Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1870)
- Date
- 1870-12-06
- Page
- Seite 972 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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972 daß mein Bruder zwar lange „elend" war, jetzt aber, schon seit geraumen Jahren todt, mithin nicht mehr elend ist. Den „Judenbengel" kann ich Ihnen trotz seiner Taufe nicht verwehren, da diese ihn nicht zum Christen gemacht hat. Speciell der „Bengel" kann mecklenburgische Eigenthümlichkeit sein, und Sie sind doch nun einmal ein Sohn des herrlichen Obotritenlandes, in welchem der literarische und der körperliche Bambus eng mit einander verwachsen sind. I ch aber stelle mich Ihnen hiermit alsBaron vor, und Sie, der Sie auch neuerdings Fürstengunst werthvoller denn Festungshaft zu schätzen wissen, werden meine Höhe zu würdigen wissen. Ich bin ein freiherrlicher Mann und singe: Reichen wir wohlsituirten Geistesheroen uns über dem Grabe meines radical-demokratischen Bruders die Hände; ich kann's ja haben, denn ich kann niemals ein „elender Judenbengel" sein, denn ich habe mein Schäfchen in's Trockne gebracht, ja ich bin selbst Ch eschen — und was für eins! Mein Bruder schwärmte für einen Kaiser, der ihm nichts nutzte, ich aber für einen „Allerhöchstdenfelben", der mir schon viel Gutes und Liebes erwiesen hat. Das ist der große Unterschied. „Unter Franz Joseph's Augen" Ihr Gustav Heine, der neue „Mensch" und alte Redacteur. Wien, im Wonnemonat des Adels. Notizen. Wir haben zur Zeit in dies. Bl. berichtet, daß die Israeliten Dresdens eine Krug-Stiftung zu Stipendien für Studirende in Leipzig ohne Unterschied der Confession zum 100 jährigen Geburtstag des weil. Prof. Wilhelm Traugott Krug (geb. am 22. Juni 1770, gest. am 12. Januar 1842) gegründet haben. Zu verwundern ist, daß von diesem Jubiläum an der Universität zu Leipzig, deren Rectorat Krug wiederholt in den stürmischesten Zeiten «1813 und 1830» zu großem Nutzen derselben bekleidet hat, keine Notiz genommen worden. Waren es so die Israeliten Sachsens, welche das Andenken dieses für constitutivnelle Verfassung und Gewissensfreiheit überaus eifrigen und verdienstvollen Vorkämpfers dankbar erneuert haben, so freut es uns, nachträglich zu finden daß es die Feder eines Israeliten, des Prof. Dr. Fürst, war, welche in der Nummer der Jllustrirten Zeitung vom 18. Juni eine wackere biographische Skizze von Krug's Leben und Wirken geliefert. Krug hat Zeit seines Lebens sich stets der unterdrückten Völker und Clafien mit dem größten Nachdruck und Selbstaufopferung angenommen; er trat unerschrocken den Franzosen zur Zeit ihrer Herrschaft entgegen, griff als 43 jähriger Mann, Profeffor und Universitatsrectvr, zum Säbel und machte die Freiheitskriege mit, kämpfte gegen die Reaction, die heilige Allianz, die Verfolgung der Burschenschafter, den Pietismus, die Verfolgung des fteisinnigen Protestantismus; trat dann in mehrfachen Schriften für die Griechen ein. Seine große Thatigkeit für die Sache der Juden schildert Prof. Fürst folgendermaßen : Mit dem Jahre 1828 trat er in der Schrift „Ueber das Berhältniß verschiedener Religionsparteien zum Staate und über die Emancipation der Juden" für die Rechte der Juden ein. Nach der verfassungsmäßigen Wiedergeburt Sachsens, ehe noch der erste Landtag (1833) getagt, und da die Juden in den maßgebenden Kreisen von allen Rechten als ausgeschlossen betrachtet wurden, schrieb es das Buch „Die Politik der Christen und die Politik der Juden in mehr als tausendjährigem Kampfe" (1832). Dieser Schrift schloß fich die darauf bezügliche an: „Der falsche Liberalismus und eine Mahnung an künftige Volksvertreter" (1832). Als Krug von Seiten der Universität nach der neuen Landesverfassung zum Abgeordneten für den ersten Landtag in dem constitutionlleu Sachsen gewählt wurde, als er 1833 wirklich den parlamentarischen Kampfplatz betrat, da forderte er selbst den damaligen Vorstand der israelitischen Gemeinde in Dresden, den gelehrten vr. Beer auf, eine Petition der Juden Sachsens an die Ständekammer zu richten, die er gern befürworten und unterstützen wolle. Er befürwortete in der That in der ersten Kammer das Gesuch der damals sehr gedrückten Juden um Erlheilung der Bürgerrechte und sprach in warmer, eines Philosophen würdiger Rede für die Gleichstellung. Freilich hat er sich dadurch von Bürgern Dresdens Drohbriefe zugezogen, und der kleinbürgerliche Fanatismus verflieg sich sogar bis zur Drohung mit dem Tode. Alles dieses hatte aber auf feine humane fteisinnige Ansicht über die Gleichstelkmg keinen Einfluß, und in feiner „Kritischen Geschichte öffentlicher Verhandlungen über die bürgerliche Gleichstellung aller Religionsparteien in christlichen Staaten" (1837) betrachtet er diesen Grundsatz als wesentlichen Theil der Entwickelung des constitutionelleu Lebens in Deutschland. Es ist ein Wahrzeichen für diesen stets gewappneten, alle Fragen der Zeit seit 50 Jahren (1792 bis 1842) besprechenden Philosophen, daß feine letzte große Schrift: „Ueber Gewissens- und Glaubensfreiheit sowohl in moralisch-religiöser als in rechtlicher Hinsicht, ein Friedenswort an alle Religionsparteien", seine fast zur Zahl 180 steigenden Schriften abschließt. Noch sind die Forderungen von Gewiffensfteihert und Gleichberechtigung nicht erfüllt, und ein Menschenalter nach jener letzten Schrift Krug'8 hat die Frage noch nicht ganz geschloffen." Temen. Vieles erscheint Dir verächtlich, dieweil Du es gar nicht gelesen, Alles verwirfst Du jedoch, da Du es selbst nicht verfaßt. Daß Du nichts Großes erschufst: nichts als die Gelegenheit fehlt Dir; Darum lächelst Du stolz über der Andren Verdienst. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Dauingärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verautwottlicher Redakteur Or. H. Latze.