Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1870)
- Date
- 1870-03-08
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 1. Kammer sagte ein Mitglied lHaffelrot): Es ist nicht das neue, sondern das alte Testament, welches in unsrer Zeit und in allen civilisirten Landern dem bürgerlichen Gesetz zu Grunde liegt, man reicht nicht die andere Backe hin um eine Ohrfeige zu bekommen, sondern man verfährt nach Moses Gesetz und bestraft den Schläger. Auch liegt der Grund zu unserm sittlichen Leben in den religiösen Urkunden der Juden, in den Schriften der Propheten und in den herrlichen Psalmen Davids rc. rc. In der 2. Kammer äußerten sich zwei Priester in einem Tone und mit einer Wärme über das Judenthum, daß man wahrhaft in bewunderndes Erstaunen versetzt wurde. Der Priester Lithner sagte, mit Hinweis auf Paulus: Die Juden waren und sind das auserwählte 'und heilige Volk des Herrn. — Genug, es war ein berauschender Genuß für den Zuhörer, die glänzendste Beredsamkeit in humanen und erleuchteten Ansichten sich erschöpfen zu sehen. Die Reden der Gegner wurden in den meisten Fällen von den Mitgliedern der Kammer mit Lachen, die der Freiheitskämpfer mit Bravorufen begleitet. Bermuthlich wird eine Sammlung aller bezüglichen Artikel und Debatten besorgt werden, die in einer andern Form dem deutschen Leser bekannt, werden wird. — Wir bemerken ferner, daß die Juden Schwedens mit Recht auf ihre Thätigkeit zur Durchführung der guten Sache stolz sein dürfen. Die Rührigkeit war eine nicht genug zu rühmende. Zuerst schickte die Gothenburger Gemeinde eine Deputation an zwei der dortigen Abgeordneten der beiden Kammern mit einer vorzüglichen Petition; ihr folgte auf gleiche Weise die hiesige Gemeinde; die Petitionen sowohl, wie die höchst ehrenden Antworten der Abgeordneten sind in den Zeitungen veröffentlicht worden. Auch die jüdischen Studirenden schickten Deputationen und Petition an die beiden akademischen Abgeordneten, und will Ref. gelegentlich aus der Rede des Prof. Ryhbing*) in der 2. Kammer, die durchgängig scharfsinnig und glänzend war, nur den einen Satz hervorheben: soll ich fragen, wie es mit dem sittlichen Zustand der christlichen und jüdischen Bevölkerung hier zu Lande steht, so schäme ich mich die Antwort darauf zu geben. — Schließlich muß hervorgehoben werden, daß es einzig und allein die Juden waren, die unter allen Diffenters (Katholiken, Baptisten rc.) in der Sache thätig waren. Nun ist der große Sieg erfochten, § 26 der Reichs- *) Der Name ist im Manuscripte undeutlich geschrieben, und möglicherweise falsch. H. L. tagsordnung ist abgeändert und Juden und Diffidenten können Mitglieder der Kammern werden, ebenso ist § 28 der Reichsverfaffung abgeändert worden, und Juden können Richter, Lehrer, überhaupt Beamte jeder Kategorie werden, wovon nur die rein kirchlichen Aemter und die der Reichsräthe (Minister) ausgeschloffen sind. — Lob und Dank sei dem gebracht, „der die Zeiten ändert!" Der Leser wird die hier immer noch in hohen Wogen gehende Freude gerechtfertigt finden. Es sei nur zum Schluffe noch bemerkt, daß bereits aus London vom Hause Rothschild eine Gratulationsdepesche au den hiesigen Gemeindevorstand eingetroffen ist. L. Rußland. Wir brauchen nicht erst hervorzuheben, daß das Geschick von zwei Millionen unsrer Glaubensgenoffen die Aufmerksamkeit der übrigen Glaubensgenossen genugsam auf sich zieht, um alle, jene betreffenden Erscheinungen in d. Bl. zur Besprechung zu bringen. Man erinnert sich, daß vor Kurzem ein Befehl des Gouverneurs v. Kotzebue 20,000 jüdische Familien von der Grenze der Provinz Beßarabien verbannen wollte. Einige Zeit darauf ging das Gerücht durch die Zeitungen, es sei diese Vertreibung bis zum Frühjahr verschoben wurden. Unterdeß hatte eine Deputation amerikanischer Juden bei dem Präsidenten Grant eine Audienz, um dessen Verwendung für die Unglücklichen zu erbitten. Grant sagte diese bereitwillig zu und hat sie durch den amerikanischen Gesandten in St. Petersburg eintreten lassen. Dieser hat nun ein höchst auffälliges Memorandum an den Präsidenten geschickt, über welches wir einen Bericht dem Hebrew Leader entnehmen. Wir übergehen alle Zwischenfälle und wenden mns sofort zu dem Memorandum, welches Herr Curtin, der Gesandte der Bereinigten Staaten in St. Petersburg, dem Staatssecretariat in Washington zusandte. Das Memorandum ist nach der eigenen Angabe des Herrn Curtin mit Hilfe eines Consuls der B. St. verfaßt, der die russischen Verhältnisse genauer kennt. Dennoch können wir für den Geist des Schriftstückes keinen Andern als den Chef der Gesandtschaft selbst verantwortlich machen, und eben diesen Geist wollen wir hier analysiren. Es kömmt gar nicht darauf an, ob alle in dem Memorandum enthaltenm Details mit der Wahrheit genau übereinstimmen; wir nehmen vielmehr einen Augenblick