Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 94 (7.8.1838)
- Date
- 1838-08-07
- Page
- Seite 382 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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382 betrifft, wird er gelegentlich seine Anfichten, in einer besondern Abhandlung, dem Publikum übergeben. Hier erlaube man ihm den kurzen Inhalt der Geschichte von Selina'S Schicksalen zu erzählen; doch muß er der Deutlichkeit wegen ab ovo anfangen. — „In der Iüden-Straße No.7," erfahren wir aus dem Munde der Seherin, (S. 192), lebte, bevor dieses Hauö dem jetzigen Eigenthümer gehörte, und bevor es so hoch gebaut war als jetzt, ein verworfener gottloser Schurke; er war schlecht und verdorben; und wie er lebte, so starb er auch, denn er jagte sich eine Kugel durch den Kopf " „Dadurch, daß er sich daö Leben nabm, gab er, wie jeder Selbstmörder, sich selbst daö Urrbeil der Verdammniß; denn er leugnete seinen Gott zu dem er kein Vertrauen hatte, und ward an dem Herrn aller Lebendigen zum Diebe." — „Ein korpulenter Mann hatte ferner, nach ihrem Berichte, in Gemeinschaft mit einer Frau einst, (die Zeit ist nicht angegeben), ein neugeborenes Kind, in einem der Seherin unbekannten Stadttheil in einem Keller verscharrt, und beide können Hicht eher Ruhe finden, als bis eö in geweiheter Erde begraben wird." — „Den Ersten nun, (der den Stiel Polterer führt), brennt die ewige Pein, und er kehrte an den Ort seiner Frevelthar zurück, um zu quälen und zu verderben." Nun ist zwar das HauS neu gebaut und sehr groß; eö wohnen gar viele Leute darein, und seitdem eö so ist, ist'ö auch recht lange schon her; aber unser Polterer unternahm rnchtS, sondern scheint sich irgendwo sich recht ruhig verhalten zu haben. Da wurde F riede rike Wiener, später von ihrem Schutzgeist Selma genannt, im Jahre 1817 geboren, und der Polterer, sei es aus Laune, Tücke, oder aus irgend einem andern Grunde, ließ zwar daö Mädchen heranwachsen, doch alS eö zur Jungfrau sich allmählig entwickelte, schloß er sich dermaßen derselben an, daß sie erkrankte; „er wolle gern, meinte sie, ihre Seele (Leben!) kapern, und legte eö darauf an, sie zu verderben." „Wie hätte der gefrohlockt, wenn ich eben so wie er einst,Van Gottes Hilfe verzagt hatte!" Sie wurde nun immer kränker und die Aerzte, die vorzüglichsten hiesiger Residenz, boten vergeblich alle Mittel auf, ihren Schmerz zu lindern. Das Attest des Dr. B erend lautet darüber folgendermaßen: „sie litt abwechselnd an der verschiedensten Form dev nervösen Rheumatismus, welcher sich selbst einmal auf das Herz warf und dort einen entzündlichen Charakter annahm. Wenn eS mir gleich gelang, den AuSgang dieser rödtlichen Krankheit abzuwarten, so war ich doch minder glücklich in der Heilung der heftigsten hysterischen Krämpfe, welche theils alS Lachen oder Weinen; theilS bis zur Epilepsie gesteigert auftraten. ' 2m Verlauf der Zeit schien auch das Rückenmark nicht ganz frei zu sein. Heftige Kreuzschmerzen, Unmöglichkeit die Extremitäten zu gebrauchen, bezeichneten dies hinlänglich. Rechnen wir noch hinzu, daß die Verdauung allmählig geschwächt zu werden anfing, und die ganze Ernährung bei fortdauernden schmerzhaften und peinigenden Leiden ganz darnieder lag, so mußte eS die ärztliche Kunst innig bedauern, hiergegen ganz wirkungslos zu fein"rc. :c. Sie brauchte die verschiedensten Kuren, unter ihnen auch die Ekelkur, aber alles ohne Erfolg; im Gegentheil kam sie immer mehr herunter. Da wurde ihr die magnetische Kur angcrathen, und obwol der Bruder anfangs dagegen war, entschloß man sich dennoch zu dieser Heilmethode. Manipulationen wurden vorgenommen, sie wurde magnerisirt, und verfiel dann gewöhnlich in einen magnetischen Schlaf, in welchem sic hellsehend wurde. „An deö Ganges Ufern, erzählte die Seherin, wandelte und wohnte vor grauen Jahren ein Mansch unter Menschen, und nannte sich einen Sehn deö Drama; er war aber kein Götzendiener; denn eö gab eine Zeit, wo der Glaube an den einigen Gott allgemein war, spater bewahrten ganze Familien, wie die Priesterfamilien in Aegypten und Indien, diesen Glauben als ein Kleinod, das man vielfach verhüllte; die Hülle, die Schaale gaben sie dem Volke, sie behielten den Kern; bis nach