Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-13 · Heft 16 (13.4.1875) · p. Seite 258

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 16 (13.4.1875)
Date
1875-04-13
Page
Seite 258 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227031--33454-3303249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

258 Flucht. Ost genügt es, daffelbe in die Heimath gelangen zu lassen, oft — besonders wenn ein Steckbrief droht — ist es nothwendig, daffelbe in unverfänglicher und glaubwürdiger Weise an die Consularbehörde gelangen zu laffen. Auch das geht — der Agent kann Alles. Dann hört natürlich die Verfolgung auf, uud der betreffende Polzeidireclor in der fernen Heimath wischt sich gerührt den Thränenwinkel — de mortuis nil nisi!>ene . . . Aber damit ist die Historie noch nicht zu Ende. Der Todte muß weiter leben, und wer lebt, muß einen Namen und Papiere haben. Ist es ein Jude niedrigen Standes, so ist diese Nothwendigkeit gerade keine unumgängliche; der verschwindet dann eben spurlos als eine Woge in dem Meer der anveren Kaftane und Schmachtlocklein. Anders die Christen und diejenigen Juden, welche mehr Prälension haben. Die müssen selbstverständlich wieder geboren werden. Der Christ wird in der Regel rumänischer, der Jude stanzösischer oder amerikanischer Unterthan. Wie das möglich ist? In Rumänien ist Alles möglich! Was aus Getzel Wilkenseld wird, ob er nur eben schlicht als Getzel unter seinen Glaubensgenossen fortleben, ob er stolz als Mr. Gideon E. unter dem Schutze des Sternenbanners seine Tage genießen wird, überlasse ich der Phantasie des geneigten Lesers. Natürlich müßte er auch da sehr vorsichtig sein, denn wenn der Repräsentant Nordamerikas davon Wind bekäme, daß ein so berühmter Mann unter seinen Fittigen rastet, so würde er ihn schleunigst zu weiterer Rast nach Norden befördern laffen — nach Wien. Doch ist dazu wenig Aussicht vorhanden. Der Handel ist in so raffinirter Weise organisirt, daß die „todte Seele" sich in der Regel ungestört ihres Daseins fteuen kann. Wenigstens hört man höchst selten von einer Entdeckung. Und doch giebt es so viele „todte Seelen"." Der Berf. hat drei solcher Personen gekannt, und erzählt deren Geschichte, die uns hier nicht weiter interefsirt. Correspoudeaz. Agram (Kroatien), den 30. Marz. Im Feuilleton der Nr. 9. Ihres werthgeschätzten Blattes nennt Herr Director Zirndorf an der Spitze der vertreibungslustigen Gemeinden die hiesige, die Agramer Gemeinde, spricht von der hier herrschenden „parnassischen Willkühr und Sultanslaune", und erwähnt, daß sie ohne erheblichen Grund die Rabbinen Gold mann und Rocken stein vertrieben, ersteren sogar zum Uebertritte durch ihren Zorn veranlaßt hätte. Nachdem beide genannten Herren schon in's bessere Jenseits gegangen sind, so will ich an dem Spruche halten: *Ie mortuis nihil nisi bene, und nichts über die Veranlassung ihres unfreiwilligen Weggehens von hier erwähnen. Wohl aber gestatten Sie mir, geehrter Herr Redacteur, zur Rechtfertigung der hiesigen Gemeinde die Bemerkung — und bitte höflichfi um deren Beröffenüichuug —, daß in den vielen Jahren, seitdem ich Beamter der hiesigen Gemeinde bin, ich nichts von parnassischer Willkühr uud Sultanslanne hier bemerkt habe. Unser ehrwürdiger Herr Oberrabbiner Dr. Jacobi ist beinahe acht Jahre in unserer Gemeinde, und genießt heute mindestens die gleiche Werthschätzung und Liebe von Seiten aller Gemeindemilglieder wie am Tage feiner Ankunft. Nicht nur übt er vollständig unbeschränkt sämmtliche auf sein Amt Bezug habende Functionen, sondern wird auch in allen wichtigen Gemeindeangelegenheiteu vom Vorstände zu Rathe gezogen und gerne gehört. Freilich verbindet unser Herr Oberrabbiner mit einer gründlichen deutschen Bildung einen äußerst feinen Tact, versteht zu jeder Zeit und gegen Jedermann den richtigen Ton anzuschlagen und zu treffen, hat außerdem in jugendlicher Tharkraft und edlem Pflichteifer vieles Wohlthätige in unserer Gemeinde geschaffen, aber daß ihm dieses möglich wurde, gereicht nicht minder unserer Gemeinde zur Ehre. Wenn z. B. unser Oberrrbbiner vor Jahren von Haus zu Haus ging, und über sechstausend Gulden zum Baue von Schullocalitäten sammelte, so gebührt gewiß besonderes Lob unserer Gemeinde, die nur 150 zahlungsfähige Mitglieder zählend, kaum ein Jahr nachdem sie einen Tempel von hunderttausend Gulden aus eigenen Mitteln schuldenftei hergestellt, von Neuem 6000 fl. zum Schulbaue gespendet. Wenn ferner unser Rabbiner einen Wohlthätigkeitsverein begründet hat uud leitet der ca. 2000 fl. jährlich an Arme vertheilt, so zeugt dieses gewiß ebenso von dem allgemeinen Wohlthätigkeitssinne unserer Gemeinde. Ich glaube, man thut nicht immer gut, den Erzählungen unzustiedener oder entlassener Beamten zu trauen, selbst — wenn diese Rabbinen sind. Herr Director Zirndorf hätte nach meiner unmaßgelichen Ansicht das Wort: aulli-nur et alters pars sich vor Augen halten und vorerst genaue Erkundigungen über die Veranlassung einziehen sollen, weshalb der Rabbi, welcher — wie der Herr Director selbst sagt — sein Wanderleben in Bukarest beschlossen, mit einer bedeutenden Abfindungssumme von hier weggejagt (?) worden ist. Ich will auch in Betreff des Dr. Goldmavn nur soviel erwähnen, daß derselbe Schwiegersohn eines der reichsten und angesehensten hiesigen Gemeinde- Mitglieder gewesen, und gewiß nicht aus Brodmangel zum Uebertritte gezwungen worden ist; seine Verbindung mit dem Erzbischof Haulik bestand längere Zeit während seiner rabbinifchen Wirksamkeit — sapienli sal. Für heute sei mir noch die Bemerkung erlaubt, daß die hiesige Gemeinde seit Rockenstein's Weggange, also während beiläufig zwanzig Jahren, keinem ihrer zahlreichen Beamten gekündigt hat. Heinrich Hirschle, Regens Chori am isr. Tempel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.