Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1870)
- Date
- 1870-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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geistlichen Amte als solchem, sondern auf dem höheren Maße von Bildung, Wissen und Gelehrsamkeit die Würde der religiösen Führer und Lehrer beruhte. Ist es also die Aufgabe unserer Hochschule, vorzugsweise die künftigen Rabbiner und Prediger mit der Wissenschaft des Judenthums auszustatten, so geht unser Bestreben dahin, daß sie durch selbstständige Forschung zur Reife gedeihen, durch Reichthum und Tiefe der Kenntnisse allgemeines Vertrauen erwerben, durch die Kraft selbstständigen Denkens und eigener Ueberzeugung segensreich zu wirken befähigt werden sollen. In diesem Sinne leitet der §. 21. unseres Statuts uns an, die Hochschule als eine unparteiische Pflanzstätte der Wissenschaft zu errichten und zu verwalten. Wer die Namen des Unterzeichneten Curatoriums kennt, dem wird nicht entgehen, daß unsere Wähler, die Begründer des Vereins und der Hochschule, die verschiedenen religiösen Richtungen des Judenthums unserer Zeit wohl beachtet haben, aber die Verwaltung der Hochschule nicht einer einzigen Richtung in die Hand legen wollten. Wir unsererseits werden eifrig bemüht sein, diesem Gedanken, daß die Wissenschaft rein, ftei und parteilos dastehen solle, dadurch Ausdruck zu geben, daß wir bei der Wahl der Lehrer die wissenschaftliche Tüchtigkeit, Lehrgabe und die Lauterkeit des sittlichen Charakters zum Maßstab der Entscheidung machen, ohne daß wir nach der Stellung eines Mannes zu den Parteien der Zeit uns richten werden. Wohl ist uns bekannt, daß die Lehrmeinungen der Wissenschaft von den Ueberzeugungen der Partei untrennbar sind, daß darum der eine Lehrer dieser, der andere jener Partei sein wird. Aber zwischen einer ehrlich erstrebten und gewissenhaft vertretenen Lehrmeinung auf der einen, und einem praktischen Parteistreben und vollends der Partei-Leidenschaft auf der anderen Seite giebt es einen deutlich erkennbaren Unterschied. Wir werden uns bemühen, Männer zu finden, welche mit echtem und edlem Eifer die Wahrheit zu erforschen und zu verkünden streben, welche durch ernste Forschung mit reinem Willen die Erkenntniß suchen und verbreiten. Nur den ungerechten Eifer, das zelotische Getriebe von rechts oder links wollen wir vermeiden. Die Lehrer mögen dann jeder nach seiner Ueberzeugung lehren, und die Schüler nach Kraft und Neigung mehr durch den einen oder den andern ihre Ueberzeugung bilden. So wenig es uns in den Sinn kommen könnte, auch nur zu wünschen, daß die Schüler von dem Lesen der Schriften verschiedener Richtung sich abhalten ließen, eben so wenig fürchten wir, daß die Lehrvorträge, verschiedener Richtung entsprechend, wenn sie auf ernste ehrliche Erforschung der Wahrheit sich gründen, ihr Ziel verfehlen könnten. Am allerliebsten und am schlagendsten möchten wir den Sinn unserer Parteilosigkeit durch die Thatsache darlegen können : daß wir, für alle wesentlichen Facher der Wissenschaft des Jndenthumö, wenn die geistigen Kräfte vorhanden und die materiellen Mittel zn unserer Verfügung find, unsere Lehrstühle mehrfach und mit Männern verschiedener Richtung besetzen. Möge dann ein jeder Schüler Kraft feines eigenen Denkens, Forschens und Prüfens seine Ueberzeugung sich gestalten; nur aus der freien Forschung stammt feste Ueberzeugung, nur aus fester Ueberzeugung fließt gedeihliche, segensreiche Lehrkraft. — Um der Hochschule ihre völlige Unabhängigkeit zu sichern, haben wir sie auf das reine und freie Interesse ihrer Freunde, deßhalb auch unabhängig von Staats- und Gemeinde-Behörden begründet. Um das hochgesteckte Ziel zu erreichen, bedarf es aber desto mehr der weitesten und eiftigsten Theilnahme an unserem Werke. Das Bestehen und die Entwickelung des Judenthums ist seit Jahrtausenden mit der Pflege seiner Wissenschaft aufs Innigste verbunden. Es ist daher die Aufgabe der Anhänger des Judenthums und der Freunde seiner Wissenschaft, dieser eine Stätte zu bereiten, an welcher sie gesichert, geordnet und unabhängig gelehrt werden kann. Dem jüdischen Geiste galt von jeher Liebe und Pflege der Wissenschaft als das höchste Gut und das höchste Gebot; eS geschieht darum zugleich dem höchsten conservativen Interesse ein Genüge, wenn wir eine Anstalt schaffen, in welcher pietätsvoller Fleiß und wahrheitsdurstige Forschung darnach ringen sollen, das Wissen des Judenthums als seinen edelsten Kern zu erhalten und zu erheben.