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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-06-28 · Heft 26 (28.6.1870) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 26 (28.6.1870)
Date
1870-06-28
Page
Seite 525 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -cs Zudenthmns. Feuilleton-Beilage )u Nr. 26. Leipzig, den 28. Juni 1870. Novelletten. von Joseph Raimnnd. I. Die Rache ist — süß. Die Lust war drückend schwül. Es war früh im Jahre eine außergewöhnliche Hitze eingetreten und hatte die kaum aufgesproffenen Saaten und Wiesen verdorrt, und auf dem Hochgebirge Schnee und Gletschereis in Fülle geschmolzen, so daß die lechzenden Fluren von hockangeschwollenen Strömen durchflossen wurden. Heute am Vormittage war es unerträglich heiß. Menschen, Thiere und Pflanzen schmachteten darunter. Gegen Mittag stieg es endlich dunkel, bleigrau am nordwestlichen Himmel herauf und breitete sich immer lö Herder Sonne entgegen. Unter dieser sich dehnenden, verdichtenden, wallenden Wolkenschicht erschien ein gelber Dunst, der auf der Erde näher rückte. Jetzt hatten bereits die grauen Wolken mit schmalem, silbernen Rand den Sonnenball erreicht, und blaßten seinen grell goldenen Glanz ab. Auf den Feldern lag Schatten und eine Todtenstille, denn alles Gethier hatte sich in seine Wohnungen begeben. Kein Vogel durchschnirt die Luft, diur der breite Strom rauschte weiter, doch in ruhigem Fluß und setzt wie eine grau-weiße geschmolzene Bleimasse, deren Oberfläche spiegelglatt. Noch kurze Zeit, und einmal, dann wieder erhob sich ein starker, aber kurzer Windstoß, die Wolken flogen rascher, der gelbe Dunstkreis kam näher. Von einem schmalen Fußwege kam eilenden Schrittes ein langer hagerer Mann zum Ufer des Stromes. Zuletzt rannte er mehr als er ging. Er mochte eben ein Vierziger sein, sein Aussehen ließ ihn älter erscheinen. Das Gesicht war dürr und markirt, die Schläfen schon etwas kahl. Er eilte zu dem Fährmann, der beschäftigt war, zu untersuchen, ob seine drei, vier Nachen auch fest angeschlossen seien. „Setzt mich über, Steidel!" keuchte der hagere Mann, „tummelt Euch, ich muß hinüber." Der Fährmann blickte ihn ruhig an, sah noch einmal zum Himmel hinauf; eben wirbelte ein abermaliger Windstoß den Staub weithin auf, unv kräuselte zum ersten Male die schwere Oberfläche des Wassers. „Jetzt könnt Ihr nicht übersetzen," erwiederte er in der langsamen Sprechweise, die seine Gewohnheit war. „Ich thue es nicht, und Ihr wißt, Meier, daß ich stets thue, was ich kann. Aber ehe zehn Minuten vergangen, wird der Sturm rasend loßbrechen und jeden Nachen, der sich unglücklicher Weise auf dem Flusse befindet, wie einen Strohhalm zerschlagen oder in die Tiefe schleudern." „Nein, nein, Ihr seid ein fauler Mensch, ein Hasenherz. Ehe das Unwetter losbricht, find wir längst drüben. Erhebt sich der Wind, desto besser, so treibt er uns schnell durch. Zögert nicht, dann lachen wir den Sturm aus, und Ihr sollt auch lachen, Venn ich gebe Euch einen Preußenthaler, einen ganzen, wenn wir drüben sind. Ich muß hinüber, sonst entweicht mir der Jakob, und all' mein Thun und Treiben seit Jahren war umsonst. Jetzt ist die Stunde gekommen, nach der ich so lange gedürstet, und sie sollte vergeblich erschienen fein?" Die letzten Worte hatte der Mann allerdings nur in sich hineingemurmelt, daß der Schiffer sie nicht vernahm. Der aber schüttelte den Kopf und sah den Anderen verwundert an. „Was ist Euch denn, Meier?" sprach er, „einen Preußenthaler Ihr? Ihr müßt gewaltige Eile haben. Ich aber habe Frau und Kind lieber als Euren Thaler. Tretet nur bei mir ein, sobald der Sturm nur etwas ausgetobt, setze ich Euch über." Der Wind schien die Worte des Schissers unterstützen zu wollen, er erhob sich heftiger, und ließ zum ersten Male ein fernes Heulen vernehmen, wie wenn er den Männern eine Warnung geben wollte; dann ward es wieder still. Es war wie das Knurren eines gefangenen Raubthieres in seinem Käfig, dessen erwachender Muth sich fernher anzeigte. Aber er hätte sich seine Mühe sparen können, denn der eine der beiden Männer brauchte sie nicht, und den anderen ließ sie unberührt. Der Himmel hatte sich bereits ganz überzogen. „Nun, Feigling'." schrie der hagere Mann, „ich kann keine Secunde länger warten. Bergt Euch hinter dem Unterrock Eurer Mutter, mir aber gebt den kleinen neuen . Kahn dort; ich kann es ohne Euch, Ihr wißt, ich fahre

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