Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1875)
- Date
- 1875-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Ju-enlhums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philipps-« in Bonn. Lerlaz von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 5 fl P f. pro Hundert berechnet. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 diS 2>/^ Bogen. Preis Biertelzährig :i Viark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeilc oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitnugs--Expeditionen nehmen Bestellungen an. I» redactiouellen Anaeleaeuheite» . wende man sich an I>r- L. stnUippsou r» Bon»; hinsichtlich de« BezngS und der Inserate an Sanulgärtnrr'« Luchhandlang inSeipzig. Inserat-, welche bi« vouueriln, ringeben, finde» iaderearanffolgende» Rümmer Berücksichtigung. 39. Jahrgang. Leipzig, den 23. Februar 1875. 9. 3nbalt. leitende Artikel: Das Recht des Individuums und das Recht der Gemeinschaft auf dem religiösen Gebiete. — Der Midrasch und die jüdische Predigt. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Lippstadt (Westphalen), Krotoschin. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Schweiz: Neuchatcl. — Belgien: Brüssel. — Italien: Aus Mittelitalien. — Feuilleton: Die fran;. Revolution u. die Zudem — Aus der Reiicmappe :c. «Forts.) — Nachtrag: Breslau. «CeiteuDe (SCictillef. Bonn, den 17. Februar. Das Recht des Ändivi-uums und das Recht der Gemeinschaft auf -em religiösen Gebiete. Zu den schroffsten Gegensätzen in unsrer Zeit gehören die Forderungen, welche für die persönliche Freiheit des Individuums und für die Rechte der Gemeinschaft, wie des Staates, der Ortsgemeinde, der Religionsgenoffenschasten gestellt werden. Der Despotismus sieht das Individuum als ihm gehörige Sache an, über die er nach Willkür verfügen darf; der Absolutismus will darüber nur nach dem Gesetze verfügen, deffen alleinige Quelle er aber selbst ist. Hiergegen nun erhoben sich die heftigsten Kämpfe für die persönliche Freiheit seit der amerikanischen Union und der französischen Revolution von 1789. Alle die Freiheiten, welche man verlangte, wie die Religions-, Preß-, und Reve-, Vereins-, Gewerbefreiheit, Freizügigkeit u. s. w. gehen aus die Sicherstellung der persönlichen Freiheit und aus die Beschränkung der Staatsrechte dieser gegenüber hinaus. Es giebt aber auch Instanzen genug, welche das Recht dieser persönlichen Freiheit vollständig leugnen. Der Ultramontanismus verwirft nicht allein diese Freiheiten gänzlich, wie dies im Syllabus geschehen, sondern er verlangt unbedingten Glauben an seine Dogmen, genaue Uebunz seiner Ceremonien, vollständige Unterwürfigkeit unter seine Vorschriften und letzteres selbst vom Starte, über den er eine oberrichterliche Gewalt beansprucht; der SocialismuS hebt die persönliche Freiheit gänzlich auf, und macht in seinem großen Räderwerk von Arbeiten und Verzehren, Production und Confumtion, alle Individuen zu gleichartigen und willenlosen Stiften, Radzähnen und Hämmern; der Staat endlich selbst muß jenen Freiheiten stets gewisse Schranken aufrichten, und wenn er sich in einer gewissen Gefahr fühlt, und dies thut er fast immer, erklärt er über sie einen ganzen, halben oder Viertel-Belagerungszustand. Ueber das Maß dieser Beschränkungen aller der zur persönlichen Freiheit gehörigen Rechte findet nun ein beständiger Steit, ein Hin- und Herschwanken statt. Aber aus dem religiösen Gebiete hält man die ganze Frage für einfacher. Man sagt, die Religion ist die innerste, eigenste Ueberzeugung des Individuums, gehört ihm allein an und die Gesellschaft hat gar keine Berührungspunkte damit, folglich muß hier die persönliche Freiheit eine unbedingte und schrankenlose sein. Wäre die Voraussetzung richtig, so würde auch die Schlußfolgerung unantastbar sein. Es verhält sich in der Wirklichkeit aber nicht ganz so. Die religiöse Ueberzeugung ist nicht dem Menschenkinds wie ein fertiges Organ angeboren, gleich der Lunge oder dem Magen, sondern nur als ein Keim im Geiste, der gepflegt, erzogen, zu Blüthe und Frucht gebracht sein will, und dies auf festem Boven und in einer sichern Weise. Die religiöse Ueberzeugung ist ferner nicht wie die Luft, die den Erdball in einem großen Ringe umgiebt und sich frei nach allen Richtungen der Windrose bewegt, sondern sie ist wie Licht und Wärme, die ihre bestimmte Quelle, die Sonne haben, und wobei es auf die Stellung dieser Sonne ankommt, deren schräge L nahten