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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-29 · Heft 27 (29.6.1875) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 27 (29.6.1875)
Date
1875-06-29
Page
Seite 435 (sequence 13)
Language
German
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435 aber einmal auf die Ehe zu sprechen gekommen sind, so thun wir noch einen Blick in das Handwerkerhaus. Schon damals warnte man vor verfrühten Heirathen, aus denen nur zu oft Familienunglück hervorgeht. Erst baue sich der Mensch ein Haus — sagte man mit Bezug auf Spr. 24, 27 — und pflanze einen Weinberg, und alsdann nehme er sich ein Weib. Adererseits aber gilt eine rechtzeitig eingegangene glückliche Ehe als das größte dieffeitige Lebensglück, besonders auch für den, der von seiner Hände Arbeit leben muß. Äst die Frau schläfrig, sagt ein Sprichwort, so sinkt der Brodkorb. Und von der fleißigen dagegen heißt es: Auch wenn sie plaudert, spinnt sie fort.*) Sie wird nicht allein von ihrem Manne ernährt, sondern sie hilft ihn und die Kinder ernähren. So war es z. B. in Judäa üblich, daß die Frauen wollene und in Galiläa, daß sie linnene Kleider verfertigen.**) Einer Frau, die eine gelehrte Frage stellt, giebt R. Eliezer den Bescheid: der Frau geziemt keine andere Weisheit als der Spinnrocken.***) Und der Prophet Elia antwortet dem R. Jose auf seine Frage, worin die Frau ihres Mannes Gehülfin sei (1 Mos. 2, 18): der Mann bringt Waizen in's Haus, kann er Waizen esien? Er bringt Flachs, kann er Flachs anziehen? Nein, die Frau (indem sie den Waizen mahlt und den Flachs spinnt) lichtet seine Augen und stellt ihn auf seine Füße.r) Die zum Bestände des Hauses mithelfenden Diener galten als Familienglieder. Um einen braven Diener klagt man, wenn er verstorben'. O wehe über den guten und treuen Knecht, der Nutzen schaffte mit seiner Arbeit, ftr) Rücksichtsvolle Milde gegen die Dienerschaft wird in Sprüchen sowohl als Beispielen empfohlen. Hüte dich — heißt es — feines Brod zu effen und reinen Diener schwarzes zu geben, auf Polstern zu schlafen und ihn auf Stroh zu betten, zumal, wenn er dein Volks- und Glaubensgenoffe ist; denn wer einen hebräischen Sklaven erwirbt, erwirbt eben damit einen Herrn über sich selber fri), insofern nämlich, als er sich dem Ansprüche auf liebevolle Behandlung, den dieser erheben kann, zu fügen hat. Einem Rabbi hatten die Küfer einmal ein Faß Wein auslaufen lasten. Er nahm ihnen die Röcke, um sich zu entschädigen. Da beklagten sie sich bei einem angesehenen Lehrer. Gieb ihnen — urteile dieser — ihre Röcke zurück! Heißt das Rechtsprechen? entgegnete er. Ja, sagte er, du sollst, wie Salomo ermahnt (Spr. 2, 20), den Weg der Guten gehen. Da gab er ihnen ihre Röcke zurück. Sie aber klagten weiter: Wir sind arme Leute und haben den ganzen Tag gearbeitet und hungern nun und haben nichts. Da urtelte der Schiedsrichter: Geh, gieb ihnen ihren Lohn. Heißt das Rechlsprechen? entgegnete er. Ja, sagte er, du sollst, wie dort Sa- *) Sanhedrin 7 a. Megilla 14 b. **) Baba kamroa X, 9. *"*) Joma 66 b. f) Jebamoth 63 a. tt) Berachot 16 b. ttt) Kidduschin 20 a. lomo fortsahrt, dich auf den Bahnen der Gerechten halten!*» Nach einer anderen Erzählung waren einem reichen Gelehrten vierhundert Fäffer Wein sauer geworden. Da baten ihn freimüthige Freunde, die das als göttliche Heimsuchung erkannten, daß er seinen Lebenswandel untersuchen möge. Argwöhnt ihr denn, sagte er, daß ich etwas Unrechtes gethan, weil mich dieses Unglück betroffen? Darauf jene: Kann man denn Gott beschuldigen, daß er dich ohne Ursache bestraft hat? Nun wohlan, antwortete er, wer von mir etwas Unrechtes gehört hat, der sage es! Da sagten sie: Wir haben gehört, daß der Herr feinem Gärtner den ihm zugehörigen Antheil von Weinstöcken vorenthalte. Hat mir denn der Gärtner, rief er aus, etwas übrig gelaffen? Er stiehlt mir ja Alles! Aber sie beharrten dabei, daß er dem Gärtner Unrecht thue, und verwiesen ihn auf daö Sprichwort: Wer dem Dieb etwas stiehlt, ist nicht bester als der Dieb selbst.**) Notiz. Krotoschin, 13. Juni. Im Feuilleton Ihres gesch. Bl. Nr. 23 bemerken Sie mit vollem Rechte, daß die Behauptung des Herrn Rabb. Dr. Schmiedel „die Lehre Mosis gebiete nicht den Feind zu lieben, sondern nur, ihn nicht zu hassen", ein Jrrthum ist, da die mosaische Lehre die Nächstenliebe ganz allgemein gebietet, und — wie namentlich aus dem Zusammenhänge in der Stelle 3 Mos. 19, 17. 18 klar hervorzeht — auch den Feind ausdrücklich einschließt. Auch ich habe diese Stelle stets so verstanden und in diesem Sinne gelehrt. Ich erlaube mir nun hieran eine Bemerkung zu knüpfen. Der sel. Rabb. Deutsch in Sohrau hat in einer Anmerkung zu dem von ihm edirten und übersetzten Werke Chisuk Emuna die Hypothese aufgestellt, die bekannte Stelle bei Matthäus möchte wohl dem Sinne oder vielleicht auch dem Wortlaute nach ursprünglich gelautet haben: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind nicht hassen, ich aber sage Euch: Liebet Eure Feinde". Im Laufe rer Zeit ist aber aus Versehen des Abschreibers in dem syro-chaloäischen Texte das Wörtchen rrh weggeblieben (oder war es erst Schuld des griechischen Uebersetzers?) und so aus „nicht Haffen", gerade das Entgegengesetzte entstanden. — Sollte diese Conjectur das Richtige getroffen haben, so hat der in Rede stehende Ausspruch «Match. 5, 43) offenbar auf einer Verkennung der oben erwähnten Stelle (3 Mos. 19) beruht, insofern, als nur an den Anfang des Satzes «Vers 17) *) Meziä 83 a. Der jerus. Talmud Meziä V], 6 erzählt dasselbe von einem Töpfer (kaddär), dem die Leute die Topferwaaren, die sie zu transportiren hatten, zerbrechen ließen. ** Berachot 5 b.

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