vielen Generationen, auch sie das Kleinod nicht mehr-aufzufinden vermochten, sondern das Symbol für die Verhüllung selbst nahmen." Dieser Bramine aber stammte aus der frühesten Zeit, und nannte sich Symbularium. Er wurde Schutzgeist der Seherin „auf meinen Ruf stieg er hernieder) die Menschen, daö sind seine Brüder," gab ihr die Mittel zur Genesung an und half ihr unsichtbar, und sichtbar gegen den bösen Geist ankampfen. Er erschien ihr in der Gestalt eines hohen chürdigen Greises, und so verordnen sie sich im Hellsehen, auf seinen Befehl, verschiedene Heilmittel zum Einnehmen und Einreiben; diese Mittel verfehlten nicht ihren Zweck; kur; sie wurde hergestellt. Aber noch war daö Uebel nicht ganz gehoben; der Magnetiseur Dr. Breyer erwartete noch mehre Krisen. „In den Monaten Novbr. und Decbr. 1837 hatte eS den Anschein als sei die Kranke vollkommen genesen, doch fing eS mit dem Beginn deö Novbr. in der Wohnung der Familie Wiener sehr unruhig zu werden an." Der Polterer beging dumme Streiche und neckende Srraßenbüberei und pochte und lärmte ganz ungeheuer. „Bald vernahm man t ein Fegen längs der Wände, bald ein abwechselnd leises und stärkeres Klopfen an die Dielen oder an die Wände." Er schlug an die Fenster, warf Steine an die Stube, und dennoch fand man die Steine nicht. . . Er machte sich möglichst allen Sinnen der Wienerischen Familie fühlbar. Er hob das Kopfende der Bettstelle, in dem die Kranke lag, plötzlich in die Höhe und ließ eö mit Gewalt wieder niederfallen. An der Wand, der Kranken gegenüber, zeigte sich ein heller runder Lichtschein von der Größe eines Tellers oder in Gestalt eines länglichen Vierecks." Am Mittage wurde einst etwas an daö Fenster mit furchtbarer Gewalt geschleudert, so daß daö Fenster erdröhnte, ohne daß man etwas sah. Einmal sah Selma einen aber mit einer Mütze bedeckten Kopf über ihrem Haupte schweben. Alö der Verfasser sich durch daö Stöhnen seiner Schwester aufgeschreckt, erhob, war die Gestalt verschwunden, doch verbreitete sie einen so unausstehlichen Leichengeruch durch die Zimmer, daß die übrigen Schläfer erwachten. Kurz er machte sich auf alle mögliche Weife fühlbar und schritt vernehmbar mit grobgearbeiteten hölzernen Schuhen im Zimmer umher. Dem Verfasser hauchte einmal dieser Störenfried so hörbar an, daß er mehre Minuten sirng die heftigsten Ohrenschmerzen bekam, und sich niederlegen müßte. Wie eö der Seherin im Traume angedeutet war, und wie eö der Arzt erwartete, wurde sie wiederum krank, und hatte bedeutende Kämpfe mit dem bösen Polterer zu bestehen. Der Schutzgeist verordnet ihr zwar die Mittel zu ihrer Genesung in Traumen und im hellsehenden Zustande; aber nur unter den größten Anstrengungen gelang eö ihr endlich „ihren festen Willen noch zu leben" gegen den Unhold geltend zu machen. Während Herr B*°, der auf ihren Wunsch geholt wurde, in Gemeinschaft mit ihrem Bruder und den übrigen Anwesenden betete, rief sie immer dem kleinen Mann, der ihr so ins Herz schaute und sie rödten wollte, ihr ängstliches „fort, fort, weiche," zu. Endlich bat sie obgesiegt und der böse wich. Diese Kampfe und die Krisis gingen in einem siebenzig Stunden ununterbrochen dauerenden Schlaf vor sich; wahrend deö Hellsebenö in diesem Schlaf hatte sie ihrem Bruder st-in nächstes Schicksal vorhergesagt, daö nun auch buchstäblich eintraf. Nachdem sie diese Krisis überstanden hatte, schritt-sie allmählig ihrer Genesung entgegen und „die Rosen malten sich wieder auf ihren Wangen." Doch ihre Prüfung war noch nicht zu Ende. Eine Frau erschien ihr zwischen den 3. u. 4. Febr. d. I. (auch die Schwester sah sie, dem Bruder löschte sie daö Licht auö, mit dem auf den Hilferuf der Schwester er herbei eilte) und diese ängstigte sie sehr. In einem Traume forderte sie die Seherin auf, für sie zu beten, wegen des Leichnams cineö neugeborenen verscharrten KindeS. Selma verwies sie auf Gott, und dann beteten sie gemeinschaftlich. WaS sie beteten hat sie vergessen; die Frau bedankte sich darauf, und sie erwachte. Seit damals bat kein neuer Anfall sich ereignet, und die kranke Selma ist jetzt blühend gesund. (Schluß folgt.) Redacteur: Dr. L. Philippson. — Verlag von BaumgärtncrS Buchhandlung. — Druck von 3« B. Hirschfeld<