Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1870)
- Date
- 1870-08-02
- Page
- Seite 621 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Feuilleton-Beilage zu Ur. 31. Leipzig, den 2. August 1870. Wer hat den zweiten Tempel zerstört? Zum 9. Ab. Die bevorstehende abermalige Erneuerung des Gedächtnissean jenes furchtbare Ereigniß, welches dem Geschicke deS jüdischen Stammes eine zwar langst vorbereitete, aber völlig neue Wendung gab, mahnt uns, der Streitfrage etwas naher zu treten, welche wir jüngst in einer Abhandlung in d. Bl. angedeutet haben.*) Achtzehn Jahrhunderte sind über die Trümmer des zweiten Tempels hinweggegangen; aber erst vor zehn Jahren trat der bisher immer wiederholten Erzählung über den eigentlichen Urheber und die nächste Veranlassung des Tempelbrandes eine andere entgegen, und wenn eine nähere Erörterung dieser Streitfrage, wie sie gegenwärtig steht, auch für den Verlauf und die Wirkungen jener schreckensvollen Katastrophe von keiner besonderen Bedeutung ist: so ist es doch stets von hohem Interesse, die geschichtliche Wahrheit auch im Einzelnen möglichst an's Licht zu schaffen, eine gewisse Parteibestrebung zu entlarven, wo sie sich als solche kenntlich macht, und hierdurch eine gefälschte Beurtheilung zu zerstreuen, abgesehen davon, daß uns, den späten Enkeln eines im Heldenkampfe untergegangenen Geschlechtes, die mit inniger Theilnahme noch immer an den Ruinen ihrer großen Borzeit hängen, nichts gleichgültig ist, was jene finstere Schicksalsnacht zu beleuchten vermag. Wie gesagt, diese langen Zeiten hindurch kannte man nur einen Bericht über den Untergang des Tempels, den des Äosephus, welcher getreulich wiederholt ward, da uns im Talmud keine, die Details aufhellende Notiz überliefert worden. Man that dies, obschon Niemandem entgehen konnte, daß Josephus in seinem Berichte eine ausgesprochene Tendenz verfolgte. Er drückt diese selbst mit den Schlußworten aus: „So ward der Tempel wider des Cäsars (Titus) Willen ein Raub der Flammen." Josephus wollte den Titus von Menschenliebe und Wohlwollen erfüllt darstellen, und Zeitgenossen und Nachkommen glauben machen, daß der Untergang des Tempels, der Verlust dieser großartigen Zierde des römischen Reiches, nicht dem Willen und Befehl des Titus, sondern der hartnäckigen Vertheidigung der Juden und einem Zufall oder vielmehr einer göttlichen Vorausbestimmung, die sich eines solchen Zufalles bediente, und zwar wider den ausdrücklichen Willen des Cäsars, der nichts als Schonung und Nachsicht athmete, zu verdanken sei. Er bereitet uns hierzu in seiner Relation über den ganzen Feldzug vor, und laßt Titus mehrmals, z. B. bei der Eroberung von Giskala grobe Fehler als Feldherr und Anführer machen, um das Niedermetzeln der Einwohner zu verhindern. Er erzählt nun im 4. Cap. des 6. Buches feines jüdischen Krieges die Zerstörung deS Tempels so. Titus läßt, da seine Soldaten immer zurückgeschlagen werden, die Thore des Tempels anzünden, und die Flammen ergriffen nach allen Seiten die Vorhallen. Die Juden ließen betäubt die Hände sinken. Jndeß verrathen seine Worte am Schluffe des §. 2, daß die Römer den Brand in den Hallen immer von Neuem anfachten. Erst am folgenden Tage ließ Titus löschen, damit die Legionen auf den eigentlichen Tempel stürmen könnten, und unterdeß versammelte er seine Heerführer zum Kriegsrath. Josephus sagt nun: „Die Einen meinten: man solle nach Kriegsrecht verfahren; die Juden wurden nicht aufhoren, Empörungen zu stiften, so lange der Tempel stehe, der ihr gemeinsamer Mittelpunct sei. Andere rathen, das Gebäude, im Falle die Juden sich zurückzögen und Keiner sich zur Wehre setze, zu retten, und dasselbe nur dann zu verbrennen, wenn die Juden sich darin behaupteten und Widerstand leisten würde». Es sei eine Festung, kein Tempel; ohnedieß falle die Schuld der Zerstörung des Heiligthums nicht auf die Römer, sondern auf die Juden, welche dazu zwangen. Titus erklärte zuletzt: selbst wenn die Juden den Tempel besetzen und kämpfen würden, werde er sich nicht an leblosen Steinen für die Unthaten der Menschen rache», noch ein solches Werk verbrennen. Die Römer treffe der Schaden, wenn das Heiligthum untergehe, so wie es auch eine Zierde des Reiches bleibe, wenn daffelbe erhalten werde. Entschieden stimmten nun auch Fronto und Alexander und Cerealis dieser Meinung bei." Es waren also drei Ansichten im Kriegsrache vertreten; die *) „TituS wie er war" in Nr. 10. 11. 12.