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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-13 · Heft 37 (13.9.1870) · p. Seite 736

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 37 (13.9.1870)
Date
1870-09-13
Page
Seite 736 (sequence 20)
Language
German
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736 Wir haben diesen Proceß hier ausführlich besprechen lassen, sowohl weil der Gegenstand ihn dessen werth macht, als auch wegen-der berühmten zwei Advocaten, der Herren Jules Favre und Cremieux, die in ihm plaidirten. Doch können wir zwei Bemerkungen nicht unterlassen. Die eine ist: So sehr man auch von Seiten der Herren Advocaten an Uebertreibungen und fast leidenschaftliche Ausdrücke gewöhnt ist, wenn es gilt, zu Gunsten der Partei Eindruck zu machen, muß man sich doch über einen Mann, wie Hr. Jules Favre, wundern, wenn er sich wegen einer einzelnen Bestimmung, die ihm nicht gefallt und die seiner Partei nachtheilig ist, über das ganze mosaische Gesetz in einer empörenden Weise ausläßt. In der That scheint sich hier bei ihm der Advocat mit dem überaus frommen Katholiken, der er bekanntlich ist, vereinigt zu haben, womit denn auch sicherlich die gewöhnliche Unkenntniß des mosaischen Gesetzes sich verband. Billigen wir nun deshalb die emphatische Weise, in welcher Hr. Crvmieux wiederum das ganze mosaische Gesetz vertheidigte, obschon wir hier etwas weniger Phrase und etwas mehr Materie gewünscht hätten — so fällt es uns doch zweitens auf, daß er das eigentliche Streitobject, das mosaische Erbrecht, so schwach vertheidigte. Cr mußte dasselbe in seiner unbedingten Angemessenheit, in seiner Richtigkeit und Nothwendigkeit nach den historischen Verhältnissen des Volkes, dem es gegeben ward, rechtfertigen. Er konnte immerhin zugestehen, daß es für Franzosen des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr angemessen sei, aber für ein einfaches, ackerbauendes Volk war es von höchster Weisheit, da hierdurch die gleichmäßige Vertheilung des Bodens unter den Familien gewahrt blieb, Bereicherung und Verarmung vermieden wurden, und für die Töchter doch gesorgt war, da sie bei der Berheirathung keine Mitgift brauchten, im Falle der Nichtverheirathung aber ihren vollen Anspruch in der Familie behielten. Die Redaction. Correspondenz. Carlsbad, Ende August. «Privatmitth.) Durch den unglückseligen Krieg geht die Saison hier früher als sonst zu Ende. Preußen und Franzosen sind längst schon abgezogen, bloß Polen und Russen, Ungarn und Rumänen bilden jetzt das Hauptcontingent. Auch Haus Israel, wie in allen böhmischen Ländern, ist hier stark vertreten. Carlsbad bietet wahrlich die beste Gelegenheit, alle Nuancen des heutigen Judenthums zu studiren! Sie finden hier die berühmtesten polnischen und russischen Chassidim-Rebbe's, die Congreßler und Orthodoxen Ungarns, die deutschen und amerikanischen Reformer, die „Gesetzestreuen" aus Berlin und Frankfurt in großer Anzahl vertreten. Neben diesem Conglomerat so vieler disjecta membra finden Sie hier eine junge erst seit zwei Jahren gebildete Gemeinde, die im raschen Entwickeln begriffen ist. Das vor ungefähr 25 Jahren in der traurigen, vormärzlichen Periode von einem Counts ins Leben gerufene israelitische Spital ist eine gut fundirte, sorgfältig gepflegte, wahre Musteranstalt. Die alljährlich von der Verwaltung ausgegebenen gedruckten Rechenschaftsberichte geben den erfreulichen Beweis, daß das israelitische Spital seine wohlthätige Wirksamkeit immer mehr auszudehnen im Stande ist. Hingegen erweist sich die im Garten des israelitischen Spitals gelegene kleine Synagoge immer weniger zweckentsprechend, und es stellt sich mit jedem Jahre mehr und mehr die unabweisliche Nothwendigkeit heraus zum Neubau eines vas Judenthum würdig repräfentirenden Gotteshauses zu schreiten. Die Gemeinde geht nun damit um, eine Synagoge zu bauen und ist bereit die möglichsten Opfer zu bringen. Es hat sich bereits zu diesem Behufe ein Comits, bestehend aus heimischen und fremden Mitgliedern, gebildet. Allein der plötzlich ausgebrochene Krieg hat leider augenblicklich das Unternehmen ins Stocken gebracht, doch wollen wir hoffen, daß man später mit um so mehr Energie die heilige Sache in die Hand nehmen wird. Vorstand und Gemeindeglieder sind vom besten Eifer beseelt. Hr. Or. I. H. Oppenheim wirkt als Prediger sehr heilsam. Seine Predigten erfreuen sich sowohl bei den Gemeindegliedern, als bei den Curgästen, eines ungetheilten Beifalls. Sie würden aber noch mehr besucht werden, wenn die Synagoge größer und nicht so hoch gelegen wäre. Jedenfalls ist es wichtig, daß die Gemeinde die Synagogenfrage, die für eine Stadt wie Carlsbad, welche von Fremden und namentlich von Juden so zahlreich besucht wird, eine Lebensfrage ist, nicht fallen lasse, um sie zu gelegener Zeit wieder aufnehmen zu können. Als einen Fortschritt müssen wir endlich auch das prachtvolle National-Hotel bezeichnen, das als eine Koscher-Restauration an Schönheit, Comfort und Eleganz vielleicht einzig dasteht. Das National-Hotel wird sowohl von Juden und Christen besucht, und obschon Koscher-Küche geführt wird, so erfreut sich dasselbe wegen seiner Pracht und seiner Lage der stärksten Frequenz. Verlag von Bamngärtuer's Vuchhandluug in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dp. H Lotze.

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