Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1870)
- Date
- 1870-11-01
- Page
- Seite 869 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zirdenthirurs. Feuillelon-Leilage zu Nr. 44. Leipzig, den 1. November 1870. Gebete während des Krieges. XVI. Herr! Auf diesem Erdenrund, der durch den Weltraum rollt, wie hat es sich verändert in wenigen Wochen! Der Wind fährt raffelnd durch das welke Laub, deffen nur wenig noch die Bäume und Sträucher in bunten Farben schmückt; er fegt über die leeren Felder und verlaffenen Gärten hin und stößt auf die Ecken der Häuser. Der Regen fällt von Zeit zu Zeit, dann ganze Tage und Nächte hernieder. Die Wolken überziehen das Himmelsgewölbe, nur dann und wann der lichten Sonne ein Stündchen gönnend. Längst zogen die Schwärme der Wandervögel ihrer wärmern Heimath zu — o, warum können die noch nicht heimwärtsziehen, die draußen um die Besten des Feindes lagern, oder ihren neu gesammelten Schaaren entgegentreten, oder den gehässigen Bewohnern des Tages Bedarf abringen müssen mit dem Schwerte, heimwärts unsre Söhne und Brüder und Gatten, wohin sie sich sehnen, wohin wir sie sehnen mit dem ganzen Herzen?! Deine Natur, Schöpfer und Erhalter, geht zu der Ruhe des Winters ein, senkt sich zur Rast im Schaffen und Arbeiten — nicht der Tod, nicht ein Aufhören und Ende ist es, nur der stille Friede des Schlummers, und nicht ein Leichentuch ist die weiße Schneedecke, die sie bald über Berg und Thal, über Flur und Wald breiten wird — denn unter derselben, still verborgen, keimt und treibt es für einen neuen Lenz und eine neue Ernte. — Aber die Menschen achten deß nicht — sie wollen nicht den Frieden, sie wollen keine Rast, kein Borbereiten zu neuem Schaffen — sie kämpfen weiter, sie machen keinen Stillstand im brudermörderischen Kriege; auch die Schneedecke werden sie mit rothem Blute färben, und sie durchwühlen mit ihrem Fuß und dem Hufe ihrer Roffe und dem Rade ihrer Geschoffe! Ob der Sturm heult, ihr Haß, ihr Rachedurst überheult ihn; ob das welke Laub fällt, also fallen die welken Leiber unter den Todesstreichen; ob der Regen strömt, Blutströme fließen nieder, von dem Schwerte aus den Adern jugendlicher Menschen geschlagen! Denn ja, in Deiner Schöpfung, Gott, waltet das Gesetz, das weise berechnete Gesetz in ewiger Folge — aber der Mensch, so er heute seiner Vernunft und seinem Gewstzen und dem göttlichen Gesetze gehorcht, morgen erfaßt ihn die Leidenschaft, uud er giebt sich ihr hin, und sie wird seiner Herrin und Herrscherin, und sie frägt nicht nach Gesetz und Gewilien und Bernunft, sondern nur nach ihrer wilden Eingebung, ihrer wüsten Befriedigung, und die Flamme brennt, bis sie Alles verzehrt hat auf ihrem Wege! . . . Vater der Gnade! Sollen die Unsrigen draußen bleiben, wenn schneidender Nord Frost und Eis über die Erde gebracht? wenn kaltes Schneegestöber die Luft erfüllt und der Boden hart geftoren wie Stein? wenn das Waffer aufhört zu stießen und die Ströme gebannt sind? Draußen sollen sie bleiben, und nur warm werden im blutigen Kampfe, in den mühsamen Werken des Krieges? O Schrecken! o herzerdrückender Gedanke! Hingestreckt sein auf eisigem Boden, zum Tode getroffen vom schneidenden Winde, von Mangel und Entbehrung aufgerieben — und doch kämpfen, und nur, Menschen mit Menschen, kämpfen! O Gott, wende es ab! Zerschmettre diejenigen, welche blind vor Leidenschaft, sich und ihr Volk täuschend in ihrem Wahne, die;um Frieden ausgestreckte Hand zurückstoßen, weil sie ihnen und ihrem unbilligen Verlangen nicht genügen will und kann, weil sie wiederfordert, was ihr geraubt worden, mehr noch, weil sie den Krieg nicht geführt haben will, ohne Bürgschaft zu erlangen, daß er nicht wiederkehre, ohne Sicherheit gegen den Nachbar, der seit Jahrhunderten, der auch diesmal unser Vaterland rühm- und blutgierig angegriffen! Ja, zerschmettre sie, diese wüsten Gesellen, daß sie ihr Volk nicht ganz zum Untergänge bringen, daß sie nicht immer von Neuem seine Jünglinge und Männer in erfolglose Kämpfe treiben, daß sie nicht all sein Gut zerstören und seine Hülfsquellen erschöpfen, daß sie nicht länger Verwüstung des eigenen Landes predigen und vollbringen, nicht länger Haß säen und Sturm ernten und auf lange, lange Zeiten die Völker in blinder Wuth auseinanderreißen! Ja, stürze diese Urheber und Nährer des Krieges in den Abgrund, den sie selbst aushöhlen — o daß der Friede endlich komme, und die Unsren heimwärts-