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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-01 · Heft 5 (1.2.1870) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 5 (1.2.1870)
Date
1870-02-01
Page
Seite 100 (sequence 24)
Language
German
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100 welche dort ihr allgemeines Viertel hatten'"!. Die Polizei betrat es nur, wenn die Raufereien blutig wurden oder sich zu häufig wiederholten. Wenige Viertel Rom's waren so frei; dir Politik hatte hier nichts zu suchen. Nicht nur ging der Gottesdienst zu gewöhnlichen Zeiten hier ungestört vor sich, sondern auch die Propaganda ließ sich hier mit aller Leichtigkeit betreiben"). Geschützt durch die Verachtung, welche sie einstößten, wenig empfindlich übrigens für die Spöttereien der großen Menge, führten die Juden im Trastevere also ein religiöses und sehr thatiges sociales Leben. Sie besaßen Chachamim-Schulen"); nirgends wurde der rituelle und ceremonielle Theil des Gesetzes mit mehr Aengstlichkeit beobachtet'^). Die Synagogen zeigten die vollkommenste Einrichtung, welche man kennt"!. Die Titel „Synagogenvater und -mutter"'*) wurden sehr hochgeschätzt. Reiche Proselytinnen nahmen biblische Namen an: sie bekehrten ihre Sklaven, ließen sich durch die Gelehrten die Schrift erklären, bauten Betftätten und zeigten sich stolz auf die Achtung, die sie in dieser kleinen Welt genossen'«). Die arme Jüdin fand, indem sie mit zitternder Stimme bettelte, Gelegenheit in das Ohr der großen römischen Dame einige Worte des Gesetzes zu flüstern, und gewann oft die Matrone, welche ihr die Hand, mit Kleinmünze gefüllt, öffnete (Juvenal VI, 542). Wer den Sabbath und die jüdischen Feste feierte, gehörte nach Hora; (Sat., I, 9) unter die schwachen Geister, unter die Menge: unus mnltoruni. Das allgemeine Wohlwollen, das Glück mit den Gerechten zu ruhen, die Unterstützung des Armen, die Reinheit der Sitten, die Milde des Familienlebens, die zartsinnige An- 10) Castra le^ütarioruni. in der Schrift de Regio nibus urbis Romae, regio XIV. Caninn. Roma antica, p. 553—554. Forccllini, s. v. lecticarius. Der Syrus der lateinischen Lustspiele ist gewöhnlich ein lecticarius. n) Josephus. Antiquit. XIV. X, 8; Apostelgcsch-, XXVIII. 31. Corp. inscr.,9908; Garrucci, Cimitero, p. 57—58. ,3> HoraL sat. I, IX. 69 folg.: Sueton, Augustus 76; 8eneca,Briefe, XCV, 47: Persius, V, 179 fg.; Juvenal, XIV, 96 fg.); Martini. IV. IV. 6 Die jüdische Epigraphik in Rom bezeugt eine in Sachen der Gebräuche sehr strenge Bevölkerung. Levv, epigr. BeiträgcS. 255 fg. Man bemerkte den Beinamen pliilentolos (Co r p. inscr. 9904. Garrucci, Dissert. II. p. ISO folg!, entsprechend Psalm CXIX. 45 und anderen ähnlichen Stellen. Vgl. Mommscn, i:>s-:ipt. ncap, 6467. Die Juden vermieden sorgfältig die Leichcnstcine mit D. M. Sie hatten auch in Italien Lampenfabriken für ihren Gebrauch (jüdische Lampe im Museum Parent zu Bajä gefunden). 11) Corp. iuscr., 9902 folg.; Garrucci, Cimelero, p. 35. 51 u. 67. 1) i s s e r I. arcli. II, p. 161, 177, 181 folg. Corp. inscr. 9904—5, 9908—9 (Renier, Inscriptions de l’Algerie, 3340); Orelli, 2522 (Gruler, p. 323, 3; Cimitero, p. 52—53. lG) Orelli, 2522—23; Levy, S. 285, 311—313; Garrucci, Dissert. II, p. 166;Gratz,Geschichte, IV, S-123, 506—7. schaumig des Todes als eines Schlafes, sind Gefühle, welche sich in den jüdischen Inschriften neben jenem eigenthümlichen Ton rührender Salbung, der Demuth, sicheren Höffens, welche die christlichen Inschriften kennzeichnen, wiederfinden"!. Es gab viele Juden, reiche und mächtige Weltmänner, wie Tiberius Alexander, der zu den höchsten Ehren des Königreichs aufstieg, zwei oder dreimal einen Einfluß ersten Grades auf die Staatsangelegenheiten ausübte, selbst zum großen Verdruß der Römer seine Statue auf dem Forum hatte'"); aber diese waren keine guten Juden mehr. . . . Curiosum. Zu den größten Curiositäten unserer Zeit gehört die Art und Weise, wie das Concil in Rom geführt wird. Das unbedingte Geheimniß, zu welchem alle am Concil Betheiligten strengstens verpflichtet sind, und die vollständige Unterwürfigkeit unter die Anordnungen des Papstes hinsichtlich der Gegenstände, des Ganges und der Art der Verhandlungen, die Censur, die über die mündlichen und schriftlichen Aeußerungen der Vater gehandhabt wird, dies Alles steht in so grellem Widerspruche mit Allem, was unsre Zeit als das Element ihres Lebens betrachtet, klingt uns aus so wett vergangener Zeit entgegen, aus einer Periode der Menschheit, wo Koma loguuta est jeden Widerspruch, jede weitere Discussion abschnttt, daß die ganze Erscheinung den Charakter einer Antiquität oder Curiositat angenommen hat. Je langsamer sich aber der ganze Act abspielt, desto mehr wird man inne, daß man Unrecht gethan, irgendwie vor den Folgen dieser Versammlung Besorgnisse zu hegen. *7) Corpus inscr., 9904 folg.; Garrucci, Cimitero, p. 31 und folg., 67 - 68; Piss. II p. 153 und folg. Man bemerke besonders die schönen Ausdrucke: philo pencs (Garrucci, Di ssert.II, 185,Renau, Apötres, p. 320, not. 4), philo l a o s (Corp. inscr. n. Garrucci, ibid; 2. Maccab., XV, 14), c oncresconius, conlaboronius (Garrucci. Dissert. II, p. 160—161). Die Formeln der jüdischen und christlichen Epigraphik haben unter sich die größte Aehnlichkeit. Allerdings sind die meisten der soeben citirtcn jüdischen Inschriften bei weitem später als die Regierungszeit des Claudius. Aber der Geist der jüdischen Colonie in Rom wird sich nicht viel geändert haben. 18) Renan, Apötres p. 252. Herr Renier meint, von Tiberius Alexander sei die Rede im Juvenal, I, 129—131. Garrucci, Memoires de I’Academie des inscript., XXVT, I, p. 294 und folg. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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