Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 89 (26.7.1838)
- Date
- 1838-07-26
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
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362 weise von Juden betrieben. Juden sind Schneider, Posamcntirer, Gerber, Weber, Färber, Kürschner, Tapezierer, Riemer, Seiler, Glaser, Klempner, Eiscnschmclzer, Schmiede, Ziegeldrenner, Brauer, Destillateure, Maurer, Buchbinder, Buchdrucker, Uhrmacher u. s. w. Selbst die gemeine Handarbeit wird von ihnen nicht verschmähet; sie sind Lastträger, Fuhrleute, Tagelöhner, ja sogar Sreinklopfcr an den Chausseen. Man nehme Polen und Juden, und die Polen stehen verarmt und hilflos da! Im Fache der Kunst ist der polnische Jude ebenfalls nicht ganz zurück. Die meisten öffentlichen Musikbanden Polens bestehen aus Juden; cS gibt mehre Virtuosen unter ihnen. Warschau besitzt ein jüdisches Theater, auf welchem Schauspiele aus der Ratio na lg e schichte im jüdisch-deutschen Dialekte aufgeführt werden; aber selbst das große polnische Theater in Warschau zahlt unter seinen besseren Akteurs Juden, die man wenigstens nach ihrer Aussprache nicht als solche erkennt. Auch Mahler und Bildhauer gibt es unter ihnen» Endlich sind in Polen fast alle Kunst- und Buchhändler Juden.. t Was wissenschaftliche' Bildung anbetrifft: so besieht die größere Hälfte aller Aerzr. rn Polen aus Juden, unter welchen sich in Warschau die Herren Leo, Wolf, Sammlern, En och und Bernstein rübmlichst auszeichncn, ersterer auch ein geschätzter medicinischer Schriftsteller in deutscher Sprache ist. Dann gehören die meisten Advokaten im Russischen Polen der jüdischen Secte der Frankisten ") an, namentlich sind in Warschau die Herren Majewski, Labecki, Brzezinski, Jezoranski und mehre Wolawski's die berühmtesten Rechtsgelehrten und Anwälte, ja ein emigrirter Wolowski (Verwandter des in dieser Zeitung schon erwähnten Doctorö gleichen Namens) har sogar unlängst in Paris als Jurist Aufsehn erregt. Durch ein eminentes mechanisches Genie zeichnet sich ferner Herr Abraham S re rn, Mitglied der >v. Gesell, der Wissenschaft zu Warschau aus; er ist unter anderen Erfinder einer höchst sinnreichen Rechenmaschiene, eines topographischen Wagens, einer Korn-Mähemaschine, u. s. w. An Belletristen mangelt es, doch gehören die Leistungen eines Herrn Tu gen dh old in Wilna, insbesondere seine schöne deutsch geschriebene Novelle „dor Denuntianr, eine jüdische Begebenheit" (Wilna, 1833) zu dem Vorzüglichern in diestm Fache: schade, daß er seine romantischen Arbetten jetzt durch die überflüssige Widerlegung des alten verschollenen Eisenmengers unterbricht. Das oben erwähnte jüdische Theater in Warschau leitet Isaak Schauspieler (diesen Namen hat er sich vor mehren Jahren selbst beigelegt), welcher zugleich Verfasser mehrer ungedruckter Bübnenwerke im deulsch-jüdi'chen Dialekte ist; se n Schauspiel „Moses" enthalt im Stile Schillers eine Fülle der erhebendsten Gedanken. Aber selbst der größte Dichter, welchen Polen ja gehabt, und vielleicht der größte Dichter unserer Zeit, der seit geraumer Zeit in Paris lebende Mickiewicz, gehört als Frankist unserer Nation an. Sodann gehen aus den getauften Juden die genialsten und bedeutendsten Männer im Russischen Civil- und Mililair-Dienste hervor, denn Rußland allein weiß die Talente derselben zu schätzen. Diese reiche Pflanzschule deS Russischen Staatsdienstes zählt in Polen und dem eigentlichen Rußlande wenigstens 15.660 Familien, die, obwol zum kleinsten Töeile der Fränkischen Sekte angebörend, dennoch fast ohne Ausnahme das mosaische Gesetz in der Stille streng beobachten, eng zusawmenhalten, und sich nur unter einander verheirathen. Es ist indessen nur der Druck, der hier, wie einst in Portugals, die Juden veranlaßte auf der Weltbühne im Domino zu erscheinen, denn über die Intoleranz der slaviscken Völker haben sich die Juden am wenigsten zu beklagen, sondern es ist lediglich das edle Streben auch in den höheren Sphären des bürgerlichen und politischen Lebens da nützlich zu wirken, wo °) lieber diese