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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-06 · Heft 36 (6.9.1870) · p. Seite 713

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 36 (6.9.1870)
Date
1870-09-06
Page
Seite 713 (sequence 13)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Leilage zu Nr. 36. Leipzig, den 6. September Itzn). Gebete während des Krieges. VIII. Welche Tage der Prüfung! Welche brächte der erdrückenden Angst! Eine fünftägige Schlacht wurde geschlagen — und der Liebling meines Herzens, der Sohn, auf den meine Hoffnungen gestellt, an den meine Seele gebunden, war mitten im Kampfe, mitten im Schlachtgewühls — und nun keine Nachricht, keine Kunde, welches Loos ihn getroffen, welches Schicksal ihm bestimmt gewesen! — O Vater, nimm die Schrecken jener Tage und Nächte an als Sühne alles depen, was ich in diesem Leben geirrt und gefehlt, das Zittern und Bangen als Bittgebet für die kommende Zeit, für fernere Hülfe, weiteren Schutz!... Da stand am Tage das Bild der Grube vor meinem krampfhaft zusammengezogenen Herzen, in die der gefallene Sohn hineingesenkt worden, in der Nacht das Bild des Verwundeten, der hülslos auf dem Schlachtfeld liegt, und verschmachtend nach Vater und Mutter ruft, und sie kommen nicht, nach Bruder und Schwester seufzt, und sie bleiben fern-welche Qual läßt sich hiermit vergleichen! Tag und Nacht strömten Gebete von meinen Lippen: ich wußte es und wußte es nicht; ich sprach: „Rette vom Schwerte meine Seele, aus des Raubthiers Tatzen mein Leben; hilf aus dem Rachen des Löwen mir, aus des Büffels Hörnern erhöre mich!" Äch sprach: „Nicht begegnet Unglück dir, und keine Plage nahet deinem Zelte: denn seine Engel entbietet er dir, zu wahren dich auf allen deinen Wegen; auf Händen werden sie dich tragen, daß du am Stein den Fuß nicht stoßest; auf Leu und Natter schreitest du, trittst jungen Leu und Drachen nieder." Äch betete: „Der Ewige ist dein Hüter, der Ewige dein Schatten, dir zur Rechten; am Tage wird die Sonne dich nicht treffen, und in der Nacht der Mond; der Ewige wird vor allem Leid dich hüten, hüten deine Seele, der Ewige wird hüten deinen Ausgang und deinen Eingang!"... Und ich ward erhört! Die Stunde der Erlösung kam, die Stunde der Befreiung von aller Angst und Bedrängniß — ich halte das Blatt in Händen, auf das er nach dem Siege sein Wohlsein, seinen Gruß gezeichnet — wie zitterten meine Hände, daß sie das Blatt kaum halten, wie füllten meine Augen sich mit Thränen, daß sie die Worte nicht lesen konnten.... Gott und Vater, dir sei Preis und Dank! Dir jubele ich, dir jauchzet meine Seele! Jetzt kann ich des Sieges des Vaterlandes mich freuen, lastet die Fahnen flattern an jeglichem Hause, herrlich klingen die Glocken durch die Fluren, die den Sieg verkünden, die Kanvnenschläge, die ihn feiern.... Freilich, freilich, neben mir trauern gar Biele, Unheil ist auf sie gefallen, ihre Herzen sind gebrochen, denn schwerer Verlust hat sie getroffen — o daß ich sie trösten könnte und Muth den Gebeugten einflößen — aber wieder und wieder fliehet mein Auge hinaus in die Ferne, an dem geretteten Kinde sich zu laben, und hinauf zum Himmel, dem Herrn der Heerscharen zu danken — — und was hierin Selbstisches liegt: ich will es sühnen durch Gaben an die Armen und Bedrängten, durch Pflege der Verwundeten, durch Erquickung der Schmachtenden — theilen will ich, was ich habe, mit ihnen, denn es ist mir so Großes, so Unschätzbares geblieben. — O Herr, so gewähre mir und den Unzähligen, die darum flehen, ferner deinen Gnadenschutz! Laß das Blutvergießen endlich aufhören, hemme den Strom des; Blutes, der nicht enden will aus Tausenden von Menschensöhnen zu fließen, daß der wüthende Kampf sich schließe, daß die Besiegten nachgeben und sich beugen, und die Sieger schonend verfahren und Großmuth üben! Genug, genug des gräßlichen Haders! Ihr da drüben, stürzet die Frevler, die Euch an den Abgrund gebracht, jaget sie weit hinweg in die Qede, dahin sie gehören — was zaudert Ihr? wollet Ihr ganz vergehen und Euch selbst vernichten? Und Ähr, Helden des Vaterlandes, genug Wunder der Tapferkeit sind geschehen, genug des bewunderungswürdigsten Heldenmuthes ist vollbracht — gedenket der Opfer, die gefallen, derer, die noch fallen können — demüthigt auch Euch vor dem Gott, der Euch siegreich geführt, der aber den Frieden will, mäßiget Euch und beschränkt Euch, damit es glücklich ausgeführt So feixe ich Dir, Allgnäviger, eine Stunde des Glückes, des erhebenden Dankes — o, auch in diese mischet sich Bitte um Bitte, Gebet um Gebet — sei mit uns für und für! Amen.

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