Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1870)
- Date
- 1870-08-09
- Page
- Seite 644 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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644 der Kunst genannt werden. Neben unzähligen lebensgroßen und lebensvollen Porträts in Oel, jedes ein Kunstwerk in seiner Art, meisterhaften lithographirten Porträts und Zeichnungen, hinterließ Moritz Kalisch über hundert große Oelgemälde in den Museen und Privatgalerien aller Lander. In allen Gemälden, besonders auch in den Porträts, spricht sich ein idealer Schwung — ein wunderbares Gefühl für das Schöne aus- So schnell Kalisch seine Compositionen entwarf — für die ähnlichste Porträtskizze genügte ihm meist eine Stunde — so sorgfältig und fast ängstlich gewisienhaft arbeitete er an der Ausführung bis ins kleinste, unbedeutendste Detail. Er mußte sich schließlich fast gewaltsam von jedem Gemälde losreißen — denn sein hohes Streben nach immer größerer Vollendung fand stets noch etwas zu retouchiren. Hatte nach gewissenhafter Selbstkritik ein Gemälde die Höhe der ihm möglichen Vollendung nicht ganz erreicht, so konnte kein Bitten und Loben von Künstlern und Kunstfreunden ihn bewegen, das Bild der Oeffentlichkeit zu übergeben. Ganz Vorzügliches leistete unserer Künstler in großen ideal schönen und charakteristischen Frauenfiguren und in dem Genre des „doppelten Lichteffects", dem er sich in den letzten Jahren mit besonderer Liebe zuwendete und deffen große Schwierigkeiten: die combinirte Beleuchtung durch eine Lampe oder Kerze und das durch die Fenster fallende Licht der Morgen- und Abenddämmerung oder deS Mondenscheins, er zu überwinden verstand, wie kaum ein anderer Maler. England und Amerika suchten diese Gemälde vor allen anderen zu erwerben. Die berühmtesten großen Figurenbilder unseres Meisters sind: Muttersegen — Nach dem Balle — Der LiebeSbote — Das erste Almosen (die beiden letzten weltbekannt durch die Stahlstichcopieen) — Früh Scheiden — Die Nachtwache einer Mutter — Die Arbeiterinnen beim Lämpchen — und das letzte Bild des Heimgegangenen: Erinnerung an das Irdische — das bei der jüngsten Kunstausstellung in Wien das größte und verdiente Aufsehen machte und bereits am ersten Ausstellungstage verkauft war. Von den größeren historischen Gemälden nennen wir nur die bekanntesten: Franz I. am Sterbebett des Leonardo da Vinci — Der blinde Galilei und seine Schüler — König Ludwig Bonaparte bei der Wasiernoth in Nordholland (in der Gallerie Napoleon 111.). Reizende Genrebilder sind: Der Morgengruß — Grvßmutters Geburtstag — Die Braut von Amak — Der erste Wochenlohn — Welche ist die größte? — und viele andere. Und in allen diesen Gemälden lebt ein reiner, schöner, tiefer Gedanke, ein idealer Zug, ein poetischer Duft und eine ernste Sittlichkeit. Der craffe Realismus unserer Tage war unserem gemüthvollen Dichter in Farben zuwider, — alles Unreine in der Kunst und im Leben seiner unentweihten Kindcrseele verhaßt. Die große Thcilnahme, die der plötzlich am Schlagluß erfolgte Tod unseres Meisters in ganz Holland and, und die sich besonders bei seinem Leichenbegängniffe äußerte, galten ebensosehr dem edlen Menschen, als dem großen Künstler. W. v. Richtenberg. Vermischtes. (Eine Kabelente.) Das transatlantische Kabel giebt zuweilen schwere Räthsel auf. So befremdete uns kürzlich die außerordentliche Aufregung, in welche der Congreß sich durch die Nachrichten von den neuesten Judenverfolgungen in Bottuschan versetzen ließ, und der entsprechende Eifer, den die Versammlung zeigte, um den Präsidenten zu ungesäumten und nachdrücklichen Schritten bei der rumänischen Regierung anzutreiben. Jetzt, da die Postberichte aus Amerika vvrliegen, schwindet unsere Verwunderung. Denn die Nachrichten, welche den Congreß so sehr erregten, waren freilich fürchterlich genug. Statt von zerbrochenen Fensterscheiben, zerstörten Hausthüren und mißhandelten Menschen zu melden, entsetzte der atlantische Telegraph das americanische Publicum mit folgender Depesche: „Konstantinopel, 1. Juni. In Rumänien ist ein furchtbarer Religionskrieg ausgebrochen. Schon seit einiger Zeit haben die eingeborenen Christen gegen die dortige jüdische Bevölkerung einen Geist des Haffes gezeigt. Eine geheime Organisation für die Ausrottung der harmlosen Juden hat schon länger existirt und der tödtliche Haß der bigotten Bevölkerung hat nur geschlummert und auf eine Gelegenheit zum Ausbruche gewartet. Am letzten Sonntag hat sich auf ein vorher verabredetes Zeichen die christliche Bevölkerung erhoben, und das schreckliche Werk der Abschlachtung begann. Zu früher Stunde drang man in die Häuser aller Juden, und die Bewohner, welche nicht entkommen konnten, wurden kaltblütig niedergemetzelt. Die fliehenden Israeliten wurden von den christlichen Pöbelhaufen durch die Stadt verfolgt und ermordet, wo man immer ihrer habhaft werden konnte. Männer, Frauen und Kinder wurden unbarmherzig niedergemacht. Die durch religiöse Bigotterie entflammte Wuth der Bevölkerung wurde erst durch den Mangel an Opfern erschöpft. In allen Hauptstädten ging das Werk der Abfchlachtung vor sich, und Tausende von Männern, Frauen und Kindern von der verhaßten Menschenclaffe wurden kaltblütig ermordet. Die Metzelei hat im Innern des Landes noch ihren Fortgang, und man hat noch von keinen Schritten der Behörden zur Unterdrückung derselben gehört. Der regierende Fürst ist von der Provinz abwesend, und diesen Umstand hat man sich zunutze gemacht, um alle Juden der Provinz auszurotten." Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschseld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.