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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-04 · Heft 40 (4.10.1870) · p. Seite 789

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 40 (4.10.1870)
Date
1870-10-04
Page
Seite 789 (sequence 13)
Language
German
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789 Großbritannien. London, im Sept. Durch die Wahl des H. Julian Goldsmid zum Mitglied des Unterhauses für die Stadt Rochester ist die Zahl der englischen Deputirten jüdischen Glaubens bis auf 8 gestiegen. Schweiz. Endingeu, 5. September. lPrivatmitth.) Das Scheiden unseres bisherigen Rabbiuen, Herrn vr. Kayserling, hat hier, in Lengnau und den andern Orten seiner Wirksamkeit ein sehr schmerzliches Bedauern erregt. Die ungewöhnliche Pflichttreue, die Besonnenheit, Sicherheit und Bescheidenheit, welche diesen Mann auszeichnen, und die ihm eine bedeutende Wirksamkeit erleichtern, sind uns erst recht ins Bewußtsein getreten, da wir ihn nach neunjähriger Function verlieren sollten. Es ist nicht meine Absicht, die wesentlichen Verdienste zu besprechen, welche sich H. vr. K. in der Schweiz erworben, und die sich ebenso nach Innen und nach Außen erstrecken, die ebenso eifrig für die bürgerliche Gleichstellung und den Schutz des jüdischen Eultus gegen jeden Angriff, wie für die Hebung aller geistigen Interessen der Juden sich geltend machten, und sehr wahrnehmbare Veränderungen bewirkten, ohne daß Kämpfe und Stürme zu Tage traten. Die Theilnahme bei seinem Abschiede zeigte sich denn auch in mannigfachen Aeußerungcn der Einzelnen, aber auch Seitens der Gesammtheit. Donnerstag Abend fand ein großes Festessen statt, bei welchem von der Vorstehersckaft Namens der Gemeinde ein sehr schön gearbeiteter Pokal mit passender Inschrift überreicht wurde. Samstags Nacht wurde ein Fackelzug gebracht dem sich die Gesangvereine, Israelitische und Christliche anschlossen. Die Cantonalregierung hat dem Scheidenden in der Antwort auf sein Entlassungsgesuch die ehrendste Anererkennung und das Bedauern über seinen Abgang ausgesprochen. Bei der Abreise drängte sich Alles heran, um dem Scheidenden noch einmal die Hand zu drücken. Wir hegen hier keinen andern Wunsch, als daß H. vr. K. in seinem neuen Wirkungskreise ebensoviel Liebe und Anhänglichkeit sich zu verschaffen das Glück habe, wie er hier hinterlassen hat. Rußland. Krakau, 23. Sept. Kraj berichtet, daß in Lodz (Königreich Polen) Tumulte und Schlägereien zwischen preußisch gesinnten Deutschen, welche illuminirt hatten, und ftanzösisch gesinnten Juden vorfielen und zahlreiche Verwundungen zur Folge hatten. Die Regierung legte der Bevölkerung eine Contribution von 30,000 Rubeln auf. Nachtrag. Berlin, 25. Sept. (Privatmitth.) Auch ein Arzt jüdischen Glaubens, vr. Saulmann, hat bereit das eiserne Kreuz erhalten. — Die kriegsrechtliche Gefangensctzung des greisen vr. Johann Jacoby macht ein schmerzliches Aussehen. Mag man weit von den Ansichten desselben sein, auch sein Vorgehen, gerade jetzt in einer Volksversammlung gegen die Annexion des Elsaß zu protestiren, mißbilligen, so fragt man doch nach dem rechtlichen und gesetzlichen Grunde des über ihn Verhängten, und kann auch kein politisches Motiv finden, da I. I. so geringen Anklang erlangt. Der Charakter I. J.'s steht so rein da, daß noch mehr die Art seiner Hinwegführung tief verstimmt. Berlin, 25. Sept. In der Festung Wittenberg befinden sich unter den französischen Gefangenen ungefähr 50 jüdischen Glaubens, welche den Commandanten ersuchten, das Fest gottesdienstlich begehen zu können. Da in W. keine Gemeinde besteht, so gab ihnen der Commandant die Erlaubniß, nach Dessau gehen zu können, und beorderte ein Commando zur Bewachung, wozu er preußische Soldaten jüdischen Glaubens wählte, damit auch diese dem Gottesdienste beiwohnen könnten. Als dies in Berlin bekannt wurde, bewerkstelligte man eine Geldsammlung, um Wächtern wie Gefangenen eine Festfreude zu veranstalten. Welches merkwürdige Verhältniß!

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