Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1870)
- Date
- 1870-08-30
- Page
- Seite 700 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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700 Stadt der Niederlande, so erzählt der Dichter, lebten Juden und Christen in beständigem Kampfe, so daß endlich ein alter Rabi letzteren den Vorschlag machte, sie sollten einen Mann aufstellen, der mit ihm eine Disputation halte. Werde er, der Rabbi, besiegt, so würden die Juden die Stadt verlassen, siege er aber, so müßten die Christen aus der Stadt heraus. Die Christen nahmen den Vorschlag an, finden aber zu ihrer größten Sorge keinen geeigneten Vertreter. Am Vorabend des Kampfes erscheint ein Freiheit, der die Sache der Christen übernimmt. Der Kampf geht vor sich, es ist ein Kampf mit geheimnißvollen Zeichen. Unter andern hält der Rabi die flache Hand empor, der Freiheit streckt die Faust gegen ihn aus und siegt. Denn die hohle Hand, so erklärt der Rabi seinen Glaubensgenossen das Zeichen, deutet an, daß Gott immer mild und gnädig die Sünder aufnehme; das Zeichen der Faust verbessere seinen Satz und bedeute, daß Gott auch zu strafen wisse. Die Juden müssen auS der Stadt entweichen und der Freiheit wird hochgeehrt von den Christen. Schließlich möchte ich noch bemerken, daß die Meinung, die so Viele haben, die Juden hätten im Mittelalter ihre Schriften sorgfältig verheimlicht, nach diesen Mittheilungen gewiß unhaltbar ist. Vermischtes. Das Jew. Chron. enthält einen Brief des vor Kurzem verstorbenen berühmten Romandichters Charles Dickens (Boz), den wir hier der Curiosität wegen wiedergeben wollen. Eine Dame, Vorsteherin eines jüdischen Wohlthätigkeitsvereines, schrieb an Dickens unter vem 22. Juni 1863, worin sie sich beklagt, daß trotz der Gleichheit vor dem Gesetze, welche alle Culte in England genießen, viele Schriftsteller in Büchern und Zeitungen sich so vorurtheilsvoll über die Juden äußern, daß sie der Verachtung anheimfallen. Auch Dickens mache keine Ausnahme, denn er habe im „Fagin" den shakespearischen Shylock wiedergegeben. Glücklicherweise lebe der Verfasser noch und könne seinen Fehler wieder gut machen. Sie präsentire ihm daher die Spendenliste des Vereins zum Besten armer Juden. — Dickens antwortete am 10. Juli 1803 folgendermaßen: „Madame, hoffentlich werden Sie entschuldigen, daß ich so lange mit Beantwortung Ihres Briefes gezögert habe. Es ist mir ganz unmöglich, meinen Correspondenten gegenüber pünktlich zu sein. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß, wenn ich die Empfindlichkeit des so intelligenten Volkes der Israeliten verletzt habe, indem ich das that, was Sie in Ihrem Briefe ein großes Uebel nannten, ich sie nichts desto weniger immer als Männer von vielem Gemüth, sehr gerecht und sehr begabt betrachtet habe. Wenn die Person des Fagin in meinem Oliver Twist ein Jude ist, so beweist unglücklicher Weise die Geschichte der Epoche, daß die Classe von Uebelthätern, durch ihn repräsentirt, unveränderlich den Juden angehörte. Dennoch wird jeder einsichtsvolle Mensch einsehen: 1) vaß alle anderen Personen dieses traurigen Dramas Christen sind; 2) daß Fagin nicht wegen der Religion, zu welcher er sich bekennt, Jude genannt wird, sondern wegen seiner Nationalität. Wenn ich in einem meiner Werke einem Franzosen oder einem Spanier den Namen eines römischen Katholiken beilegte, würde ich eine tadelnswerthe Handlung begehen, aber wenn ich Fagin einen Juden nenne, so thue ich dies, weil er dem jüdischen Volke angehört, ebenso wie ich einen Bewohner Chinas einen Chinesen genannt haben Anbei sende ich Ihnen meinen Beitrag zu dem Wvhlthätigkeitswerke, an welchem Sie Theil nehmen; hoffentlich wird dies zu einem Beweise meiner Denkungsart über die Israeliten dienen. Uebrigens habe ich immer mit Wärme in meinen öffentlichen und Privat-Unterredungen von ihnen gesprochen, und habe nie gezaudert, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In meiner „Geschichte Englands zum Gebrauche der Kinder" habe ich zu verschiedenen Malen die grausamen Verfolgungen beschrieben, welche Sie im Mittelalter erleiden mußten. Ich zeichne u. s. w. Charles Dickens." Die Dame suchte nun in einem Antwortschreiben die schwachen Stellen der obigen Schutzschrift Dickens zu widerlegen. Man sieht, es war Dickens ziemlich abgerungen. Jndeß Hai er in einem späteren Romane „Unser gemeinsamer Freund" sich bemüht, die Juden von einer besseren Seite zu zeichnen, was ihm halb und halb gelungen. Der Bischof Ketteler hat auf dem Bahnhofe zu Mainz am 9. d. ein eigentümliches Abenteuer erlebt. Nachdem er sich mit einer Anzahl Mannschaft des gegen Abend durch die Stadt passirten 3. schlesischen Landwehr- Dragoner-Regiments unterhalten und ihm seinen Segen gespendet hatte, fragte er die Leute: „Sie wüßten doch, für was sie in den Kampf zögen, und seien hoffentlich Alle gute, treue Katholiken?"... Ein wahrer Sturm war die Antwort, aus dem die Erklärung herausschallte: „Nein, das sind wir nicht! Es sind genug Protestanten und Juden unter uns. Wir sind Alle Brüder und gute Kameraden, und Einer für Alle und Alle für Einen! Was Sie wollen, gilt bei uns nicht!" Unter Tumult zog sich der geistliche Herr zurück. Verlag von Baumgartners Buchbandlung in Leipzig. — Druck von Z. 23. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.