Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1875)
- Date
- 1875-05-04
- Page
- Seite 302 (sequence 8)
- Language
- German
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302 besteht noch, in Turin verschwand jüngst daS Ghetto — erinnerten an die Judengaffe in Frankfurt am Main. Diese trübselige Erinnerung des traurigen Mittelalters ist jetzt verschwunden. Die eine Reihe der Häuser ward gänzlich niedergeriffen und die Gasse so zu einer breiten Straße, einer lebhaften Verkehrsader der Stadt, gemacht. Auf der anderen Seite fanden ebenfalls schöne Neubauten statt, so daß nur einige alte Häuser geblieben sind, wie das Haus Rothschild und das Haus Börne. Allen Judenfeinden zum Trotz werden frühere Zustände so wenig zuröckkehren, wie die Frankfurter Judengaffe in ihrer alten Herrlichkeit jemals wieder hergestellt werden kann. — In der Petition des Rabbiners Hirsch an das Abgeordnetenhaus wird aus die mit so großen Opfern hergestellten, bedeutenden Veranstaltungen der feparirlen Religionsgenoffenschaft hier hingewiesen. Es geschieht dies mit Fug und Recht. So hat sie auch eine besondere, gutbesuchte Realschule — neben den Philantropin — errichtet, worin besonders viel Unterricht in Bibel und selbst im Talmud erlheilt wird, so daß allerdings die tägliche Unterrichtszeit für die Schüler unverhältnißmäßig ausgedehnt wird. Diese Schule hat ebenfalls die Berechtigung zum Abgangszeugniffe für 'den einjährigen Militärdienst erhalten. Jedoch unrichtig in jener Petition ist es, wenn deshalb die Opfermüthigkeit der Mitglieder dieser Genoffenschaft überaus hoch angeschlagen wird. Die Mehrzahl derselben gehört gar nicht zur Klaffe der Bemittelten, und der größte Theil der Kosten wird vom Freiherrn v. Rothschild getragen. Die Opferwilligkeit ist daher eine rein persönliche und wird von dieser Persönlichkeit sehr leicht getragen, wie man sich bei den Finanzverhaltniffen dieses Mannes vorstellen kann. Friedeberg (Neumark», 22. April. Der „Boff. Zeitg." schreibt man: „Vorgestern war Hierselbst eine Versammlung des landwirthschaftlichen Vereins des Friedeberger Kreises, zu der auch Nichtmilgliedern des Vereins der Zutritt gestattet war. Man war darauf gefaßt, daß dieser oder jener Redner auch auf die, fteilich erst im nächsten Jahre in Aussicht stehenden Wahlen, und zwar im Sinne der agrar-politischen Partei, vorbereitend zu wirken versuchen würde; die Rede aber, welche der Rittergutsbesitzer von Wede meyer auf Schönrade von sich gab, war von der Art, daß sie selbst die kühnste Phantasie derer, die mit der Anschauungsweise des geehrten Herrn bekannt sind, weit hinter sich ließ. Den großen, hundert Mal wiedergekäuten Gedanken von der Feindschaft zwischen Landwirthschaft und Industrie, die tiefe Ansicht, daß der preußische Staat lediglich für den Ackerbau bestimmt sei, popularisirte er in der Weise, daß er als den Hauptgegner des landwirtschaftlichen Jntereffes die Juden aufstellte und muthvoll auf diese mächtigen Unterdrücker einsprengte. Als er im Laufe seiner Rede mit seinem parlamentarischen Tacte des „jungen Juden Laster" erwähnt hatte und in Folge deffen und der weiteren Judenhetze Zeichen des Mißfallens laut wurden, nahm der besonnene Redner Veranlaffung, zu erklären, was er unter Juden verstehe. Er meine damit nicht die Israeliten, sondern Halsabschneider, Wucherer, überhaupt alle Geldmenschen, welche Reichthümer erwürben, ohne sich ein Gewiffen zu machen, wodurch? nur diese, gleichviel, ob beschnitten oder unbeschnitten! Mit der politischen Laufbahn Laskers, den der feudale Herr nicht einen jungen Israeliten, sondern einen jungen Juden nannte, wird cs jetzt wohl aus sein! Nachdem die Wedemeyersche Rede, frei von der Sklavenfeffel der Logik, noch lange sich umhergetummelt, schloß der Redner sehr emphatisch mit folgender Phrase: „Meine Herren, die jetzige Kammermajoritar hat die Jesuiten aus dem Lande gewiesen, wer weiß, ob wir nicht nächstens eine solche haben, welche die Juden aus dem Lande weist unter dem Liede: „„Schmeißt ihn 'naus, den Juden Jtzig!"" Der Kritik bedarf ein solches Benehmen wohl nicht. Zu beklagen ist übrigens, daß von den zahlreich anwesenden Mitgliedern des Vereins kein einziges sich veranlaßt fühlte, das Wedemeyer'sche Gerede im Namen des Vereins oder nur in seinem eigenen öffentlich zu desavouiren." (Da haben wir einmal wieder den Ausbruch einer Junkerseele, die für ihren Groll und Grimm kein anderes Object weiß, als — die „Juden", von denen er aber die „Israeliten" unterscheidet! Des Pudels Kern ist die — Jnteressenpolitik der Landjunker, die sich aber zu früh verräth, um sich nicht selbst am meisten zu schaden. Redact. d. Allg. Ztg. d. Judenth.) Nürnberg, 20. April. Als heute Vormittags zur Feier des Pesachfestes (jüdische Ostern) eine große Anzahl Andächtiger in der neuen Synagoge versammelt war, ertönte während der vom Rabbiner gehaltenen Predigt plötzlich der Ruf: „Feuer!" Der die heilige Lade zierende Vorhang — ein Geschenk der hiesigen israelitischen Frauen — hatte, vermuthlich durch eine nahe Gasflamme, Feuer gefangen. Im ersten Momente wollte die erschrockene Menge blindlings zu den Ausgangsthüren stürzen, doch gelang es den beruhigenden Worten des Rabbiners, die durch ein Gedränge zu befürchtende Gefahr zu verhindern, und so entfernte sich die Mehrzahl der Anwesenden ruhig, während das Häuflein der Zurückgebliebenen im Stande war, durch das rasch herbeigetragene Waffer den Brand zu löschen; allerdings wurde der kostbare Vorhang — ein Meisterwerk der Goldstickereikunst — ein Raub der Flammen. Großbritannien. London, im April. (Privatmitth.) Das zahlreiche Couuu-, das sich hier, wie aus mehrfachen Aufforderungen bekannt ist, gebildet hat, um „ein Andenken für Sir Moses M ontefiore" zu gründen, hat jetzt ein Circulär an die Rabbiner des Festlandes gerichtet, damit sie für dieses fromme Werk ihren Einfluß einsetzen mögen. Hieran reiht sich eine Ansprache an das Publicum, welche folgendermaßen lautet: