Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 90 (28.7.1838)
- Date
- 1838-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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h. Z-H--MS. Allgemeine N». so. Zkitung des Zudcnthumö. Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit Königl. Sächsischer allergnädigster Concession.) Leipzig, den 28. Zuli 1838. B e l l e t r i st i f. D i e Gegensätze.^ Eine israelitisch-religiöse Novelle. (Fortsetzung.) VHI. Was aber unser» Liebenden in der sichern Stellung, die sie selbst zu einander eingenommen, so leicht schien, war cs in der Wirklichkeit noch immer wenig. Der Kriegsrath Faller drängte den Banquier Kaspar, sich bestimmt zu erklären, und einen öffentlichen Schritt in dieser Angelegenheit zu thun; er stellte die Bedingungen, die ihm selbst gesetzt waren, als zur Erfüllung reif dar; ja, die Verbindung mit ihm wurde schon eine unmittelbare, indem der Banquier kheils Geldvorschüffe leistete, theils sich mit ihm in nähere Geschäfte einließ, die einen gewagten, aber durch des Kriegsrath angeblichen Einfluß gesicherten Eharacter hatten. Auch schienen wirklich die von ihm angegebenen Spekulationen den günstigsten Verlauf zu nehmen, die ersten Schritte glückten dermaßen, daß sich die Aussichten immer mehr erweiterten, und der Banquier sich daher ihnen immer vertrauensvoller hingab. Daß er demnächst immer weniger gewilligt war, den wiederholt verlangten Aufschub seiner Tochter zu bewilligen, läßt sich voraussetzen. Hierzu kam noch, daß Ludolph selbst untrügliche Zeichen einer warmen Neigung gab, die er zu Julie gefaßt, jeder Blick des offenen, treuherzigen Zünglings, jede Gcberde, jeder Laut verkündeten es. Gerade deshalb konnte Julie ihm das Geheimniß ihres Herzens nicht mittheilen, wie sie es Anfangs gewollt, der Mund versagte ihr den Dienst, wenn sie beginnen wollte, sie zog sich nur schüchtern zurück, und zitterte in peinlicher Bangniß. Oft, oft sah sie des Tages nach dem Hause hinüber, das ihr Glück und ihr Weh umschloß; da bemerkte sie auch oft den Gegenstand ihrer Sehnsucht, aber es war nicht der Geist der Hoffnung, den sie aus seinen Zügen las. Mit ihrem reinen Herzen wandte sie sich dann zu Gott; die heilige Schrift lag vor ihr aufgeschlagen, und ihre Seele entbrannte von der Flamme heiliger Zuversicht. Daran richtete sie sich auf, daraus zog sie ihre Kraft. IX. Das jüdische Neujahrsfest war eben vorübergegangen. Die Tage der „Buße" zogen langsam dahin, Vorbcreitungstage zum heiligen Versöhnungstage. Jedermann kennt die feierliche Stimmung, die um diese Zeit über jedes wahrhaft israelitische Herz kommt, und wie namentlich die Bußtage angewendet werden, mit seinem Erdenbruder abzurechnen, und sich einen Zustand allgemeinen Friedens zu verschaffen. Alten Feinden verzeiht man, denen man Unrecht gethan, man bittet sie um Verzeihung; die Schäden des Lebens sollen geheilet werden.-Diese Zeit hatte sich Jonathan ausecsehen, seinen Vater mit seinen Wünschen bekannt zu machen. Denn über diesem schwebte schon deshalb ein ganz eigener Geist in den genannten Tagen, weil am dritten derselben sein Vater, seine Mutter und seine Frau in drei aufeinander folgenden Jahren verstorben waren, und er ihnen die vorgcschriebenen Trauergebräuche mit strengster Pünktlichkeit leistete. Das Andenken der geschiedenen Lieben entrückte ihn da der Erde mehr als je, und ließ ihn das Gewirr« der Menschenwelt mit höherem 'Blicke überschauen. Am Morgen nach diesem Trauertage begab sich Jonathan zu seinem Vater. Der ehrwürdige Greis las in dem unübertrefflichen Lehrgedichte von der Eitelkeit der Welt (Lecbivot Olam), und recitirte eben laut die Worte: „die Stützen der Zeit wanken; ihre Riesengebirge sind an einem Haare befestigt, das sich mit jedem Winde dreht ff. *). Als Jonathan eingetreten, zog ihn sein Vater an sich, küßte ihn, und hielt ihn lang umfangen. Schon fühlte Jonathan eine Unruhe seines Gewissens, ob es nicht sündlich sei, gerade diese weiche Stimmung seines Vaters zu seinem Vor- •) Cap. XI.