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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-05 · Heft 14 (5.4.1870) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 14 (5.4.1870)
Date
1870-04-05
Page
Seite 266 (sequence 6)
Language
German
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266 zeichnen, höchstens als das Todesröcheln der mittelalterlichen Suprematie des Papstthums. Aber die beiden größten der sg. katholischen Staaten, Frankreich und Oesterreich, haben sich verleiten lassen, an die päpstliche Curie Vorstellungen gegen das Unsehlbarkeitßdogma, und besonders gegen den Syllabus zu senden, da der letztere das innerste und eigenste Wesen der Staaten selbst aufs Empfindlichste berührt. Würde die Besetzung Rom's durch französische Truppen, so wie früher die Wiedereroberung Roms für den päpstlichen Stuhl und die Schlacht bei Mentana von Napoleon III. allein aus religiösen oder kirchlichen Motiven geschehen sein, so könnte man jetzt sagen, daß er nunmehr seinen vollen Lohn dafür erhalten hat. Allein bei ihm waren gewiß die politischen Beweggründe Hauptsache, und die Absicht, auf Italien seine schwere Hand liegen zu haben, laßt ihn seine Truppen behalten, mag die Curie ihn noch so oft dementireu. Dies weiß die letztere, und fühlt sich ihm gegenüber deshalb ganz ungenirt. Bor der civilisirten Welt und Geschichte hingegen wird NapoleonIII. es stets zu verantworten haben, daß er mit der französischen Fahne, mit französischem Blute und GelDe das deckt, was jetzt in Rom vor- und von Rom ausgeht. Die Depesche des Grafen von Beust machte der päpstlichen Curie bemerklich, daß wenn die Concilsbeschlüfie den österreichischen Staatsgesetzen widersprechen würden, und irgend ein Versuch geschehe, jene in Oesterreich irgendwie zur Ausführung zu bringen, nach der ganzen Strenge der Gesetze dagegen verfahren werden würde. Die Antwort des Cardinals Antonelli blieb nicht aus. Sie lautet (nach der Allgemeinen Zeitung) im Wesentlichen wie folgt: In der Theorie und wenn hohe, weitausgreifende Principien aufgestellt werden sollen, da ist die Kirche unerbittlich, da kann sie nicht das Geringste von ihren Ansprüchen Nachlassen, da muß sie das Schwert des Anathems ziehen und kräftig dreinhauen; sie muß also nothwenoig das moderne Staatsleben mit seinen Freiheiten sür einen Knäuel von seelen gefährlichen Jrrthümern erklären und deshalb die Freiheit des religiösen Bekenntnifies und der Prefie verdammen. Aber in der Praxis, in Concordaten, in besonderen Jndulten und Gnadenverleihungen ist der Papst nicht so streng und unerbittlich; da läßt er mit sich handeln, und die einzelnen Regierungen können auf dem Gnadenwege von ihm erlangen, daß er das dulde und unangefochten lasse im Leben, was er in der Theorie feierlichst verdammt, freilich nur durante beneplacito, solange es ihm gefällt, solange sich die Regierungen gut aufführen und nicht etwa mit Entziehung solcher Jndulte und Privilegien bestraft zu werden verdienen, und solange die Umstände sich nicht ändern; denn das versteht sich wol von selbst, daß, sobald günstigere Stimmen und politische Situationen sich ergeben, in denen ein kirchlicher Anspruch mit Aussicht auf Gewinn und Sieg erhoben werden kann, der Jndult zurückgenommeu und die Theorie nunmehr zur Praxis wird. Kann man sich wohl eine empörendere Antwort vorstellen? Glaubt man nicht wirklich in die Zeit Hildebrands versetzt zu sein? Bonder Gnade des Papstes sollen die Grundgesetze der modernen Staaten abhängen? Von vornherein sind sie verurtheilt, verdammt und verflucht — aber wenn die Regierungen sich recht artig und freigebig gegen den Papst und den Klerus betragen, so wird man ein Auge zudrücken und zeitweise die Unterthanen nicht vom Eid der Treue und vom Gehorsam gegen die Staatsgesetze, welche die Gewissensfreiheit und die Gleichheit vor dem Gesetze feststellen, lossprechen! Ist es nicht schon eine tiefe Erniedrigung der Staaten, sich so etwas ins Gesicht sagen zu lassen und die Gesandten nicht von Rom abzuberufen? Wir sagen nicht, daß die Staaten den Bischöfen die Rückkehr von Rom anbefehlen sollen und die großen Summen, die aus ihnen nach Rom fließen, zurückhalten mögen — denn der Staat soll sich in kirchliche Dinge nicht mischen. Aber daß sie solchen Aenßerungen gegenüber nicht den Verkehr mit Rom gänzlich abbrechen, dieses Priesterreich isoliren und sich selbst überlassen, damit es sehe, wie es mit seinen eigenen Unterthanen — Bürger kennt bekanntlich der Kirchenstaat nicht — fertig werde, und sich nicht weiter um die Bürger anderer Staaten kümmere: das ist, was jenen beiden großen Staaten zur Unehre gereicht, und die Geschichte wird nicht versäumen, die Situation zu brandmarken, in welche sich jene haben bringen lassen, und in welcher sie müßig verharren! Wir haben bei dieser Charakterisirung uns absichtlich jedes energischen Ausdrucks enthalten. Aber sicher wird jeden Leser der obigen Antwortsdepesche mehr ein Aerger, eine Entrüstung ergreifen, als etwa Furcht und Besorgniß. Ja, man kann dazu kommen, über die Naivetät der römischen Curie lachen zu müssen.

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