Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1870)
- Date
- 1870-07-12
- Page
- Seite 565 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zn-cnthums. Feuilleton-Leilage zu Ar. 88. Leipzig, den 12. Juli 1870. Novelletten. Bon Joseph Raimund. H. Gesetz und Leben. In einem Gernache eines großen, luxuriös ausgestatteten Hauses zu G. schritt eine Frau unruhig, ja leidenschaftlich hin und her. Von Zeit zu Zeit erhob sie die krampfhaft geschloffenen Hände und das bleiche Antlitz mit den stieren, thränenlosen Blicken, rang die Hände und ließ sie wie verzweifelnd wieder sinken. Von den bleichen Lippen vernahm man nur Seufzer und Stöhnen. Die Frau mochte in der Dritte der vierziger Jahre sein, und das Zimmer war ein Nebengemach, das jedoch nach den darin befindlichen Geräthen, dem großen Schreibtisch, dem Geldschrank, dem Pfeifenstander für einen Herrn bestimmt sein mußte. Drinnen, im anderen Zimmer, lag ein Sterbender auf seinem Lager, bewußtlos, von Zeit zu Zeit röchelnd, dann wieder einen tiefen Athemzug ausstoßend, mit welchem man die Seele entfliehend glauben konnte. Ein Mädchen im zarten Alter von etwa dreizehn Jahren saß auf einem Stuhle neben dem Bette und beobachtete den sterbenden Mann. Ihre Blicke hingen unverwandt an den schmerzlichen Zügen seines Angesichts, über welche die Schauer des nahen Todes von Zeit zu Zeit hinwegliefen und den ganzen Körper beben und zucken machten. Die Augen des Mädchens füllten sich dann mit Thränen, und leise Gebete glitten von ihren zitternden Lippen. Noch setzte die Frau ihren unruhigen Rundgang durch jenes Gemach fort, als daS Kind hereinstürzte und sich in die Arme seiner Mutter warf. „Mutter, Mutter!" rief das Mädchen aus, „es sind einige ältliche Männer in das Schlafzimmer des OheimS gekommen und haben mich hinausgewiesen. Verwandte sollen nicht am Sterbebette sein, weil der Anblick ihres Schmerzes den Sterbenden betrübe und ihm den Tod erschwere. O Mutter, wird, muß er denn sterben?" „Beruhige Dich, Paula," sagte die Mutter, indem sie sich selbst zu faffen und zu beherrschen suchte, „eS ist keine Hoffnung mehr, die Aerzte haben es gesagt, und wer Deinen Oheim ansieht, weiß es. Er wird nicht wieder zum Bewußtsein zurückkehren, und wir sind verloren l" „Verloren, Mutter? Was heißt das? Ich werde den Oheim, der stets so gut und zärtlich gegen mich war, mein Leben lang betrauen" — und die von Neuem herabrollenden Thränen bewiesen, daß Paula austichtig sprach — „aber verloren? Habe ich nicht Dich noch, theure Mutter, und Du mich?" Die Mutter schob mit einer lebhaften Geberde ihre Tochter von sich weg, denn ein neuer Ausbruch ihrer inneren Bewegung wollte sich Luft machen. Sie schrie fast: „Ja, verloren! Wir muffen ins Elend hinaus, werden aus diesem Hause gestoßen, und alles Dessen beraubt, was wir bis jetzt als das Unsrige betrachteten. Gut, zärtlich gegen Dich? Mag sein, gegen mich aber war er schlecht, und gegen Dich nicht minder!" Sie schritt wieder hin und her und rang die Hände. Das Mädchen schien die letzten Worte überhört, und nur den ersten Satz beachtet zu haben; sie fragte: „Wie, Mutter, gehört dies Alles nicht uns und geht vom Oheim auf uns über? Er hat es ja hundert Male gesagt, nur Du, seine Schwester, und ich, wir sollten seine Erben sein! Und jetzt sollten wir Alles verlieren?" „Und doch ist es so. Der Feigling wollte niemals die nöthigen Anordnungen treffen, daß uns wenigstens ein Theil seiner Hunderttausende verbleibe. Er konnte sich dazu nicht aufraffen, wenn es überhaupt sein Wille war, denn in feinem argwöhnischen Gemüthe mochte der Gedanke leben, wir möchten, wenn er uns fein Vermögen gesichert, seinen Tod herbeiwünschen. O, es schmerzt mich rief, Paula, daß ich Dich mit solchen Dingen und mit den Schlechtigkeiten der Menschen bekannt machen muß! Aber unsere Zukunft ist so düster und dabei in allen ihren Schrecken so nahe, daß ich es Dir nicht verbergen darf. Das war ein Bruder! Zwölf Jahre habe ich seine Launen, seine Stachelreden, seinen beständigen Verdacht, betrogen und bestohlen zu werden, ertragen, habe ihn gepflegt und versorgt — und nun, hat er mir so gedankt! Immer versprochen, und immer