Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1870)
- Date
- 1870-05-31
- Page
- Seite 440 (sequence 12)
- Language
- German
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440 Hausrecht verletzt glaubte, requirirte aus der Kreisstadt die ländliche Polizeiwache. Kaum war diese Tags daraus mit ihrem Commandeur Puchato an der Spitze eingetroffen, so begannen sie eine Judenhetze, wie sie wohl seit den Zeiten des Mittelalters in einem civilisirten Staate Europa's nicht mehr vorgekommen ist. Die Juden wnrden von Polizeiorganen auf den Straßen und in ihren Wohnungen gewaltsam ergriffen und nach dem Rachhause geschleppt, wo der Polizeicommandeur ein strenges Gericht hielt. Die chm vorgeführten Juden wurden ohne Unterschied des Standes und Alters allen erdenklichen Mißhandlungen unterworfen; sie wurden von Polizeischergen mit Füßen gestoßen, am Barte gezaust, angespieen, entblößt und blutig geschlagen. Diese schreckliche Execution wurde in Gegenwart des Magistrats vollzogen und dauerte von 6 Uhr früh bis 1 Uhr Nachts. Schließlich wurde noch eine Anzahl Juden im Stadtgefängniß eingeschlossen. Die jüdische Bevölkerung hat eine Deputation an den Stadtthalter Grafen Berg abgesandt, welche Genugthuung für die an ihr verübten Gewaltthätigkeiten fordern soll. (Osts. Ztg.) Griechenland. Korfu, im April. Die „Revue isra<Jlite" theilt von hier mit: Freude und Triumph! Am 3. April fanden Magistratswahlen in Korfu statt. Herr Elia Mordo wurde zum ersten Beisitzer, H. D. Gesua und H. G. Nacamulli, der Redacteur der Famiglia israelita, zu Stadträthen ernannt. Die Freiheit, sagt H. Nacamulli, ist kein eitles Wort in Griechenland. Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus begrüßte das Resultat des Scrutiniums. Die Israeliten versammelten sich im Tempel, begleitet von den Beifallsrufen der Menge, um Gott für dieses glückliche Ereigniß zu danken. Am Abend fanden unter den Fenstern der Erwählten Serenaden seitens der philharmonischen Gesellschaft statt. „Es lebe Griechenland! ruft H. Nacamulli. Es lebe der König! Es lebe das Volk von Korfu!" Wir schließen uns mit ganzem Herzen diesen Wünschen an. (Man erinnere sich, um obigen Vorgang recht zu würdigen, wie vor wenigen Jahren unsere Glaubensgenossen in Korfu noch den ärgsten Mißhandlungen ausgesetzt waren, und wie es der ganzen Autorität der englischen Behörde bedurfte, um die Juden zu schützen. Ein Beispiel davon brachten wir erst jüngst im Feuilleton zu Nr. 9 unter „Lord Mettlen." Wenn die nationale Selbstständigkeit, die Korfu seit einigen Jahren erlangt hat, solche Wirkungen hat, so documentirt sie ihre Berechtigung in unwiderlegbarer Weise. Arabien. Aus Jemen. Bekanntlich hat sich in dieser Gegend ein angeblicher Messias gezeigt und alle Geister in Aufregung gebracht. Man sagte, daß seine Stirn wie die Sonne glänze, daß der Name „Sohn Davivs" auf seiner Hand eingegraben sei, daß er Schätze entdecke, daß er unverwundbar sei u. s. w. Eine Corrcspondenz des „Libanon" sagt uns, daß er starb, als er sich auf einen Berg flüchten wollte, wo Araber ihm seit langer Zeit auflauerten und ihn tödteten. Sein Kopf wurde dem Magistrate von Sanaa gesandt und sein Leichnam von den Israeliten beerdigt. Aber der Aberglaube ist unverwundbarer als die falschen Messiaffe. Ari Schocher (das ist sein Name) ist für seine Glaubensgenossen nicht gestorben. Er zeigt sich von Neuem in der Umgegend von SanLa, aber in anderer Gestalt, und er kündigt an, daß er erst später seine erste Erscheinung wieder annehmen werde. Indessen haben die Behörden Mene gemacht, ihn zu verfolgen, er ist verschwunden und man hat nicht wieder von ihm sprechen hören. 'Dieser Vorgang, der bekanntlich im Mittelalter ein sehr häufiger war, und sich überall, wo die Juden noch im Drucke und von mittelalterlicher Cultur sind, von Zeit zu Zeit wiederholen wird, wirst ein helles Streiflicht auf die Zeit vor der Zerstörung Jerusalems und der Entstehung des Christenthums.)