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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-01-25 · Heft 4 (25.1.1870) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 4 (25.1.1870)
Date
1870-01-25
Page
Seite 76 (sequence 20)
Language
German
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76 dazu Samuel zu einem nacb damaligen Begriffen ungeheuren Vermögen zu verhelfen. Er war, wie unsere Quelle versichert, mehr ehrgeizig als habsüchtig. Sein Stolz bestand darin, der Gläubiger Ludwig XIV., des Regenten, und Ludwig XV. zu sein, denen er aber in der Regel nur auf ihr unmittelbares Ansuchen Geldvorschüffe bewilligte. Samuel wurde geadelt, und seine Töchter verheiratheten sich mit den Söhnen alter Geschlechter; eine derselben, die Gattin des Generalpächters Dupin, ist besonders erwähnenswerth als die Beschützerin und Freundin I. I. Rousseau's. Seine Wohlthätigkeit war sprichwörtlich und eine Prüfung seiner hinterlassenen Lchuldbücher bewies, daß er die Summe von zehn Millionen Francs in kleinen Beträgen verborgt hatte, um deren Wiedereinbringung er sich nie kümmerte. Bernard hatte eine Eigenschaft, wie sie wenige Menschen haben: er blieb ein Freund der Minister, auch wenn sich die Sonne der königlichen Gunst von ihnen abgewandt hatte, und unterstützte sie, so weit es in seinen Kräften stand. Er war prachtliebend und prunkte auch bei gewiffen Gelegenheiten gern mit seinen Reichthümern; in feinem Hause jedoch herrschte die größte Einfachheit. In gewiffer Beziehung war er, wie fast alle reichen Leute, ein Sonderling. So, um einige seiner Marotten anzuführen, mußte mit dem zwölften Glockenschlage das Effen servirt werden, und geschah dies nicht zur Minute, so ging er außer dem Hause speisen, ohne Rücksicht auf die Geladenen, die dann sehen mußten, wie sie fertig wurden. — Von Sonnenaufgang bis Mitternacht mußte ein Wagen angespannt stehen, und der Kutscher auf dem Bocke sitzend, mit der Peitsche in der Hand warten, bis es seinem Herrn gefällig war, auszufahren. — War er nicht zu Hause, mußte sein Portier, wollte er nicht augenblicklich davongejagt werden, ihn erwarten, um das Thor angelweit zu öffnen, noch bevor Bernard Zeit gehabt, den Wagen zu verlaffen, und bei Nacht mußte er aufschließen, bevor sein Herr zu klopfen gezwungen war. — Er liebte das hohe Spiel, das ihm seine Mittel erlaubten, und im Spielhause sagte er häufig : va tont. Er fand ein Vergnügen darin, weniger reiche Spieler, als er, zurückzuschrecken. Einst gewann ihm ein Holländer auf eine Karte 50,000 Thlr. ab; Samuel war darüber im höchsten Grade aufgebracht, nicht, daß ihm sein Partner diese Summe abgewonnen, sondern darüber, daß dieser die Kühnheit gehabt, sie auf ein Mal zu setzen. Er ließ sich so weit hinreißen, daß er den unglücklichen Spieler, nebst einigen, den Gewinn enthaltenden Säcken aus dem Hause zu werfen befahl, was auch geschah. So stand der Holländer in finsterer Nacht in einer damals nicht sehr sicheren Gaffe der guten Stadt Paris, räuberischen Angriffen ausgesetzt. Allein in demselben Maße phlegmatisch, als Samuel reizbar, entfernte er sich kaltblütig, ohne sich um den ihm zu Füßen gelegten Schatz zu kümmern, da er selbst reich war. Zufällig kam während des Nacht niemand des Wegs, und die Diener des Hauses fanden, als sie mit Tagesanbruch das Thor öffneten, die kostbaren Säcke noch unangetastet auf der Straße liegen. Samuel fand die Handlungsweise seines phlegmatischen Spielgenoffen so originell, daß er das Geld selbst zu dem Holländer brachte und sich wiederholt bei ihm entschuldigte. Samuel Bernard war ungemein abergläubig: er ließ in seinem Hause ein schwarzes Huhn füttern, an deffen Leben er sein eignes geknüpft wähnte und auf seinen ausdrücklichen Befehl wurde dem Thiere die größte Sorgfalt erwiesen. Das Huhn erreichte bei der guten Pflege ein relativ hohes Alter; als es verendete^ überlebte es Samuel nur um 3 Tage. Bernard, deffen Geldkasten so oft auf die uneigennützigste Weise aus der Verlegenheit geholfen, starb im Januar des Jahres 1739, 88 Jahre alt, ein auf 40 Millionen geschätztes Vermögen hinterlaffend und den Ruf eines braven, jederzeit zu Wohlthaten bereiten Mannes mit ins Grab nehmend. Cmiosum. Vor Kurzem wurde der Briefwechsel des kön. preuß. Generalpostmeisters und Bundestagsgesandten Herrn von Nagler veröffentlicht. Man setzt voraus, daß ein Mann, der in den dreißiger Jahren diese Posten bekleidete, ein Reactionär der äußersten Sorte gewesen. Am 26. December 1839 schreibt er an seinen Correspondenten und Spion in Frankfurt a. M. (Briefe II. S. 171.): „Die Judenzeitung wird auch nicht fett machen" — d. h. nicht lange, und sie wird spurlos verschwunden sein. Darin, wie in vielem andern, hat sich der gute Mann geirrt. Derselbe hatte einige Verdienste um das preußische Postwesen: aber gerade diese haben nicht „fett" gemacht, sondern sind spurlos verschwunden. Trotz seines heftigen Widerstrebens, haben die Eisenbahnen seine Schnellposten beseitigt, die Besorgung der Brieffelleisen durch die Eisenbahnen war ein Dolchstoß durch sein Herz; die Herabsetzung der Gleichförmigkeit der Porti in England war ihm ein Gifttrank, und daß dieser auch in Preußen eingeführt worden, hat ihn gewiß im Grabe herumdrehen lassen. Die Allg. Zeitg. des Iudenthums aber hat eben ihren vierunddreißigsten Jahrgang begonnen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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