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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-08-17 · Heft 34 (17.8.1875) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 34 (17.8.1875)
Date
1875-08-17
Page
Seite 542 (sequence 4)
Language
German
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54*2 bleibe. Es giebt der Anzeichen genug, daß die neuen Simultanschulen nur die Bereinigung der beiden christlichen Confessionen bedeuten, die Juden aber nur als ein Anhängsel betrachtet werden, der zwar die materiellen Kräfte der Schule vermehrt, sonst aber nicht weiter beachtet wird und sich Alles gefallen lassen muß. Als einen Beweis können wir anführen, daß neuerdings aus mehreren Städten der Rheinprovinz von den Schulbehörden Lehrerconcurse für Simultanschulen ausgeschrieben und z. B. in der „Köln. Ztg." publicirt wurden, in welchen es ausdrücklich heißt „katholischer oder evangelischer Religion". Dieser Zusatz bei einer confessionslofen Lehrerstelle bedeutet doch unverkennbar die Ausschließung jüdischer Lehrer. Gegen eine solche müssen wir uns ausdrücklich verwahren, selbst da, wo sie nur eine principielle Bedeutung hätte. Wir verlangen nicht, daß jüdische Lehrer an specifisch confessionellen christlichen Schulen angestellt werden; will man aber die Schule confessivnslos machen, und die Juden treten dieser Tendenz bei, so darf der Confessionalismus mit seiner Ausschließungssucht nicht wieder zu einer Hinterlhür hereindringen, um nur die Juden hinauszudrangeln. Allerdings giebt es Manchen, rer wieder einen Unterschied zwischen confessionslofen und Simultanschulen macht und als letztere solche bezeichnen will, welche den beiden christlichen Confessionen gemischt angehören, die Juden aber ausschließen. Dies müssen wir aber wissen und in jedem einzelnen Falle wohl beachten. Leider giebt es Juden genug, die sich in solchen Dingen mit dem Scheine begnügen; aber jene Bekanntmachungen beobachten doch nicht einmal den Schein, und geben daher keinerlei Borwand, sich dabei beruhigen zu wollen. Berlin, 4. August. (Privatmittheil.) Ein hiesiger praktischer Arzt, Di*. S. Holländer, hat vor einiger Zeit in der A. medicin. Centralzeitung einen Aufsatz über die Beschneidung verössentlicht, der einiges Aufsehen gemacht. Er liegt uns nicht vor, aber die hiesigen Zeitungen bringen einige Auszüge, deren Resultat dahin geht, daß dieser Ritus, wenn möglich, nur Aerzten, die sich hierzu qualificiren, anvertraut werden möge. Es sei nun einmal eine Operation, bei der häufig genug so viel Cautelen zu beobachten sind, daß man unmöglich Laien für alle Eventualitäten verantwortlich machen könne, mögen sie immer eine gewisse Dexlerität und Technik sich angeeignet haben. Das ärztliche Auge und Urtheil, welches die ausführenve Hand des Operateurs leitet und worauf es so wesentlich auch bei dieser an so zartem kindlichen Organismus auszuführenden Operation ankomme, gehe dem Laien vollständig ab, und die ärztliche Assistenz komme zu spät, erst dann, wenn dem das Messer führenden Laien ein Unglück passirt ist, das nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Was solle man aber vollends sagen, wenn man noch heutzutage es mit ansehe, daß man alten Leuten mit unsicheren und zitternden Händen das Messer anvertraue? An der Hand der Casuistik illustrirt der Verfasser, dem eine reiche Erfahrung aus seiner Praxis zu Gebote steht, seine Ansicht und citirt Fälle, aus denen ersichtlich ist, welche Gefahren entstehen können, wenn dem krassen Dilettantismus auf dem Gebiete der operativen Chirurgie nicht gesteuert wird. Ferner werden mannigfache anomale Bildungen, die eine Modification des operativen Verfahrens erheischen, besprochen und schließlich das Capitel der mit Recht gefürchteten Blutungen, denen schon manches Kind zum Opfer gefallen sei, weil es dem Laien an der nöthigen Sachkenntniß und Energie mangele, gebührend berücksichtigt. — Wir erinnern uns, daß auch in diesem Blatte in früheren Jahrgängen recht dringend gerathen worden, überall, wo ein jüdischer Arzt sich befindet, diesen zu veranlassen, das Mohelamt zu übernehmen und die dazu gehörigen Ritualien zu erlernen, was ja nicht schwer ist. Gerade diejenigen, welchen die Erhaltung dieses religiösen Actes am Herzen liegt, sollten am meisten auf Beobachtung dieses Rathes dringen. Berlin, 4. August. (Privatmitth.) Aus einer Statistik der veusschen Universitäten ergiebt sich für das Sommersemester 1875 im Vergleich zum Sommersemester 1874 eine Abnahme der Gesammtsumme der auf deutschen Universitäten studirenden Mediciner von 6190 auf 6039. Eine der mannigfachen Ursachen für die Abnahme ver Mediciner möchten wir in dem Umstande suchen, daß gegenwärtig die jüdischen Studirenden in großer Zahl der Jurisprudenz sich zuwenden, während sie früher, als die juristische Carriere ihnen so gut wie verschlossen war, zum größten Theil Medicin studirten. Besonders schlagend tritt diese Thatsache bei der Vergleichung der vom hiesigen (Berliner) Hülfsverein für jüdische Studirende Unterstützten hervor. Während früher die Mediciner daS überwiegende Contingent lieferten und die Juristen nur vereinzelt waren, hat jetzt die Zahl der Letzteren die der Ersteren sogar wesentlich übertroffen. Diese Thalsache erklärt auch zum Theil die Abnahme der Mediciner gerade in Berlin, wo die jüdischen Studenten besonders zahlreich vertreten sind. — Rabbiner Dr. Levy in Breslau hat den Titel Professor erhalten. (Es ist dies der verdienstvolle Verfasser des chaldäischen und des jetzt erscheinenden talmudischen Wörterbuchs.) Berlin, 5. August. Aus dem auch in diesem Blatte veröffentlichten Derzeichniß der Vorlesungen an der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums im Wintersemester 1875/76 ergiebt sich, daß die durch den Tod des l»r. Geiger entstandene Lücke im Lehrercollegium noch nicht ausgefüllt ist; zum Theil wird vr. Geiger in den von ihm bearbeiteten Fächern von 0r. Cassel ersetzt. Die Hochschule ist bereits im Stande gewesen, auswärtigen Gemeinden Rabbiner und Religionslehrer und der hiesigen Gemeinde Prediger zur Aushülfe an den Feiertagen zuzuweisen. Die Bibliothek der Hochschule, der das Mitglied des Curatoriums, Herr Stadwerordneter vr. Neumann, eine besonders anerkennenswerthe Thatigkeit zuwendet, ist durch werthvolle Schenkungen und geeignete Ankäufe bereichert worden. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat dem Stipendienfonds einen jährlichen Beitrag von 450 Mark zugesichert.

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