Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1875)
- Date
- 1875-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zeilun Allgemeine des Hudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2*/2 Bogen. Preis Viertel,ädrig .! Mark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchdandiungen, Postämter und ZeitungS- Expeditionen nehme» Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlipplon in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung iu Leipzig. Sn redactionclleu -?ln.:elcgenheitcn wende man sich *m i'r. t. Jjljilippfou in , Bonn: btitftfbtlirt' des Bezugs und der Smeratc au üa»m»:iilner's öultida»i>lu»g; »««eil',!.;. JnfmUt, weirt>c b:tf Donnrrslag eiiigede». fu-.ben in Der , ar.iuf uMgcn- , teu 'jiuir.uto: BeriiLsiüuiguug. 1 Beilagcn werden mit 1 Mark 50 P f. pro Hundert berechn,::. 39. Jahrgang. Leipzigs den 4. Mai 1875. JS? 19. 3nbalt. Leitende Artikel: Der KatbolieismuS in Frankreich. — Die Iudcnfrage im ungarischen Al'aeordneiens'an'e. II. — Die Eroberung der Welt durch die Juden. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leirsig. Prenchan. Jürt!,. Würzbura. Frankfurt a.??!., Friedcberg (Ncumarki, Nürnberg. — Großbritannien: London. — Schweiz: Baiel. — Italien: Nom. — St'ricu: Beirut. — Feuilleton: Das Unrcrrichtswcscn in der Türkei. — Vermischtes. JZeiteuDc <5)Cthf;ef. Bonn, den 25. April. Der Latholicismus in Frankreich. Aus Paris schreibt man: „Im Odeon-Theater wird seit drei Tagen mit großem Erfolge ein neues Drama ausgeführt, das „ein Trauerspiel unter Philipp II." betitelt ist und einen jungen Dichter aus einerreichen israelitischen Familie Georg de Porto Riche zum Verfasser hat. Trotzdem die Censnr das Stück stark gekürzt haben soll, sind immerhin noch einige Berse übrig geblieben, welche die Inquisition und was dazu gehört nicht gerade verherrlichen. Darob herrscht im ultramontanen L'ager große Erbitterung, und es werden der Regierung die heftigsten Vorwürfe über ihre Lauheit gemacht. Als eine sehr bezeichnende Probe dieser ultramontanen Auslaffungen möge die folgende dienen, welche ich der „Patrie" entlehne: „Zu keiner Zeit wären diese Angriffe gegen den Glauben zu ertragen; ansichts der Verfolgungen aber, welche der Glaube anderswo erleidet, sind dieselben abscheulich. DerKatholicismus gehört heute beiuns zum Patriotismus; werdenselben angreift, ist unser Feind, weil er unseren Feinden nützt." Man sieht, daß Moliöre mehr als je im heutigen Frankreich das Recht hätte den Tartuffe zu schreiben; denn man kann sagen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, daß das gegenwärtige ofsicielle Frankreich fast ganz aus Tartuffes besteht. Obige Worte hat die bonapartistische „Patrie" geschrieben, und sind sie noch sehr gemäßigt gegen die Auslaffungen der klerikalen, legitimisiiscben und orleanistiscken Blätter gebalten — die republikanischen selbst schweigen, weil sie den Vorwurf fürchten, den Feinden Frankreicks Vorschub zu leisten. Daß hierbei die Juden nickt glimpflick wegkommen, weil der Dichter zufällig ein Jude ist, kann man voraussetzen. Welche Verweltlickung der Religion! Der Katholicismus ist identisck mit dem französischen Patriotismus — weil das deutsche Reick mit der römischen Eurie in Streit liegt, und die Franzosen hoffen, alle Katholiken, die deutschen eingesckloffen, auf ihre Seite zu bringen und so daS deutsche Reick zu bekriegen, womöglich zu zertrümmern'. Ter Katholicismus soll also den Franzosen nur ein Mittel und Werkzeug zum Kriege gegen Deutschland sein, die Religion Mittel und Werkzeug zn einem rein politischen nationalen Kriege. Dahingegen benutzt der Katholicismus seinerseits die Rachegelüste der Franzosen, um sich ries französische Volk vollständig zu unterwerfen. Wer kann da sowohl aus Seiten der Kirche, als auf Seiten der französischen Nation noch von Religion sprechen? Es ist nichts als ein polit. Machtstreit; denn um die Macht handelt es sich für die katholische Hierarchie, um die Macht für die französische Nation; beide wollen über die Völker herrschen. Wie weit eine solche Uniarnmng beide führen werde, wohin beide hierdurch gelangen werden, liegt näher zu erörtern uns nicht ob. Nur so viel wollen wir bemerken: eine Kirche, die sich zu einer politischen Partei umgestaltet, unterliegt den Chancen dieser Partei, und eine Niederlage der letzteren wirft auch die erstere nieder; und Frankreich, das sick mit dem Ultramontanismus identisicirt, muß es sich gefallen lasten, der-