Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1870)
- Date
- 1870-11-29
- Page
- Seite 952 (sequence 28)
- Language
- German
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952 Instand, zog er seinen Mantel fester um sich, wandte sich und ging. In welcher Stimmung ließ er meine arme Mutter zurück! Ich wußte nichts davon, als sie sich auf mein Gettchen stürzte, das im Nebengemach stand, und mich mit ihren Küssen bedeckte, daß ich davon erwachte, aber, als ich meine Mutter erkannte, ihr freundlich zulächelte, l Fortsetzung folgt.) Beobachtungen ans -er Zeit. Wohl selten haben sich innerhalb eines kurzen Zeitraums so viele Beispiele und Aeußerungeu der göttlichen Vergeltung zusammengedrängt an Völkern wie an Persönlichkeiten, als in den letzten Monden, die wir durchlebt haben. Es ist, wie wenn gerade dem ungläubigen Geschlechts unserer Zeit diese, in der heiligen Schrift so oft ausgesprochene ewige Wahrheit sichtlich vor die Augen geführt werden soll. Mit vollem Rechte wurde England und den neutralen Machten überhaupt vorgeworfen, nicht durch ein energisches Einschretten diesen Krieg, die Quelle so unermeßlichen Unglücks, so ungeheuren Verlustes an positiven Kräften und an Culturmomenten verhindert zu haben, was durch eine bestimmte Erklärung, ihn nicht dulden zu wollen, leicht hätte geschehen können. Jetzt ist die Vergeltung gekommen, und die Erklärung Rußlands über die Lossagung vom Pariser Vertrage von 1856 versetzt England entweder selbst in den Krieg, oder drückt es noch mehr in die Stellung eines Staates zweiten Ranges, als dies bis jetzt schon der Fall war. Welcher Schlag hiermit an England geführt worden, zeigen die Wuthausbrüche der englischen Journale hinlänglich. Und doch ist dieser Schritt Rußlands nur eine Folge davon, daß Frankreich so lies am Boden liegt, und Preußen durch die „wohlwollendeNeutralität" Rußlands diesem verpflichtet ist. England ist in seinen wichtigsten Interessen bedroht und der ganze Erfolg des Krimkrieges beseitigt. Der schwächlichen Polittk Englands von der Nichteinmischung in die Angelegenheiten des Festlandes, der kraftlosen Politik der europäischen Staaten überhaupt einen Friedensbruch nicht zu verhindern, folgt die Strafe auf dem Fuße, und es steht entwürer ein neuer Krieg in Aussicht, oder es wird dem Bruch des Pariser Vertrages und der Rechtsfundamente der europäischen Staatengefellschaft ruhig zugesehen werden müssen. Bekanntlich steht der Lehre von der göttlichen Vorsehung und Vergeltung die Theorie dererer gegenüber, welche alle Erscheinungen nur als nothwendige Folgen vorangegangener Ursachen erklären wollen. Diese werden aber von den Ereignissen unserer Tage immer mehr des Jrrthums überführt. Freilich reiht sich jede Begebenheit als Wirkung vorangegangener Ursachen an diese an. Aber eben in dem Zusammentreffen dieser ursächlichen Momente liegt die Freiheit der göttlichen Fügung und die Freiheit des menschlichen Willens und Entschließend enthalten. Um die Ursache für eine darauf folgende Wirkung zu sein, mußten viele Umstände zusammentteffen, welche zwar einzeln auch wieder Folgen voraufgegangener Thatfachen sind, aber in ihrem Zusammentreffen keine Nothwendigkeit, sondern die freie Fügung der Vorsehung und Vergeltung und die Entschließung der Menschen zum Grunde hatten. Dies kann an jedem geschichtlichen Ereigniß demoustrirt werden, hat aber seine überwindende Kraft für uns kurzsichttge Menschen durch die rasche Folge von Vergehen und Strafe. Allerdings war der noch immer wüthende Krig eine Folge von Ursachen, aber wie verschiedener, innerlich nicht zusammenhängender Ursachen. Was mußte Alles Zusammentreffen, um den ftanzösifchen Kaiser zum Entschlüsse, Diesen Krieg zu beginnen, zu bringen; was, um Deutschland zu einer so Lberwälügenden Macht zu erheben; was, um Frankreich aller Allianzen zu berauben; was, um England und die anderen Mächte von jedem Einschreiten gegen die Kriegsdrohung zurückzuhalten; was, um die ftanzösischen Waffen durch so unerhörte Niederlagen zu zerbrechen! Ja, dies Alles ist einzeln nothwendige Folge vorangegangener Ursachen; aber in ihrem Zusammentreffen liegt nichts innerlich Zwingendes, und doch würden sich die Dinge ganz anders gestaltet haben, wenn nur ein Glied aus dieser langen Kette zusammentreffender, und doch innerlich nicht zusammengehöriger Ursachen genommen worden wäre! Hier ist es eben, wo das Wirken der göttlichen Vorsehung eintrttt, die dann auf begangene Sünden zur göttlichen Vergeltung wird. Denn die großen Ziele, welche durch Liesen und keinen anderen Gang der Ereignisse erreicht werden sollten und sollen, sind uns jetzt schon offenbar, und nehmen diesen den Charakter des „Zufälligen", das kleinliche Geister fast überall zu finden geneigt sind. Die endliche Erfüllung der Idee der deutschen Nationaleinheit, die erhöhte Machtstellung gerade dieser Natton in Europa, der Bruch des ftanzösifchen Uebergewichts innerhalb der großen Staatenfamilie und die Consequenzen, die hieran sich knüpfen, der den Völkern sich immer mehr einwurzelnde Abscheu vor dem Kriege und andere große Ziele, die theils erreicht, theils gefördert werden, springen zu sehr in die Augen um in jenem Zusammentreffen von Umständen, welche diese Folgen hervorgebracht haben, nicht klar das Walten eines höheren Gedankens erblicken zu müssen. Sehen wir daher auch unsrerseits in den großen Geschehnissen unserer Zeit als einen hochanzuschlagenden Gewinn an, daß die von der heiligen Schrift gelehrte, vom Judenthum immer vertretene Ueberzeugung von der göttlichen Vorsehung und Vergeltung in den Geistern wieder geweckt und gestärtt wird. Der unendliche Segen dieser Ueberzeugung für Alle und Jeden, ist offenbar. Verlag von Damngartner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.