Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1870)
- Date
- 1870-11-08
- Page
- Seite 881 (sequence 9)
- Language
- German
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881 die nach so vielhundertjähriger Niederhaltung und Bedrückung der Juden Roms nicht ohne Staunen wahrgenommen wird. Diese Adresse an den König wurde im Namen der Jsraelitengem. Roms dem k. Statthalter General Cadorna eingehändigt und von der ital. Tagespresse durchgängig mit oder ohne Beifallsworte veröffentlicht. Doch nein! Die „Ilnita Cattolica", welche in jüngster Zeit selbst ihren Vorrath an geschraubter Logik eingebüßt hat, begleitete diese Veröffentlichung mit giftvollen, grimmigen Bemerkungen, als wäre eine bedrückte Bevölkerung, welche tagtäglich neue Mortara- Fälle zu gewärtigen hatte, verpflichtet den Untergang einer Herrschaft zu bedauern, deren Helfershelfer ihr das Tageslicht nur unter schmachvollen Bedingungen gönnen mochten. Nein, so unmenschlich und berufsvergessen sind die Juden nicht. Als Pius IV. in der ersten Zeit seines Regierungsantrittes als echter Kirchenfürst das Schicksal seiner jüdischen Unterthanen zu mildern begann, nun da zeigten sich die Israeliten Roms nicht allein, sondern alle unsere Glaubensgenoffen der Halbinsel, dafür erkenntlich. Als er aber zu einer Schwenkung in seinen Regierungsprincipien genöthigt war, wurden auch sämmtliche mittelalterliche Beschränkungen wieder aufgefrischt und geübt, und die Humanität und (Zivilisation durch Mortarafälle herausgefordert nnd in Staunen gesetzt. Sonderbar ist übrigens die Wirkung, welche das Herannahen und die Bewerkstelligung der Besetzung Roms durch italienische Truppen auf die christlichen Bewohner gewisser Localitaten, welche gemischte Bevölkerung haben, übte. Während der Freudenbezeugungen über das frohe, folgenreiche Ereigniß, die hier zu Lande des Abends veranstaltet werden, zogen nämlich Leute, meistens der niedern Volksschicht angehörig, auch in die Judengasse und machten hie und da leise Versuche zu Herausforderungen. Es hatten diese freilich keine weiteren Folgen; allein in Mantua, wo die Judenkrawalle von den vierziger Jahren noch in lebhaftem Andenken sind, scheint die Sache etwas ernster zugegangen zu sein, jedoch Gottlob ohne traurige Folgen. Diese geringfügigen, äußerst wenigen Fälle abgerechnet, zeigen sich die Italiener für das große Weltereigniß völlig reif, und man würde von dieser Begebenheit kaum mehr sprechen, wenn nicht einerseits die Plebiscite und das damit verbundene Gepränge an Festen und Empfangsfeierlichkeiten und feierlichem Einzüge des Königs in Rom, und andrerseits der stürmische Lärm, den die klerikalen größtentheils bei Seite gelegten Blätter hierüber anschlagen, an den Sturz der weltlichen Herrschaft des Kirchenstuhles noch erinnerten. Schweden. Norrköping, imOctober. (Privatmitrh.) Der 16. September war ein unvergeßlicher festlicher Tag für die isr. Gemeinde in Stockholm und mit ihr auch für die Israeliten Schwedens. Denn an diesem Tage wurde die neuerbaute Synagoge cingeweiht. In der Hauptstadt, wo sich jetzt jährlich die Repräsentanten Schwedens versammeln, ist die neue Synagoge und der rcformirte Gottesdienst darin ein würdiger Repräsentant unseres Cultus. Jung und Alt nahmen auch den innigsten Antheil an diesem herrlichen Feste, welches durch die geniale Rednergabe des dortigen Rabbiners, Herrn Dr. Lewysohn, seine rechte Weihe erhielt. Nachdem der Abschiedsgottesdienst in der alten beinahe 80-jährigen Synagoge gehalten und ein ergreifendes Abschiedswort, die Erlebnisse und den Wechsel der Zeiten berührend, die Herzen der Hörer tief gerührt hatte, begaben sich die Vorsteher mit den Thorarollen nach dem neuen Gotteshause, wo die Einweihung um 5 Uhr Abends ihren Anfang nahm. Schon zuvor hatten sich die zur Feier geladenen hohen Gäste, als der Justizminister Freiherr De Geer, die Staatsräthe Warn-Wennerberg und Bergström, der Ober¬ und Unterstatthalter, verschiedene andere Autoritäten, Mitglieder des Magistrats- und Bürgercollegiums, die Priesterschaft der Staatskirche, Reichstagsabgeordnete und sonstige Notabilitäten der Stadt auf die ihnen angewiesenen Plätze begeben, bis unter Orgelbegleitung der Zug, von dem Rabbiner Dr. Lewysohn in Begleitung der beiden Cantoren angeführt, in die Synagoge eintrat, welche, durch Gas erleuchtet, einen imposanten Eindruck machte. Zuerst wurde das iiz: n-r in hebräischer und schwedischer Sprache vom Rabbiner gesprochen, und nachdem unter gebräuchlichen Ceremonien die Thorarollen im Tabernakel eingesetzt waren, sprach Dr. Lewysohn einige der Bedeutung deS entsprechende Worte, nach welchen das Anzünden der Lampe stattfand. Den besten und noch lange nachhallenden Eindruck machte die geistreiche Einweihungspredigt, welche die 45