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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-06 · Heft 49 (6.12.1870) · p. Seite 969

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 49 (6.12.1870)
Date
1870-12-06
Page
Seite 969 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Zudcnthnms. Fmilleton-Seilage zu Nr. 49. Leipzig, den 6. December 1870. Die ftanzofischeu Juden. (AuS der N. Fr. Pr.) Dem sehr ausführlichen Briefe eines gebildeten Deutschen, der sich feit vielen Wochen in den von den Deutschen occupirten östlichen Provinzen Frankreichs als Beobachter und als Geschäftsmann aufhalt und über die verschiedenartigsten Zustande berichtet, entnehmen wir einige sonderbare Einzelheiten, die gewiß weitere Kreise interessiren dürsten. Man muß sich dabei vor Augen halten, daß Elsaß und Lothringen sehr stark von Juden bevölkert find, daß sich daselbst in großen wie in kleinen Städten sehr zahlreiche jüdische Gemeinden vorfinden, wahrend im übrigen Frankreich, mit Ausnahme von Paris und den sogenannten fünf spanischen Gemeinden im Süden, die Bekenner des mosaischen Glaubens im Ganzen nur sporadisch zerstreut Vorkommen, obwohl sich »euerer Zeit auch hie und da im mittleren Frankreich größere Gemeinden gebildet haben oder in der Bildung begriffen sind.*) „Seit Anfang des Krieges" — so schreibt unser Gewährsmann — „der mit dem Anfang der französischen Niederlagen zusammenfällt, bieten die Juden des Elsaß und Lothringens eine eigenthümliche Erscheinung dar. Man spricht in Deutschland viel und mit Recht vom französisch-patriotischen Fanatismus der germanischen Einwohner dieser Provinzen, von ihrer Feindseligkeit gegen die Sieger, von ihrer tiefen Trauer über die erlittenen Niederlagen. Nun wohl: mir scheint, und ich täusche mich gewiß nicht, daß diese Germanen, diese neuen Ubier, in all diesen Gefühlen von den unter ihnen wohnenden semitischen Franzosen weit übertroffen werden. Und zwar suchen sich diese Gefühle, so viel als unter den obwaltenden Umständen möglich, durch die Thal zu bewähren. Dieses handeltreibende Volk, das man immer für so friedfertig hält und das alle Ursache hat, es zu sein, ist für den Widerstand aufs Aeußerste und bereit, zu diesem Zwecke jedes Opfer an Geld und Leben zu bringen. Auf allen diesen ausdrucksvollen Gesichtern, von Thionville bis Basel, ist neben tiefer Verbissenheit ebenso tiefe Niedergeschlagenheit zu lesen. Es ist gewiß, daß, wie in Metz der Bürger überhaupt von der Capi- *) Wir haben in einer frühern Nr. d. Bl. mitgetheilt, daß in Elsaß und Lothringen 56,000, in Paris ca. 30,000, im übrigen Frarckreich 12,400 Israeliten wohnen. D. Red. tulation schmerzlicher berührt war als der Soldat, so auch der jüdische Bürger das Unglück tiefer empfunden als der christliche. Es ist wahr, daß sich aus dem Ober- Elsaß viele Juden nach der Schweiz geflüchtet haben, aber es sind das meist Weiber, Kinder und Greise: Jünglinge und Männer von Rüstigkeit blieben dabeim, um das Ihre zu thun. Leute, die vor heute drei Monaten nur an ihren Bieh- und Hopfenhandel, an die kleinen Märkte im südlichen Deutschland dachten und es sich nie einfallen ließen, daß sie je zum Waffenhandwerk berufen sein könnten, stehen heute als Mobilgarden oder sind als Franctireurs über das nordwestliche Frankreich zerstreut. Bei ihrer Anstelligkeit und ihrem Gelde wußten sie sich früher als die meisten ihrer Landsleute mit Waffen und anderweitiger Ausrüstung zu versorgen, und die Freischützen der Vogesen, an deren Exercitien sie im Frieden nie theilgenommen, sind durch sie plötzlich stark vermehrt worden. Ihre Anhänglichkeit an Frankreich ist übrigens motivirt. Sie wissen, was sie der großen Revolution schulden, daß von Frankreich die Emancipation der Juden ausgegangen und daß es in Deutschland mit der sogenannten Toleranz noch lange nicht so weit gekommen, als in dem Lande, das sie als ihr gelobtes Land zu betrachten, sich durch mehr als siebzig Jahre gewöhnt haben. Nur schade, daß dieser Patriotismus einen bonapartistifchen Anstrich hat. Die Juden waren zu allen Zeiten und mehr oder weniger überall große Verehrer Napoleon's I., besonders aber im Elsaß, wo man ihn als eine Art von Messias betrachtete und ihm manches Verdienst, manche Erleichterung zuschrieb, die man eigentlich der von ihm getödteten Revolution schuldete.*) Mit Stolz blickte man da auf die von Napoleon eingesetzten Sanhedrine zurück, an denen die Juden eine unabhängige Vertretung ihrer besonderen Interessen besaßen, und die vielen ihrer Glaubensgenossen ein Bewußtsein gaben, als waren sie Senatoren. Die Tradition kam auch dem Neffen zugute, und man muß gestehen, daß die französischen Juden, abgesehen von seiner allgemeinen Politik, alle Ursache hatten, mit Louis Napoleon zufrieden zu sein, da sie unter ihm, trotz aller Koketterie mit Papst und Kirche, nicht die geringste Beschränkung erlitten, Handel und Gewerbe in Blüthe standen, die Tarife ihnen zugute kamen und sie auf dem Fuße vollkommenster Gleich- *, Der Vers, vergißt, daß Napoleon I. die Elsasier Israeliten auch durch das Edict von 1«0$ bedrückte unb^ beimpfte.

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