Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1875)
- Date
- 1875-02-16
- Page
- Seite 126 (sequence 12)
- Language
- German
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126 cielleren Rabbinatsgeschäfte lagen in den Händen der beiden Assessoren Brüll und Juda Wahrmann, beide Männer von vielseitiger Bildung und mit einem tactvollen Einblicke in die Forderungen der Neuzeit. Herr Brüll hatte in Berlin studirt und war dort manchem gemeinschaftlichen Bekannten, so meinem Amtsvorgänger Löwenstein, jetzt in Lemberg, begegnet. Solche Begegnungen sind wie vermittelnde Wegweiser in dem dichten Gedränge modernen Geifieslebens. Denn es herrscht wirtlich das Gewühl eines sich drängenden Bölkerstroms auf dem Markte der Lehre und Wiffenschaft nicht minder als auf deu Märkten des Verkehrs, und man ist jetzt nirgends allein und schon deshalb fast überall ftemd. So ergab sich denn mehr als ein Anknüpfungspunkt zu gesprächlichem Austausch, und eine Stunde in seiner Wohnung, wo zu mittlerer Tageszeit Inquirenten mit ihren rituellen Fragen sich fast auf die Ferse traten, war für mich reich an Belehrung und Unterhaltung. Der freundlich beredte Mann, mit den männlich intelligenten Zügen und dem bereits schneeweißen Haupthaar, steht mir noch jetzt in seiner ftischen Lebendigkeit und weltmännischen Gewandtheit lebhaft vor Augen. Seine Berliner Erinnerungen, aus deren Fülle er gerne und glücklich schöpfte, geben schon an sich ein Bild von dem zugleich vergnügenden und zersetzenden Einfluffe des modernen Geistes auf das was ich die Specialtheologie nennen möchte. Nicht lange vorher war er als Mitglied einer Deputation in Berlin gewesen, um dem seligen Michael Sachs die erledigte Pester Rabbinerstelle anzutragen. Die Deputation hatte ein wohlverdientes Fiasco gemacht. Ja ein wohlverdientes, denn ganz überlebt und ftemdländisch stehen diese Huldigungen da in der ernsten Culturarbeit unserer Tage. Es ist ein Stück Heroendienst, welches zu den geistig ernsten Zügen jüdischer Art nicht recht paffen will, und die Feierlichkeit, womit dergleichen in Scene gesetzt wird — ich habe es selbst mit angesehen — ist nicht geeignet, der Schaustellung viel Würde hinzuzufügen. Da sitzen gewöhnlich diese ernsten Männer um den vielverlangten Einen gereiht, und die Verlegenheit ist von beiden Seiten beträchtlich, zur Unnatur wird auch das einfachste Bestreben. Hier soll rabbinischer Witz, kasuistische Behendigkeit den Fremden imponiren, geistvolle Aperou's, glückliche Halachot-Tosaphot sollen, wenigstens noch für Ungarn, ihr Luftfeuerwerk spielen lassen; dort will der spähende Blick des Mannes Kern und Wesen in Stundesfrist bilanziren. Herr Wahrmann steht ebenfalls mit einem Fuße auf dem Boden des modernen Geistes. In seinem „System der Tropen", die er mir bei seinem Gegenbesuche brachte, lernte ich einen eleganten Hebraisten und um philosophische Kenntnisse bemühten Mann kennen. — Der Weg zum Tempel der Wissenschaft gehr für die östlichen Länder noch immer durch den Prunksaal der hebräischen Sprache. Schon zu den Zeiten der Maimoniden und Gersoniden hieß dies ein Umweg; er ist es noch viel mehr gegenüber der Stofffülle des modernen Denkens. 2. Es war gerade eine günstige, reisefreundliche Zeit, die ich alldort verlebte. Das Ende der Herbstfeierlage hatte den gestauten Geschaftsstrom wirrer für seine natürlichen Kanäle freigemacht, der große Jahresmarkt und Wintersanfang war vor der Thüre, und Jeder, der in der Landeshauptstadt etwas zu vertteten, durchzusetzen oder zu erbitten hatte, griff jetzt zum Wanderstab und bevölkerte das Karawanserai eines jüdischen Restaurants - mit seinem mehr oder weniger kleinstädtischen Wesen. Das jüdische Speisehaus, unter den besten Umständen selbst eine schwere Plackerei des Wanveres, unterscheidet sich denn doch in solchen Weltstädten vortheilhaft von dem kleinlich trvvelhaften Gepräge, welches ihm stets »och in unseren deutschen Mittelstädten anklebt. Täglich wimmelte es von wandernden Rabbinern, deren Auftreten und geistliche Straßentoilette — eine Art Soutana und eine Modificalion des Jefuitenhuts — weder für ihre Altgläubigkeit, noch für ihren Geschmack ein günstiges Zeugniß ablegte. Biele dieser frommen Volkshirten haben vielleicht die lange Reise nur gemacht, um in Pest ihre Karte abzugeben, auf der männiglich die Devise lesen kann: „Aach' io sono piilore!*1 Andere, rührigeren und anspruchsvolleren Wesens, verstehen in dem Getriebe der religiösen Parteiung ein Rädchen zu drehen, und ihre Anwesenheit wird in der Hauptstadt nicht ohne Geschick parteigängerisch verwerthet. Wie aber größere Wirkungen selten einseitig sich bethätigen, so ist eS andererseits wiederum das Rabbinat vom Lande, welches nicht selten den ftischen Zugwind nach der Hauptstadt bringt. Die alte Fabel von den gebratenen Kastanien und dem willigen Gesellen, der sie aus der Gluth holt, wiederholt sich auch in diesen Verhältnissen nur zu häufig. Die gesummte kleine Chronik der Provinz ergießt sich derart in den breiten Strom großstädtischer /Causcrie: man hört bald von einer Rabbinervertreibung, bald von einem Proceffe zwischen Rabbi und Gemeinde, bald von einer sich breitmachenden Candidatur, bald von edlen, bald von unedlen Zügen aus dem Culrusleben der jüdischen Bevölkerung. «Fortsetzung folgt.) Verrutschtes. In Prag ist der dort residirende, früher regierende Kaiser Ferdinand Mitglied der Chebra Kavischa, und hat verlangt, daß nach seinem Tode das Kadisch für ihn gebetet werde.