Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1870)
- Date
- 1870-05-03
- Page
- Seite 364 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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364 sah, daß ick gestochen worden war, ließ den Arzt holen, und dieser hatte zwei Stunden mit mir zugebrackt, bis ich mich wieder erholte. Präs.: Der Angeklagte behauptet, Sie hatten ihn geschlagen. — Zeuge: Die Aussage, die ich deponirte, habe ich durch einen Eid erhärtet. Richter Gernerth: Warum nahmen Sie Anstand, ihm die 14 Tage zu vergüten? — Zeuge: Weil er gehen wollte und namentlich weil ich ihn, da er unsittlich war, zur Zeit, wo er meiner Disciplinargewalt entrückt war, nicht in der Anstalt wohnen lassen wollte. — Angekl.: Ich bin nicht unsittlich. — Präs.: Das gehört nicht zur Sache. Präs.: Was können Sie auf die Aussage bemerken? — Angekl.: Ich sagte, ja, ich wolle gehen, aber der Herr Director entließ mich sofort, ohne Rücksicht darauf, daß ich nichts zum Leben hatte. — Präs.: Herr Director Deutsch will nicht gellen lasten, daß er Sie geschlagen habe.— Angekl.: Das soll er beeiden. Der Zeuge Salomon Baß, Lehrer im Institute, hat gehört, daß der Director gesagt hatte: „Verlasten Sie augenblicklick den Dienst." Jedoch hatte der Director anfangs dem Bardach nur eine Rüge ertheilt, und erst später diese Aeußerung gemacht. Von dem Attentate selbst aus unmittelbarer Wahrnehmung ist dem Zeugen nichts bekannt. Die Zeugin Katharina Beer, Stubenmädchen, hatte, als die Scene vorgefallen war, die Thür geöffnet nnd Herrn Bardach bei Herrn Deutsch angetroffen. Der Director meinte anfangs, daß seine Gattin an der Thür wäre, und sagte: „Da sieh einmal her, was der Mensch treibt." Gleichzeitig sagte Bardach: „Sehen Sie her, der Director hat mich blutig geschlagen." Staatsanwalt: Blutete Herr Bardach? — Zeugin: Er hatte die Hand und das Gesicht mit Blut beschmutzt; woher er blutete, weiß ich nicht. Präs, lzu Director Deutsch): Wie lange waren Sie berufsunfahig? — Zeuge: Nur 11 Tage. Präs.: Haben Sie keine Folgen zu beklagen? — Zeuge: Nein, nicht im geringsten. Präs.: Stellen Sie Entschädigungs-Ansprüche? — Zeuge: Nein, nicht im entferntesten, und ich bitte vielmehr, daß der hohe Gerichtshof die Aufregung des Angeklagten berücksichtigen und die größte Milde walten lasten möge. Es werden noch die ärztlichen Parere verlesen. Die Verletzungen des Herrn Directors werden als leichte bezeichnet und an Bardach eine leichte Verletzung von Nase und Oberlippe, als wahrscheinlich von einem Schlage ins Gesicht herrührend, constatirt. Verlesen werden auch belobende Auskünfte über Bardach, und Staatsanwalt und Vertheidiger wetteifern in der Aufzahlung von Milderungsumständen, hervorhebend, daß erschwerend gar nichts vorliege und daß die ausgedehnteste Milde am Platze wäre. Der Gerichtshof entsprach diesen Anträgen und verurtheilte Bardach wegen Verbrechens der schweren Verletzung zu einem Monate Kerkers. Der Verurtheilte dankte für das milde Urtheil und trat die Strafe gleich an. Erwähnung verdient noch, daß diesmal das Auditorium zum großen Theile aus Taubstummen bestand. Vermischtes. Bei der Anzeige der bei Oskar Leiner in Leipzig kürzlich erschienenen „Jubel-Schrift. Ludwig Beethoven, ein dramatisches Charaktergemälde nebst einem Epiloge zur Feier von Beethoven's hundertjährigem Geburtstage am 16. December 1870" — macht der Redacteur des zu New-Hork erscheinenden „HeWrew Leader“ die Bemerkung: „Weniger bekannt dürfte es sein, daß Beethoven in Mecklingen bei Wien in seinen letzten unglücklichen Tagen, wo er das Gehör gänzlich verloren hatte, theilweise von zwei sehr gebildeten jüdischen Damen gepflegt wurde. Die Eine war die wahrhaft jüdischftomme, geistreiche Frau Samuel Lewinger und die Andere ihre geniale Tochter, Frau Auspitz, eine Schülerin des großen Mannes." Curiosum. Der Vater des großen Componisten und später« preußischen General-Musikdirectors G. Meyerbeer führte bekanntlich den Slawen Beer und war Banquier in Berlin, dabei ein sehr reicher Mann, der aber zugleich den Werth und die Nothwendigkeit der Bildung sehr wohl zu schätzen wußte und deshalb seinen Kindern eine ausgezeichnete Erziehung geben ließ. So wurden dieselben u. A. auch privatim im Hause des Vaters von dem berühmten Astronomen M. unterrichtet. Als derselbe ihnen einmal auf der Sternkarte die bedeutendsten Sternbilder erklärte, ging der alte Beer gerade durch das Zimmer, und hörte, wie der Profeffor M. zu den Kindern sagte: „Das ist der große Bär", indem er damit auf das Siebengestirn der Karte hinwies. Der alte Banquier aber bezog diese Aeußerung auf sich, blieb stehen und sagte zu dem Lehrer: „Herr Profeffor, machen Sie die Kinder nicht stolz." *) *) Wir sahen einmal bei einer Dame, welche in ihrer Jugend längere Zeit im Beer'schen Hause zum Haushalt und zur Erziehung angestcllt gewesen, ein Ltammbuchblatt des sechssährigen Mcyerbcer's sür dieselbe. Die Worte, kindlich, aber doch schon recht leserlich geschrieben, lauteten: „In sechs Tagen schuf der liebe Gott die Welt Und eine geraume Zeit nachher Deinen Freund Meyer Beer." Redact. d. A. Z. d. I. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.