Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 35 (24.8.1875)
- Date
- 1875-08-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227050--33770-3303596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
"Allgemeine Zeitung -es Tudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bi» 2>/, Bogen. Prer» Herrusgegeben von In «dactionellen Allgelegen heilen wende man sich an Dr. x. Phitippsou in Bonn; hinsichtlich de» Bezug» und der Inserate an »-umgärluer'i Lüchhaudluug in Leipzig. Iusrratr, welche di» vonner«- Bierteliäbrig 3 Mart. Inserate werden mit 20 Pf. fitr die Petitzeile oder deren Raum berechnet. «Le Bnchhandbmgeu, Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Postämter und Zeitung» - Expeditionen nehmen Bcftrllnnge» au. Bcrlaz von Banmgärtuer's Buchhandlung in Leipzig. tag cingrben, finde» in der darauffolgenden Sdwuner Berücksichtigung. Beilage» werde» mit 1 Mark SV Pf. pro Hundert berechnet. 39. Jahrgang. Leipzigs den 24. Auzust 1875. J%? 35. Sahalt. Leitende Artikel: Eine Mahnung. — Einige Ideen über die zukünftige Verfassung der jüd. (Gemeinden in Preußen. — 3eit»«gLnuchrichte»: Deutschland: Berlin. Aus dem Großbcrzoqchum Hessen. Bonn, Emden. Görliv <Schlesien). Aus Ostpreußen. — Oesterreich-Ungarn: Pest. Gava «Mähren), FranzenSbad. — Holland: Amsterdam. — Italien: Rom. — Türkei: Smvrna. - Ärenilleton: Die Feier des 200-jährigen Bestandes der portugiesischen Synagoge zu Amsterdam am l2. August 1875. — Correspondenz: Brody: Synagogen. j£elteiM)£ (fCt/tülcl. Bonn, 18. August. Eine Mahnung. Als der Kampf um die Gleichstellung seitens der Juden in Deutschland begann, nachdem dieselben an ihrer inneren Gleichstellung schon so wacker gearbeitet hatten: da entstanden in Städten und Provinzen Vereine, welche die Beförderung der Handwerke und Künste unter den Juden zum Zwecke halten. Wir sprechen, wie man sieht, nicht vom östlichen Europa, wo z. B. in den westrussischen Provinzen die Juden fast ausschließlich in den Städten die Handwerke und mechanischen Arbeiten, vom Steinklopfen auf den Straßen an, betrieben. Im mittleren und westlichen Europa aber waren die Juden anderthalb Jahrtausende vom Betriebe jedweden Handwerkes ausgeschloffen gewesen; die Zünfte und Gilden, wo sie noch bestanden, hielten eifersüchtig bis in die neueste Zeit auf ihre Privilegien; so z. B. durften in dem sonst so aufgeklärten Anhalt die Juden bis zum Jahre 1848 nur sg. Freimeister werden, d. h. ohne Gesellen und höchstens mit einem Lehrling, und auch dies nur auf besondere herzogliche Bewilligung. Jene Vereine hatten zwiefache Schwierigkeiten zu überwinden, zuerst Meister für die jüdischen Lehrlinge zu finden, und solche Meister verlangten ein hohes Lehrgeld; alsdann jüdischer Lehrlinge habhaft zu werden, und da diese zumeist nur aus der unbegüterten Claffe zu erwarten standen, mußten sie während der Lehrzeit in allen nothwendigen Dingen unterstützt werden, wozu denn im Ganzen nickt geringe Summen erforderlich waren. Denn es darf niemals, es darf nock heute nicht vergessen werden, daß eine anderthalb Jahrtausend lange Beschränkung auf den Handel dem jüdischen Stamme eine vorzugsweise Neigung und Befähigung für das merkantilische Fach einflößen mußte, so daß der Uebergang zum Handwerk und zur mechanischen Arbeit ein schwieriger war, vom Ackerbau gar nicht zu reden, da jede städtische Bevölkerung nur in kaum wahrnehmbarem Maße zum Ackerbau übergeht. In Frankreich, wo schon 1790 die Zünfte und Gilden verschwanden, griff man die Sache anders an. Man gründete für die jüdische Jugend Schulen für Handwerke und Künste in Mühlhausen, Colmar, Straßburg, Paris u. a. O. Diese Vereine hatten einen ersprießlichen Erfolg, namentlich in den großen Städten. So bilden in Berlin die jüdischen Handwerker einen recht bemerklichen Bruchtheil der dortigen jüdischen Bevölkerung; die Vereine in Wien und Pest haben viele Hunderte tüchtiger Meister ausgerüstet, und besondere Stiftungen erleichtern unbemittelten Meistern durck Vorschüsse die "Niederlassung. Weniger günstig war das Resultat in Mittelstädten und ruf dem Lande, besonders wo die Gemeinden nicht zahlreich waren. Hier sind auch jene Vereine meist eingegangen. Man dachte wohl auch, daß man nunmehr die Sache sich selbst überlassen dürfe. Der jüngste Zeitraum wirkte nach dieser Seite hin noch ungünstiger. Der schwindelhafte Aufschwung des finanziellen und industriellen Lebens verblendete die Eltern; denn er erforderte eine große Menge junger Kräfte, die er reichlich honorirte, und eröffnete den jungen Leuten glänzende Aussichten.