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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-22 · Heft 12 (22.3.1870) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 12 (22.3.1870)
Date
1870-03-22
Page
Seite 232 (sequence 12)
Language
German
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232 ridiculus mus. *) Ein wahres Musterbild der Derkehrcheit und Unwissenheit bietet der hier bestehende „Verein zur Förderung der Bildung unter den Juden in Rußland." Nachdem dieser Verein, Gott weiß, von welchem Geiste geleitet, nicht unbeträchtliche Summen aus unnütze Werkchen oder Werke verausgabt, hat er vor kurzer Zeit einen Schritt gethan, der den Christen zwar ein Lächeln abzwingt, die Juden aber in gerechte Entrüstung versetzt. Die heil. Synode in St. Petersburg hat nämlich eine russische Bibelübersetzung veranstaltet und der „Verein zur Förderung der Bildung unter den Juden" mit dem hiesigen Rabbiner ander Spitze hat nichts Eiligeres zu thun, als beim Ministerium der Volksaufklärung mit einem Gesuche einzukommen, die genannte Bibelübersetzung zum Gebrauche sür jüdische Schulen einzuführen. Eine Bibelübersetzung mit christlich-confessioneller Tendenz und von Fehlern strotzend**) bieten die Juden zum Gebrauche sür ihre Schulen, und der Rabbiner, welcher beiläufig gesagt, ein Deutscher ist und kein Wort von der russischen Sprache versteht, unterschreibt ein solches Gesuch! — Wieviel fehlt noch dazu, um jüdische Kinder die hebräische Sprache aus der hebräischen Uebersetzung des Neuen Testaments lernen zu lassen? Das Resultat dieses Gesuches ist noch imbekannt, unterdessen hat es aber der hiesigen christlichen Bevölkerung Veranlassung zu einem höchst komischen Gerüchte gegeben. Die „Petersburger Nachrichten" und die „Neue Zeit" haben nämlich das Gerücht verbreitet, daß die Juden, den Rabbiner nicht ausgenommen, mit diesem Gesuche ihren Entschluß, zum Chriftenthume überzugehen bekunden wollten. Was uns anbettifst, so können wir nur sagen: Schmach und Schande über ein solches Benehmen! Schmach und Schande über einen solchen Mißbrauch des allgemeinen Zutrauens! Schmach und Schande über diese kriechende Schmeichelei und Heuchelei, denn kriechende Schmeichelei war es, was die gelehrten Herren bewogen hat, bei den Christen um ihre christlich-confessionelle *) Eine erfreuliche Ausnahme macht die Stadt Odessa, wo wahrhaft gebildete Männer Großartiges im Interesse der russischen Juden geleistet haben, worüber wir übrigens bei Gelegenheit Näheres zu berichten gedenken. **) So wird z. B. 1 B. M. 47, 31 nss, den Septuag. folgend, mit „Stab," ibid. 26, 12 üp-irra: mit „Gerste" (!) übersetzt u. s. w. Bibelübersetzung zu betteln! . . . . Wenn nun die Juden selber ihrer Entwickelung im jüdischen Geiste auf eine so schändliche Weise entgegenwirken, so darf es uns nicht wundern, daß hier eine von Christen gegründete Schule für jüdische Mädchen besteht, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jüdische Mädchen für das Christenthum zu gewinnen, und daß die russische Regierung die Absicht hat, sämmtliche speciell jüdische Schulen eingehen zu lassen. Gegen diese Absicht hat sich aber eine Opposition gebildet, welche durch Wort und Schrift mit aller Entschiedenheit dagegen proteftirt. Was übrigens die Erziehung der jüd. Jugend betrifft, so muß man die Thätigkeit mancher hiesigen Juden nur rühmlich hervorheben.*) Wir wollen nur auf das „Asyl für jüdische Waisenknaben aus dem Soldaten st and e" aufmerks am machen, welches unter der Leitung und Aufsicht des Herrn I)r. I. Seiberling steht, dessen unermüdlicher und uneigennützigster Thätigkeit wir es zu verdanken haben, daß diese Anstalt bei ihren geringen Dritteln doch bestehen und Großes leisten kann. Es ist nicht übertrieben, wenn wir behaupten, daß dieses Asyl allen Anstalten dieser Art zum Muster dienen kann. Die Waisen erhalten hier Kleidung und Speise zur Genüge und genießen Unterricht in der Bibel, der hebräischen Sprache, der russischen Sprache und Arithmetik.**) Sie bleiben im Asyl bis zu ihrem 13. Jahresalter und werden dann, je nach ihren Fähigkeiten, entweder in Gymnasien oder zu Handwerkern in die Lehre gegeben, wo sie sich immer noch, so lange es nöthig ist, unter der Aufficht des Asyls befinden. In den Räumlichkeiten der Anstalt herrscht Reinlichkeit und Sauberkeit, wie man sie nicht besser wünschen kann, und aus den stets freudigen und zufriedenen Gesichtern der Waisen ersieht man deutlich, daß sic in Herrn vr. Seiberling einen zweiten, liebenden Vater gefunden haben. Zu schwach ist der Dank, den man Herrn Dr. Seiberling, dessen Wohlthätigkeitssinn *) In Moskau z. B. existirt außer vielen schmutzigen Cheders keine einzige ordentliche Schule für jüdische Knaben. Wie aus einem Berichte im „Djenj" ersichtlich ist, verstehen die in Moskau geborenen jüd. Knaben nicht einmal die täglichen Gebete geläufig zu lesen. **) Die altern Kinder besuchen die hiesige jüdische Schule, die sich in demselben Hause, wo das Asyl, befindet.

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