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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-28 · Heft 26 (28.6.1870) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 26 (28.6.1870)
Date
1870-06-28
Page
Seite 528 (sequence 20)
Language
German
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528 erkennen, daß nur Ein Gott ist, der durch die Natur und das Geschick Strafen verhängt, er, der Himmel und Erde regiert, dem Menschen die aufrechte Gestalt und allen Wesen ihre eigenthümliche Statur gegeben hat. Bricht hier das erste Fragment ab, so bietet sich uns das kleine zweite dar, welches den von der Mythologie aller heidnischen Religionen ausgesprochenen Gedanken, daß die Götter zu gewisser Zeit und in gewisser Weise entstanden und von göttlichen Elternpaaren erzeugt worden, aber unsterblich seien, bekämpft, und zwar damit, daß in diesem Falle die Zahl der Götter großer als die der Menschen und für letztere gar kein Platz mehr sein müßte. Das dritte Fragment beginnt mit der Bestreitung der Vorstellung, als ob Gott geworden sein könnte, wahrend doch Alles, was geworden, wieder vergehet. Vielmehr sei nur Ein Gott, der Alles geschaffen, den Menschen aber zum Herrscher aller irdischen Wesen eingesetzt. Gott ist es, der Alles weiß, den Guten Lohn, den Ungerechten Strafe verhängt, und zwar schon auf Erden. Um so weniger dürfen die Menschen sich selbst überheben, sind aber um so strafbarer, wenn sie sich herabwürdigen, Thiere, steinerne Bilder und dgl. als Götter zu verehren. Sie sollen sich vielmehr vor dem Gotte des Lebens und des Lichtes beugen, der auch die Freude in das Herz des Menschen gießt. Aber dies ist es, was die Menschen nicht thun, sondern sie verfolgen die Abwege, und verfallen darum der ewigen Strafe, während diesenigen, welche Gott fürchten, das ewige Leben im Paradiese erlangen. Schon aus dieser Darstellung erkennt man, daß diese Bruchstücke in der Einheitlichkeit ihrer Idee zusammengehörige Theile eines Ganzen, dennoch aber wieder nur Bruchstücke sind. Es ist einsichtlich, daß dem ersten Fragment noch Etwas vorangegangen, sowie dem dritten noch Etwas nachgefolgt sei, unv daß zwischen den drei Fragmenten die vermittelnden Stücke fehlen. Denn das zweite setzt den Ausspruch der heidnischen Religionen über den Ursprung der Götter voraus, sowie das dritte über die Unsterblichkeit der Götter. Beide stehen aber hierin doch wieder mit dem ersten in nächster Beziehung, da in diesem wiederholt Gott als „nicht geworden" gefeiert B. 7. l7., also die Polemik gegen die heidnischen Begriffe von dem Ursprung der Gottheiten herbeigeführt worden. Wahrscheinlich fehlt zwischen dem zweiten und dritten weniger als zwischen beiden und dem ersten. Dennoch ist auch hier der Gedankengang sichtbar. Das erste Bruchstück endet damit, daß Gott, der unerschaffene, alles geschaffen und jedem Wesen seine eigenthümliche Statur gemischt habe; von hier aus ist es nahe und leicht, das Werden von Göttern, also als selbst erst geschaffenen, zu bekämpfen: die Götter können nicht geworden sein, wenn sie ewig sind <Fragm. 2.) und können nicht ewig sein, wenn sie geworden sind «Anfang des Fragm. Z.). Für die Einheit dieser Bruchstücke spricht auch noch die Wiederkehr des Vorwurfs der Selbstüberhebung der Menschen in B. 1 und 2 des ersten und V. 21 des dritten Fragments. Daß alle drei Fragmente von einem Juden herrühren, ist unzweifelhaft. Denn wenn einerseits überall Anklange an die h. Schrift durchtöneu, so ist andererseits der Monotheismus so scharf betont, und die Polemik gegen lste heidnische Vielgötterei so nachdrücklich geführt, daß wir hier die Lehre des Judenthums in ihrer vollen Reinheit ausgesprochen finden. Die Einheit Gottes, die Ewigkeit seines Daseins, seine Wellschöpfung, seine Weltregierung und seine Vergeltung in Belohnung und Bestrafung sind energisch ausgeführt. Hierzu kommt, daß der Verf. im ersten Fragment B. 21 Opfer dargebracht haben will, und V. 1 und 2 des dritten Bruchstücks den Ursprung Gottes aus einem Menschenpaare bekämpft, um nicht die Vermuthung eines christlichen Dichters völlig abzuweisen. Allerdings meinen wir nicht, daß in den letztem Versen etwa eine Polemik gegen christliche Dogmen enthalten sei, sondern nur daß in solcher Weise ein christlicher Sänger sich nicht ausgesprochen hätte. — Ebenso bestimmt ergiebt es sich, daß der Verf. ein ägyptischer Jude gewesen, da er V. 22—23 im dritten Fragment nur den ägyptischen Götzendienst vor Augen hat. Welcher Zeit der Verf. angehörte, dafür geben diese Bruchstücke an sich keinen bestimmten Anhalt. Nur wenn es sich erweisen läßt, daß er mit dem Urheber des dritten Gesanges dieselbe Person gewesen, und es sich aus diesem rechtfertigt, ihn in die Zeit der Kleopatra zu versetzen, ist uns die Zeitbestimmung gegeben. Dieser Annahme wiedersteht nun auch die Vorstellung von der Belohnung und Bestrafung der Seelen im Jenseits, die in V. 43 — 49 des dritten Fragments gegeben wird, nicht, da, wie wir in der Anmerkung zu diesen sehen, um die angegebene Zeit solche Ansichten bei den Juden schon verbreitet waren. So fern nun auch die Ursprünglichkeit, die Kraft und der Schwung des Geistes in diesen Fragmenten von dem Geiste der Propheten sind, so ist doch die Tendenz dieselbe: die Bekämpfung des Götzenthums und die Lehre vom einzigen Gotte und dessen Wirksamkeit auf die Menschen. Dieselben Waffen, welche die Propheten führen, werden auch hier, wenn auch in schwacher Nachahmung, zur Bekämpfung der heidnischen Vorstellungen und zur Festigung der jüdischen Weltanschauung verwendet. Der Bortheil, der unsrem Dichter hierbei zur Seite steht, ist, daß er von Zeit und Oertlichkeit völlig abstrahiren und die Lehre deshalb objectiver und doctrineller geben konnte. Verlag von Baumgartners Buchbaudluug in Leipzig. — Druck von I. D. Hirfchfeld. Veranrwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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