Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1875)
- Date
- 1875-04-13
- Page
- Seite 257 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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257 zugleich größte Klugheit ist. Oder er ftage sich, ob er sich den n Getzel als englischen Juden denken könne! . . . Jedes Land v hat die Juden, die es verdient, und Sir Moses Montefiore ist g ein englischer, Reb Getzel Wilkenfeld ein polnischer Jude — nur „ in diesem Causalnexus ist der Unhold der Beachtung werth. In jeder anderen Beziehung ist er wenig interessant — in psycholo- £ gischer zum Beispiel gar nicht. Hier zeigt er durchweg typische Züge, nur eben in's Ungeheure gesteigert, in's Abscheuliche verschärft. Ein typischer Zug. aber nicht des Juden, sondern des r abergläubischen Gauners, ist auch seine Frömmigkeit. Die Meisten 5 halten sie für Heuchelei — mit größtem Unrecht! Getzel ist l wirklich fromm, nur glaubt er nicht etwa an Gott, sondern nur r an den Wunder - Rabbi von Neu - Sandec — ganz so wie der * Bandit in den Abruzzen auch nur an „seinen" Capuziner glaubt, c Und wie ver Pietro seinem hochwürdigen Padre, sobald die Ca- 1 rabiuieri verdächtig nahe streifen, einen Theil der Beute schenkt, < damit die Sache gut ablaufe, so schickt Getzel seinem Rabbi vor; der Verhandlung dreihundert Gulden. Auch das glaube ich der < Frau Getzelin aufs Wort: ihrem Herrn Gemahl sei unter allen : Schrecken des Kerkers das „Trese-Effen" als der größte erschie- ' nen. Es stimmt! Auch Pietro bringt lieber zehn Menschen um, ' als daß er am Charsreitag Fleisch äße. Kurz — diese „Fröm- : migkeit" bleibt sich unter allen Breiregraden gleich, und es ist pure Geschmackssache, ob Einemder Wunver-Rabbi von Neu-Sanvec besser gefällt oder der Capuziner des guten Pietro. Mir gefallen sie Beidenicht. .. Siebe Heine, ..Disputation", letzter Vers. . . Doch — das har uns hier nicht weiter zu kümmern. Getzel ist fern. Denn nur sein Sohn Marcus ist in Krakau gefangen worden, er selbst ist nach Rumänien gegangen. Nach Rumänien! Wie doch große Dichterworte täglich neu werden! „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt!" . . . Nach Rumänien! Man wird ihn suchen, ich zweifle nicht daran. Man wird ihn nicht finden — daran zweifle ich noch minder! Ihn nickt, wohl aber seinen Todtenschein. Und daran zweifle ich schon nicht im mindesten. Bald, in zwei, in drei Monaten kommt das düstere Document in eine unserer Consular-Agentien geflattert. Schwarz auf Weiß, in deutlicher Schrift steht daraus geschrieben, wann Getzel Wilkenfeld, seines Standes „Jude aus Radomyfchl", gestorben, wie er gestorben, an welcher Krankheit. Die Culwsgemeinde bestätigt es. die Communalbehörde bestätigt es, die politische Behörde nicht minder. Die Culrusgemeinde har ihr Siegel beigedrückt, die Communalbehörde detto. retto die politische. Was bleibt der Confular-Agenrie übrig, als ein viertes Siegel beizudrücken?! . . . Ich sage: das geschieht in zwei, drei Monaten. Vielleicht dauert es diesmal länger, weil diese Zeilen störend dazwischentreten. Denn die „Neue Freie Presse" findet sich in den ödesten rumänischen Städtchen. (Himmel, wie viel hundert saftige Flüche werden sich in den nächsten Tagen in all diesen Städtchen über meinem Haupte entladen!) Vielleicht dauert es diesmal länger, vielleicht stirbt Getzel erst in einem halben Jahre. Aber sonst genügt ein Drittheil dieser Zeit vollkommen, den Handel mit der „todten Seele" perfect zu machen. Warum auch nicht? Die Agenten sind ständig und zahlreich, über den Preis einigt man sich, die Usancen stehen fest. Ich versuche, sie zu skizziren. Es giebt bekanntlich viele Lumpe in ver weiten Welt, sehr viele Lumpe, Leute welche das dringende und wohlbegründete Bestreben haben, für immer aus dem Gesichtskreise ihrer verehrlichen Mitbürger zu scheiden. Auch ehrliche Leute können stellenweise dies Bestreben haben, zum Beispiel junge fanatische Polen, denen die Temperatur in Sibirien etwas zu kühl scheint. Nun, am Pruth, an der Aluta und rer „süßen Dombrovizza" ist es wärmer. Der Mann l ob nun Auswürfling oder Flüchtling, ist ganz einerlei' wünscht natürlich auch in dieser behaglichen Temperatur zu bleiben. Er erftagt einen Agenten, der in „todten Seelen" macht. Das ist nicht schwer: die Herren sind zahlreich und von der Bevölkerung gekannt. Gewöhnlich arbeitet jeder Agent nur in seiner Consession. Juden vermitteln das mosaische, Armenier oder Rumänier das christkatholische oder griechisch-orientalische Hinscheiden aus diesem irdischen Jammerthale. Also der Würdige ist gesunden, und der Flüchtling eröffnet ihm seinen Wunsch: „Ich wünsche sobald als möglich zu sterben." — „Wie Sie wünschenerwidert der Agent, „das heißt, wenn Sie die nöthigen Mittel haben. Das Sterben ist theuer." Folgt eine langwierige, oft wochenlange Verhandlung über den Preis. Das Resultat ist natürlich ein sehr verschiedenes, je nach den Motiven der Flucht, je nach dem Vermögen ces Flüchtlings. Endlich ist die Summe sestgestellt und baar hinterlegt. Der Agent gehr an's Werk. Er begiebt sich zum Pfarrer oder zum Judenvorsteher: „Herr X, 3). aus Z. ist vorgestern gestorben und heute > begraben worden." Der betreffende Würdenträger ist darüber , gar nicht erstaunt — alle Menschen müssen sterben, warum nickt i Herr £. 3). aus Z.? Auch daß diese betrügliche Thatsache in i amtlicher Form bescheinigt werden müsse, ist dem Manne vcll- . kommen einleuchtend; minder einleuchtend ist ihm gewöhnlick der . gebotene Preis. Aber schöne Seelen finden sich schließlich doch. . Und der betreffende Communalbeamte ist gleichfalls eine schöne - Seele. Auch sind k. k. österreichische Randducaten eine hübsche - Münze, womn ich übrigens den Napoleons nicht nahetreten will, l sie sind eine ebenso hübsche Münze. i Ich nehme an, daß der Herr Präsect, Sub - Präsecr oder - wer sonst eine hohe fürstliche Regierung im Städtchen vertritt, derselben Ansicht ist. daß auch ihm Napoleons oder Ducaten nickt t häßlich scheinen. Daraus folgt das dritte Siegel, die dritte - Bestätigung. Und endlich kann der Agent vor seinen Aufrragn geber treten und sagen: „Hier, mein Herr, Sie sind roet!" e Die Verstorbenen machen natürlich von dem kostbaren Dorf cumente verschiedenen Gebrauch — je nach dem Motive der Hi*