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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-15 · Heft 25 (15.6.1875) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 25 (15.6.1875)
Date
1875-06-15
Page
Seite 399 (sequence 9)
Language
German
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399 in Kiew von der Polizei ergriffen wurde, wobei er sich, gestützt auf einen vorgezeigten falschen Paß, als Baruch Soloweitschik ausgeben wollte, und als ihm dies nicht gelang, versuchte er mit einem Revolver eine Selbstmord zu begehen, was ihm ebenfalls mißlang, und leicht verwundet, wurde er an der Wiederholung verhindert. Bei ihm fand man 110,000 Rubel in ruff. Papiergelde und 10,000 Rubel in 5procentigen Bankbillets, 48,000 Rubel fehlen einstweilen. Wie es heißt, soll er von Moskau aus 5000 Rubel hierher per Disconto-Bank zum Auszahlen an seine diversen Gläubiger Übermacht, das Uebrige soll fein Mitverbrecher Busarin erhalten haben, der bis zur Stunde noch nicht ertappt worden ist. Kowner wird nach Moskau lransportirt, wo er dem Geschworenengericht übergeben wird. Das Factum an unv für sich verdient eigentlich keiner befonvern Erwähnung in einem speciell jüdischem Blatte; dergleichen ereignet sich nicht selten in großen Handelsstädten, unv wenn zufällig der Held des Tages ein Jude ist, so darf uns dies keineswegs erröthen lassen, denn statistisch genommen, wird das Judenthum in der Chronik der von Commis verübten Mißbräuche in der Minorität sein. Ein Umstand nur macht den Borfall für die jüdische Frage in Rußland wichtig, indem er von unfern Mißgönnern benutzt werden wird als Beleg für die Unzuverlässigkeit der Juden, selbst der Intelligenten und Fortschrittsmänner, für den sie Kowner hielten; während wir andererseits durch dieses Ereigniß die authentischesten Beweise führen können über die Glaubwürdigkeit der Angaben unserer Gegner, bei denen Kowner für eine Autorität galt unv den sie als besseren Juden betrachteten, eben weil er auf Juden und Judenthum geschimpft. Es ist daher von Interesse kurz gefaßte biographische Notizen von dieser Persönlichkeit zu geben, damit man urtheilen könne, welche Stellung Kowner im Judenthum einnahm unv inwiefern er als Autorität früher und als Muster gegenwärtig gelten kann. Im Jahre 1864 kam Kowner nach Kiew, angehend, daß Wissbegierde ihn bewogen habe, sich von seiner Frau zu scheiden, ihr die Kinder überlassend, um frei sich dem Studium zu widmen. Einige vermögende Glaubensgenossen fixirten ihm eine monatliche Unterstützung, damit er sorgenlos sich der Wissenschaft hingebe. Allein, wie es leider so oft der Fall ist, daß unsere Freigebigen glauben genug gethan zu haben, wenn sie spenden, ohne zu controliren, ob ihr Geld das gehoffte und gewünschte Ziel erreicht, so war es auch mit Kowner; der junge Mann Harle wohl manche Fähigkeiten, die jedoch in der Kindheit nicht gehörig gepflegt, von einseitigem Talmudstudium abgestumpft waren; und auf einmal befreit von allen früheren Banden, sich selbst überlassen, artete er aus. Anstatt Gymnasialgegenstände zu lernen, begnügte er sich mit leichter Lectüre von Romanen, beißenden Kritiken, populär-nihilistischen und verbotenen Antiregierungsschriften, wodurch er ohne gründliches Wissen sich einbildere als hervorragender Geist gelten zu können. Seine Gönner zu täuschen, ließ er sich Student der Kiewer Universität nennen, und so Briefe an sich adressiren. So bildete sich sein von Natur und von der väterlichen Erziehung noch mehr verdorbener Charakter zum frechen, aufschneiderischen, eingebildeten, moralisch verworfenen Charlatan aus. Zuerst als Eorresponbent im „Hamelitz" fing er an, Kritik zu üben, als diese 'aber mehr und mehr in unbegründete Schmähungen ausartete, wurden seine Aussätze von der Redaction znrückgewiesen, wodurch Kowner sich veranlaßt fühlte, solche und noch manche Uebersetzungen von Schleusen (aus dem Russischen, denn Deutsch versteht er gar nicht) und russ. Reologen in einem kleinen Hefte herauszugeben. Man kann sich denken, welchen Aerger diese Schmähschrift, von einem unwissenden, frechen Jüngling, der das wenige einseitige talmudische Wissen verlernt, von der neuen jüdischen Literatur nur manche Romane und Zeitungen gelesen, aller wissenschaftlichen Grundlage baar, europäischer Sprache unkundig und im Russischen, welches er ebenfalls nicht systematisch erlernt, nur das Einreißende wählt, unter allen Klassen, Orthodoxen wie Aufgeklärten, hervorbrachle, indem er alles Heilige und Ehrwürdige res Alterthums mit allen ihren gefeierten Gelehrten, wie auch die Coryphäen des vorigen Jahrhunderts «mitunter auch H. Wesseli« und rer Gegenwart schmähete. Alle gegen ihn gerichteten Erwiderungen führten nur dazu, in ihm die Einbildung und die Dreistigkeit noch zu verstärken. Er kam darauf 1867 nach Odessa, wo er sich ebenfalls als Student der dortigen Universität ausgab und dadurch Unterstützung fand, nebenbei betrieb er das Handwerk eines jüdischen Schriftstellers, passirte von Haus zu Haus und bürdete jedem sein Machwerk auf, um Geld zu erpressen. Um sicherer gestellt zu sein, benutzte er die Gelegenheit des Zwiespaltes in der Gemeinde, schloß sich an eine Partei an, die eigentlich gegen seine angebliche russische Richtung war und ging mit Schmähschrift unv Denunciationen in den russischen, judengehässigen Blättern, wie auch direct an die Behörden gegen die andere Partei vor, wobei er aber Las Judenthum im Allgemeinen angriss und die klangvollsten Namen mit Schimpf belegte. Seine Impertinenz und sein verworfener Charakter, welche zusehends zunahmen, brachten ihn auf den Gedanken, auch in anderen, außer speciell jüdischen Angelegenheiten Meinungen zu äußern, er vermiethete seine beißende und schimpfende Feder jedwedem, rer seinen Gegnern einen Streich spielen wollte; er berührte die zartesten Familienangelegenheiten, Bermögensumstände u. dgl. bis ihn einer tüchtig durchgeprügelt und seine Ignoranz mit seinen Gemeinheiten allgemein in Odessa bekannt wurde, wodurch er gezwungen war, die Stadt zu verlassen. Im Jahre 1872 in Petersburg angekommen, gelang es ihm ebenfalls, durch seine Frechheit von unsern Granden sowohl, als auch andern bemittelten Leuten, reichliche monatliche Geldunterstützungen zu erhalten, wodurch der verschmitzte Kowner noch muthwilliger wurde. Er prahlte, einen Roman verfaßt zu haben, zu dessen Herausgabe er Anleihen machte. Wie diejenigen, die seine Unwissenheit kannten, im Voraus gewußt, machte dieser 25

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