merkwürdige, und wenig bekannte, in Polen ihren Hauprsltz habende Sekre, deren Stifter noch in de» 8Oger Jahren d. v. I. zu Offenbach a. M. nnt fürstlicher Pracht lebte, behalte ich mir nächstens einige Mittheilungen vor. Corr. ihnen zu tief eingewurzelte christliche Vorurtheile als Juden Schranken setzen. Vorurtheile dieser Art würden in Polen nie Wurzel gefaßt haben, wenn nicht die im 16 Jahrh. dahin gekommenen Jesuiten den Samen dazu ausgestrcucr hätten. Von dieser Zeit datirt sich der Uebertritt von Juden zum Christenthume, die dadurch sofort zu Würden und Aemrern gelangten und größtentheils die Namen bekannter polnischer Familien annehmen. Zum besonderen Ruhme gereicht es den polnischen Juden, daß sie stets mit unerschütterlicher Treue ibrem Herrscher ergeben waren. Als die Polen unter Ko Sei uö ko staatsrechtlich ihre Unabhängigkeit vcrtheidigten, standen ihnen die Juden mir Geld und Waffen redlich bei. , Berek Iasilowicz führte, ein zweiter Makkabäer, jüdische Schaaren mit großem Erfolg gegen den Feind. Seitdem aber die Juden sich überzeugten, daß die Polen gänzlich unfähig sind, fernerhin einen unabhängigen Staat zu bilden, und seitdem ihnen Rußlands kräftiger Aufschwung zur Civilisarion vor Augen steht, hängen sie mir Leib und Seele dem russischen Zepter an. Im Kriege Napoleons gegen Rußland, wie in der letzten polnischen Revolution, har Rußland keine aufrichtigern Freunde gehabt als die Juden. Dies erkennt die Russische Regierung in vollem Maaße an, denn die Juden sind von ihr mir Woblrhaten und Begünstigungen überhäuft. Auch der Königl. Statthalter im jetzigen Königreich Polen, Fürst Paskiewicz ist ein edler Gönner derselben. In semen Salonö sieht man bei jeder Gelegürheit die Herren Eppstein, Frankel, Laöki, Fuhrmann, JatubowSki und andere um das Land verdiente Juden. Der Staat verdankt nemlich den Gebrüdern Eppstein die Verbesserung des Zollwesens, den Herren Fränkel und La skr eine Anleihe von 150 Millionen, Herrn Fuhrmann die herrlichsten Finanz-Operationen, und Herrn Jakubowski eine ganz neue, nationalökonomische Einrichtung der Lotterie. Mit Wohlgefallen sieht daher der Gereckte auf die gereckte Belohnung des Verdienstes. Die Herren Frankel und Las kr °) und früher schon Herr Jakubowski sind in den erblicken Adelstand erhoben, wobei letzterer zum Wappen ein Glücksrad und ein Glücksstern im blauen Felde erhalten; Herr Fuhrmann ist mit dem Staarsgule Brwikno befckenkr. Ueberbaupt bilden in Warschau nur die reichen und gebildeten Juden Häuser den Cirkel der feinen Welt und geben den Ton darin an. Daher baden sick auch, aller lacherlicken Vorurrheile zum Trotz, unlängst ein Herr von der Heyden mit einer Fränkelscken, und ein Herr von Krusenftern mit einer Fuhrmannsckicn Tochter verheiratbet. Zum Scklune noch ein paar Worte über die öffentlichen Anstalten zur Aufklärung deö gemeinen jüdischen Volks im Russischen Polen. Kaiser Alexander I. glorreichen Andenkens ordnete schon im Jahre 1820 zu Warschau ein besonderes, aus den gebrldesten Juden zusammengesetztes Komirat zu diesem Ende an, welches jedoch, weil ihm die polnische Aristokratie abhvlo war, seinem Zwecke nickt entsprach. Unser jetziger erhabener Kaiser hat besonders die Kvlonosirunq der armen, dem unstären Schacher hingegebenen Juden-Klasse vor Augen, und deshalb die trefflichsten Verfügungen erlassen. Das jüdische Schulwesen steht in Warschau unter der Regicrungs-Commissson deö Innern und des Kultus, worin Herr Tugendhold (Bruder des Wilnaer Belletristen und unlängst mir dem Wladimir-Bande geziert» Vortragender Rath ist; unter ihm begleitet der würdige Srern das Amt eines Sckul-Inspektors. Englische Missions-Anstalten zur Bekehrung der Juden gibt eS seit 15 Jahren in Warschau, Radom, Lublin, Posen und Krakau. Obwol idnen sehr acktungSwerthe Männer vorstehen, so haben sie doch bisher keinen nahmdafren Erfolg gehabt; der Glaube Israels ist stark und unüberwindlich! _ S.... •) Man sehe No. 10. dieser Zeitung, Jahrgang 1838. Redacrcur: vr. L. Philipps»«. - Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.