten für einen Sofer (Thora- Ausoesserer), dann für einen Ueberläufer, sei es aus Furcht vor dem Militärdienst oder auch vor der Strafe, die ihm als Steuerdefraudant zuerkannt ist und auch für einen, der, um seine Tochter verheirathen zu können, die Mitgift durch milde Gaben zusammenbringen will, ausgegeben hat. Für jede der genannten Specialitäten hat er ein Beglaubigungsschreiben. Eigenthümlich ist die Art und Weise, wie der polnische Jude seine Wünsche um Unterstützung vorbringt. Zuerst bittet er um ein Almosen, also um ein Geldgeschenk; hat er dieses erhalten, so ist er alter Kleidungsstücke sehr bedürftig, und ist dieser Wunsch beftiedigt, so fühlt sein Magen ein menschliches Rühren — ich hob schon e Porr Tog nischt gegessen — ist sein Schlußseufzer. In Vieser Reihenfolge bringt er seine Wünsche an den Mann und zeigt im Anhalten um die gewünschte Gabe, eine bis in's Weile gehende Unverschämtheit, die sich beim Abschlagen des Wunsches in ganz infamen Schimpfreden Lust macht. Hat er seinen Rundgang beendet, so versilbert er zunächst die zum Geschenk erhaltenen Kleidungsstücke, denn seine Devise ist: Geld, viel Geld. Was soll er auch mit den Kleidern? Geht er anständig angezogen, so hält man ihn — so meint er — für keinen — Schnorrer, und dann kann er ja auch sein Gesuch um alte Kleider nicht anbringen. Alsdann geht er in sein Quartier und schickt die Frau aus, die mit einem Kinde auf dem Arm und einem oder auch zweien an der Hand in ähnlicher Weise das Geschäft betreibt. Ist auch diese zurückgekehrt, so wird weitermarschirt und häufig der Wirth um die Zeche geprellt. Ueberhaupt sind diese handwerksmäßigen Schnorrer sehr raffinirte Leute. Bekannt ist ihre Fertigkeit im „sich taufen lassen". Eine ganze Anzahl von ihnen hat sich schon drei- oder auch viermal taufen lassen, natürlich gegen jedesmalige baare Entschädigung. Ist doch erst in neuester Zeit in einer Stadt die Entdeckung gemacht worden, daß der ftomme Chasan sich schon hat schmadden (laufen) lassen. In Gegenwart von Glaubensgenossen sind diese polnischen Zuden die strenggläubigsten Israeliten, während sie unbeachtet ohne Scheu alles abstreifen, was diese Religion vorschreibt." Herr Plocki untersucht hierauf die Ursachen dieser ganzen Erscheinung, die wir als bekannt voraussetzen können. Er schließt: „So ließen sich eine ganze Reihe von Ursachen aufzählen, die den polnischen Zuden bewegen, auszuwandern und die alle in den „russischen Verhältnissen", in der Intoleranz der russischen Behörden und der Bewohner Rußlands ihren Grund haben. Daß es unter diesen Zuden sehr befähigte und klar denkende Köpfe giebt, läßt sich nicht bestreiten. In vielen Städten können wir Aerzte, Rabbiner, Lehrer u. s. w. finden, deren Wiege unter jenen gestanden, die aber ftühzeitig ihre Heimath verlassen haben und so glücklich waren, Gönner und Förderer zu finden, die sich ihrer annahmen, sie Schule und Universität besuchen ließen. Bekannt sind sie als Sänger nnd man findet in den meisten jüdischen Gemeinden polnische Chasonim (Vorbeier). Zn jüngster Zeit haben sich Vereine gebildet, die Kinder von dort her zu uns herüberholen wollen, um sie hier die Schulen besuchen zu lassen. Möglich, daß mit der Zeit 'diese Menschen, die von der Barmherzigkeit ihrer Glaubensgenossen leben, eine günstigere Stellung im Culturleben einnehmen, jetzt sind sie noch eine Plage und zwar eine äußerst harte für die jüdische Bevölkerung in Deutschland im Allgemeinen und für die Provinz Posen im Besonderen." Vermischtes. Die „Voss. Z." schreibt: In der Stadt Waren (Mecklenburg) ereignete es sich vorige Woche, daß ein Kaufmann jüd. Bekenntnisses seinem durch Schulden bedrängten Leben durch Erhängen ein Ziel setzte. Der Fall erweckte aber nur Erregung gegen die Wucherer, die den Mann ausgesogen hatten, nicht gegen den Unglücklichen selbst, und die Gewährung der vollen Begräbnißceremonien nach den israelitischen Gebräuchen und ein zahlreiches Leichengefolge gaben — in großem Contrast mit dem unduldsamen Verfahren der lutherischen. Geistlichen in Fällen dieser Art — der allgemeinen Stimmung des Mitleids und Bedauerns Ausdruck.