Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1870)
- Date
- 1870-03-01
- Page
- Seite 177 (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Andcnthums. Femlleton-GeUage )tt Rr. 9. Leipzig, den 1. März 1870. Die jüdisch-griechischen Dichter. (Fortsetzung.) Hiernach ist auch der Zweck des Gedichtes klar: der Verfaffer wollte die Hauptlehren der jüdischen Moral, die bedeutsamsten Folgerungen der jüdischen Sittlich keitsprincipien der allgemeinen Welt empfehlen, in sie einführen und in ihr verbreiten. Darum hält er einerseits den monotheistischen Standpunkt streng fest, vermeidet aber angrifssweise gegen die Götterlehre und den Götzendienst vorzugehen und das jüdisch-nationale Element gelten zu machen. Denn durch beides letztere würde er sich gerade den Weg versperrt haben, den er sich öffnen wollte; er hatte die heidnische Welt abgestoßen und verletzt. Den deistischen Standpunkt ließ man sich im späteren Alterthum wohl gefallen, wenn nicht damit ein directer Angriff gegen den Volksglauben verbunden war. Es ist dies ja in unserer Zeit in ganz ähnlicher Weise der Fall. Der Dichter hatte aber für sich den positiven Standpunkt des Judenthums und die Anlehnung an die heilige Schrift. Von diesem Boden aus auf die allgemeine Welt versittlichend zu wirken, ist ein sehr löblichä Unternehmen eines Juden, und der vorliegende Versuch aus der angegebenen Zeit ist darum ein wichtiges culturhistorisches Zeugniß für die damaligen Juden. Wir können daher den scharfen Tadel, welchen Bernays über unseren Verfaffer ausspricht, weil er das nationale Element übergeht und die Götterlehre nicht angreift, nicht billigen. So wenig es gerechtfertigt ist, jemals den großen historischen Boden, auf welchem sich das Judenthum anfbaut, zu verlaffen oder nur zu vernachlässigen, und so zerstörende Wirkung dies für das Judenthum selbst haben würde — ebenso wenig erscheint es uns billig, jüdische Arbeiter für das allgemeine Culturleben zu verurtheilen, wenn sie um ihres Zweckes willen das nationale Element nicht herauskehren und nicht direct angriffsweise verfahren, immer vorausgesetzt, daß sie das Wesen und den Charakter des Judenthums nicht verleugnen. Wenn Bernays aus den Motiven seines Tadels zugleich das Schicksal des Mahngedichtes erklären will, nämlich daß es der Vergeffenheit anheimfiel, bis es bei den Byzantinern und im 15. Jahrhundert zur Schullectüre ward, um hiernach wieder vergessen zu werden, so geht er hierin wohl ebenfalls zu weit. Dieses Schicksal ist dem Gedichte dadurch geworden, daß es eben keine wirkliche Kunstschöpfung ist, daß seine Form über das Mittelmäßige nicht hinausgeht, und daß sein der heiligen Schrift entnommener Inhalt durch diese selbst der Welt bedeutender, energischer, origineller und mit höherer Autorität bekleidet geboten war. Denn die Dramen des Ezechiel haben den nationalen und historischen Charakter in prägnantester Weise bewahrt, wurden zwar von einigen Kirchenvätern citirt, fielen aber noch viel größerer Vergeffenheit anheim, als die phokylideischen Verse, weil sie eben aller Genialität entbehrten und neben der heiligen Schrift keinen Werth haben. Wir übertragen hier die phokylideischen Verse nach dem Texte, wie ihn Bernays hergestellt. Halte von Ehbruch fern und von Männerliebe die Schritte. Ränke zettle nicht an, und mit Blut besudle die Hand nicht. Strebe nach Reichthum nicht durch Unrecht, leb' von Erlaubtem. Was du besitzest, genüge und halte von Fremdem dich abseits. Führe nicht Lügen im Mund, und rede nur Alles was wahr ist, Ehre vor Allem nur Gott, und dann auch deine Erzeuger. Immer beharre im Recht, und triff aus Gunst nicht das Urtheil. Drücke die Armuth nicht, urtheile nicht unrecht nach Ansehn, Richtest du ungerecht, wird Gott dich späterhin richten. Lügnerisch Zeugniß flieh, und nur entscheide was Recht ist. Was dir vertraut, das bewahre unv Treu und Glauben in Allem. Gieb das gehörige Maaß; schön ist es Zugabe zu reichen. Seitwärts nicht stoße die Wage, und bring' sie richtig zur Schwebe. Schwöre nicht falsch, aus der Sache Unkenntniß, und nimmer vergeblich. Gott, der Unsterbliche, haßt den Meineidigen, wie er auch schwöre. Rücke den Markstein nicht fort, verflucht ist wer ihn entfernet.