Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1870)
- Date
- 1870-03-01
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Frankreich. Paris, 12. Febr. Am 3. d. hat die 9. Jahresversammlung der Alliance Israel, univers. stattgefunden und, indem wir ausführlichen Bericht nach dem Erscheinen des resp. Bulletins uns Vorbehalten, berichten wir kurz nach der "kresse Israel." Nr. 7. Unglücklicherweise hatte das Comitä einen schönen, aber nur kleinen Saal zu verschaffen vermocht und es entstand daher bei dem großen Andrange derer, die Einlaß begehrten, ein Tumult, zu dessen Beschwichtigung man sogar Stadtsergeanten herbeizog, der sich aber legte, sobald Cremieux erschien. Man beklagt, daß viele Mitglieder nicht eintreten konnten, während dem Vereine nicht Angehörige in den Saal gedrungen. Den Bericht des Secretairs Herrn Leven konnte man deshalb wenig verstehen. Er verbreitete sich über die Arbeiten der Alliance, über die Schulen im Orient, die Einwirkung in Rumänien und die Bemühung für die russischen Juden. Nach ihm sprach der Schatzmeister der Alliance, Herr Advocat Lehmann. Die Einnahmen des verflossenen Jahres beliefen sich auf 69,904 Frcs. und wenn man verschiedene Gaben hinzufügt, 82,914 Frcs. also 26,592 Frcs., mehr als im vorigen Jahre. Die Ausgaben beliefen sich auf 85,159 Frcs. gegen das Vorjahr von 60,411 Frcs. Es ist also ein kleines Deficit, das aus den Reserven gedeckt worden. Das Capital der Gesellschaft betrug 69,388 Frcs. und der Verein zählte am 30. September 11,364 Mitglieder. Hierauf folgten drei glänzende Reden der Herren Cremieup, Großrabbiner Isidor und Albert Cohn. Der erstere hob hervor, daß noch Tags zuvor der neue französische Minister des Auswärtigen, Herr Daru, chm seine Verwendung in Bukarest zugesagt. Schweiz. Basel, 9. Februar. Der „Schweizerbote^ No. 35. enchält einen Bericht, dem wir folgendes entnehmen: „Anfangs dieser Woche hatten wir die merkwürdige Erscheinung, daß Hr. Dr. Kahserling, Rabbiner in Endingen, uns auf die Einladung des kirchlichen Reformvereins in dem großen, zu diesem Zwecke freundlich bewilligten Festsaale unserer Universttät einen öffentlichen Vortrag über „die Bewegungen im Judenthume" hielt. Der Zweck des Vereines war offenbar kein anderer, als die Leistung des Beweises zu Händen unserer rechtgläubigen christlichen Theologie, daß sogar in dem zähen Judenthume, der MMter des Christenthums, der Geist des vernünftigen Fortschrittes und die Grundsätze der Humanität gegenüber dem Buchstaben-Glauben und den alten Satzungen in gewalttger Gährung begriffen sind. Der ausgezeichnete Redner begann mit einer Einleitung über die religiösen Bewegungen im Allgemeinen und bei den Juden insbesondere; er kennzeichnete die Verschiedenheit des Kampfes in den beiden Glaubenslehren und hob die Einfachheit so wie die geringe Zahl der eigentlichen Dogmen (Einheit Gottes) gegenüber der christlichen Lehre hervor. Als Sterne, welche in die neue Zeit Hinüberleireten, erwähnte er des Maimonides und des tiefen Denkers Spinoza, sowie des falschen Messias Sabbathai, bis alsdann Mendelssohn als Reformator der Periode der Aufklärung erschien. Von Letzterm schreiben sich der neuere Aufschwung der Wissenschaft im Judenthum, erhöhte Schulbildung und so manche Reformbesttebungen her. Einen glänzenden Schluß bildete der Vergleich der im Jahr 1869 nicht nur von Rabbinern, sondern auch von andern Gelehrten und Laien in Leipzig abgehaltenen Synode gegenüber dem heurigen Concil in Rom; dort freudige Zustimmung zu den Culturbestrebungen des modernen Staates, hier dessen Knechtung, dort Freiheit der Wissenschaft und des Glaubens, Liebe und Achtung Andersdenkender, hier Knechtung des Geistes, Despottsmus und der Fluch gegen alle Errungenschaften der Neuzeit! Wir können dem lieben Aargau nur Glück zu einem so tüchttgen und gelehrten Manne wünschen; er wird auch in Basel das beste Andenken zurücklaffen und wir möchten mit der Bitte schließen, daß jener belebte und belebende Vortrag durch den Druck einem größern Leserkreffe zugeführt würde. Die Aula war von Zuhörern dicht angefüllt, aber Biele mußten wegen Mangel an Raum wieder zurückkehren; immerhin ist es gm, wenn in unfern Tagen mit offenem Disir gegen die im Dunkeln schleichende Macht der geistigen Unfteiheit gekämpft wird!