Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1875)
- Date
- 1875-05-04
- Page
- Seite 305 (sequence 11)
- Language
- German
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305 Grundsätze sollen zu Staatsgesetzen und die päpstliche Oberhoheit über alle Völker und Fürsten zu einer reellen Thatsache werden.! Es versteht sich, daß man die Erreichung eines solchen Zieles! nicht zu fürchten hat. Wie reimen sich aber hiermit die immer! wiederholten Erklärungen der ultramontanen Wortführer, Unfehlbarkeit und Syllabus feien nur theoretische Dogmen ohne alle praktische Folge? Eine solche Maske fällt vor den Auslassungen des Papstes herunter, und es ist doch gut, daß die ganze Welt sich klar bewußt sei, wohin der Ultramontanismus sie bringen will, und hiergegen gerüstet ist. Waren die Engländer noch wirklich politische Männer, so würden sie diesen grellen Widerspruch mit den eidlichen Erklärungen der irischen Bischöfe zur Zeit der Emancipation der Katholiken nicht ruhig hinnehmen, sondern abermalige und unumwundene Erklärungen fordern. Syrien. Beirut, 1. April. Man schreibt von hier der „Wiener Presse": „Wir stehen am Sterbebette eines Völkchens, das einst ruhmvollere und glücklichere Tage gesehen hat, und das vielleicht schon am Ende dieses Jahrhunderts von der Erde verschwunden sein und nur noch der Geschichte angehören wird. Wir meinen nämlich das Volk der Samaritaner. Die Lritthalb Jahrtausende, die über dieses Bölklein daheingeeilt sind, haben seine Zahl bedeutend vermindert, und heute zählt es im Ganzen dreihundert und zwölf Seelen in Palästina und ungefähr sechzig Seelen in Bombay, wo eine Colonie von ihnen schon seit den Tagen der Seleuciden exiftirt. Die großbritannische Nation, oder viel bester gesagt, die englische Missions-Gesellschaft, hat nun ihre Blicke nach dem kleinen Häuflein der Samaritaner geworfen und sucht daffelbe so schnell als möglich, aber nicht durch Belehrungen und Religionsdisputationen, sondern durch klingende Münze für das Christenthum zu gewinnen. Sie streut jetzt mit vollen Händen die blanken Sovereigns unter den Samaritanern aus, und den Nachwuchs derselben sichert sie sich durch Volksschulen. Die Samaritaner widerstreben nicht rem Gelte, werden dem alten Glauben untreu und bekennen sich heimlich zum Christenthum."! «An den Bemühungen der englischen Missionsgesellschaft und an dem klingendem Golde, das sie verwendet, zweifeln wir nicht, wohl aber an dem Resultate, dessen sie sich schmeichelt. Das einzige Wort „heimlich" in dem Schlußsätze giebt uns hierzu genügende Veranlassung. Man weiß, wie sich diese Missionäre allzu oft eines Erfolges rühmen, der sich späterhin als durchaus unbegründet erweist. Müssen sie doch ihren Gönnern einige Befriedigung verschaffen, um die Börsen des englischen Publicums offen zu erhalten. Dabei erinnere man sich der i Schlauheit der Orientalen, denen es an Verstellungskünsten nicht fehlt, um die Europäer zu überlisten. Die Missionäre werden sich also wohl zu frühzeitig der Hoffnung überlassen, den Samaritanismus aus den Aussterbeetat zu bringen. Redaction.) Ieuil Das Anlerrichtswefen i« der Türkei. Im zweiten Octoberhefte der llevue des Deiix Mondes ist über den obigen Gegenstand ein lesenswerther Bericht von einem Herrn de Salve, und zwar in unparteiischer Weise gegeben. Aus seinen Angaben kann man den Schluß ziehen, daß aus einem gewissen Gesichtspunkte heraus der eigentliche Volksunterricht in der europäischen Türkei durchaus nicht so darniederliegt, wie man gewöhnlich in Europa voraussetzt. Bei Len Muselmännern wie bei den Juden gehört es zu den religiösen Verpflichtungen, die Kinder, bei den Muselmännern allerdings nur die Knaben, lesen und schreiben erlernen zu lassen, freilich bei den Juden in der hebräischen, bei den Muselmännern in der arabischen und türkischen Sprache, wozu noch das Rechnen kommt. Die Juden schreiben die Landessprache in hebräischen, die Türken in arabischen Schriftzügen. Es giebt keinen staatlichen Schulzwang, wohl aber einen religiösen, und dieser ist viel nachhaltiger als jener. War es dieser doch, der durch das ganze Mittelalter hindurch die jüdische Volksmasse beherrschte, so daß nur wenige Personen in ihr nicht lesen und schreiben konnten, während damals diese Kunst nicht einmal von allen Geistlichen l e t o u. gekannt war. Dahingegen fehlt es in der Türkei an allen mittleren und höheren Lehranstalten, da die sogenannten Buchdiyes und Moscheenschulen eigentlich nur mohammedanische Theologie treiben. Im Jahre 1568 wurde daher beschlossen, ein Lyceum in Gallata-Seraj zu gründen, und zwar für alle Religionen und Nationalitäten. Es war dies ein um so schwierigeres Werk, als bekanntlich in der Türkei ebensowohl die Nationalitäten wie die Religionen die strengsten Scheidewände bilden, so daß zwischen jenen außer dem amtlichen und gewerblichen Leben gar keine Berührung statlfinvet. Eine zwiefache Furcht trat der Anstalt entgegen, nämlich die, daß die Schüler den Satzungen ihrer Religion abgewendei würden, und daß die christlichen Lehrer Propaganda treiben möchten. Der Papst erließ sogar alsbald ein Verbot der Schule. Jndeß dies verhinderte dennoch nicht das Zustandekommen der mit großen Kosten hergeslellten Schule. Als sie eröffnet wurde, am 1. September 1565, befanden sich .'Mt Schüler in ihr, von denen 147 Muselmänner, 48 gregorianische Armenier, 36 Griechen, 35 Israeliten, 34 Bulgaren, 23 lateinische Katholiken, 19 katholische Armenier waren. Man sieht, daß nach ihrem numerischen Berhältniß die Juden sehr stark, vielleicht am stärksten vertreten waren. Run aber zeigten sich ei|t 19*