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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-12-08 · Heft 50 (8.12.1863) · p. Seite 769

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 50 (8.12.1863)
Date
1863-12-08
Page
Seite 769 (sequence 3)
Language
German
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769 deiner und der ander» Person, deines vermeintlichen l persönlichen Bortheils u. s. w., sondern aus dem allt gemein religiös-sittlichen Grundsätze heraus. Ebenso in der Politik. Die Religion kennt hier keine Person, a keine augenblicklichen und örtlichen Verhältnisse, sie macht i diesen keine Opposition und begünstigt sie nicht; sie kennt c nicht einmal eine Partei im abgeschlossenen Sinne, son-! dern sie stellt die ewigen Grundsätze des Rechts und der < Liebe aus, verlangt deren Verwirklichung und erkennt nur \ die politische Richtung und die politischen Handlungen : als richtig und berechtigt an, welche diese höchsten Grund- \ sätze verwirklichen und im Geiste derselben arbeiten und! streben. Sie versetzt also von vornherein aus den hö- < Hern und allgemeinen Standpunkt und fragt: hat dieses ' politische Wollen und Thun, wie es von größerer oder geringerer Tragweite ist, das unveräußerliche Recht und die wahrhafte, gesunde Liebe zum Inhalt, wie dieses Recht und diese Liebe von Gott durch die Religion dem Menschen als höchstes Gesetz und wahrhafte Aufgabe gestellt worden ist? Sie sucht vor allem jene Verdunkelung des Urtheils zu zerstreuen, welche aus Rückflchtsnahme auf zeitliche und persönliche Vortheile, aus Parteistandpunkten, Beziehungen und Einflüssen hervorgeht, um in einfacher Klarheit uns die Dinge im Lichte des wahren Rechts und der ungeblendeten Liebe anschauen zu lassen. Wie von selbst wirs sie darum das geistige Auge auf die Vergangenheit und die Zukunft richten. Das Augenblickliche gilt ihr eben an sich nichts; sie begreift alles als etwas Gewordenes und Werdendes; sie fragt daher nach dem Ursprünge, nach der Ursache und der! Entwickelung und wirft den Blick prüfend hinaus in die Zukunft. Sie will wissen, wie dies so geworden und wohin es führen werde. Gerade weil sie nicht den Moment als das Bestimmende und Herrschende anerkennt, sondern alles Menschliche nur in der Enrwickelung zu Höherem und Höchstem begreift, erkennt sie auch das Recht des Geschichtlichen an und spricht schon jetzt dem Zukünftigen den Anspruch der Existenz zu. Sie untersucht daher, inwieweit diesem allem ein Recht innewohnt, wie dieses Recht vor den höchsten Grundsätzen des Rechts und der Sittlichkeit besteht, wieweit es sich vor demselben auszugeben hat und wohin das Bestehende aus seiner Natur herauszuleiten sei. Gerade hierdurch verliert sie jene Starrheit, welche der Consequenzmacherei eines Systems und abstrakter Lehrsätze anhastet, indem sie das allgemeine Recht in dem Rechte des Geschichtlichen und Bestehenden aufsucht, dieses hiernach beurtheilt und seine weitere Entwickelung verlangt. Die beiden Gesichtspunkte der religiösen Anschauung auf dem politischen Gebiete sind also: das allgemeine unveränderliche Recht und die Entwickelung. In der Bereinigung dieser beiden liegt die Sicherheit ihres Urtheils, die Schärfe und die Billigkeit desselben zu gleicher Zeit. Gerade darum ist die Religion Gegnerin jedes gewaltsamen Umsturzes und jedes gewaltsamen Eingriffes. Sie verurtheilt den Krieg wie die Revolution. Sie kennt die Aussaat mit Thränen und das Ernten mit Freuden, nicht aber eine Aussaat mit Blut und Trümmern, aus der die Garben mit Jubel gesammelt würden. Weil sie die Jahrhunderte überschaut, die Geschlechter kommen und gehen sieht, weiß, wie ihr Treiben und Schassen immer wieder in den großen Strom der Entwickelung ausgeht, weiß, wie die lebende Generation zwischen Stoß und Rückstoß hin und her lavirt und dennoch das gewaltige Schiss des Menschengeschlechtes auf seiner Fahrt vorwärts kommt, verurtheilt sie die gewaltsame Eruption und das gewaltthätige Zurückgreifen sowohl von ihren höchsten Grundsätzen als auch von der Wirkung und dem Erfolge aus. Indem sie endlich als den höchsten Gesichtspunkt die Ueberzeugung von der göttlichen Vorsehung ausstellt, die Lehre, daß die Menschheit nach dem Plane Gottes vorwärts schreitet, von dem Gedanken Gottes geleitet, daß für die Menschheit eine göttliche Weltordnung besteht, in welcher für die Völker ebenso wie für die Individuen eine sittliche Vergeltung und eine göttliche Waltung vor! sich gebt: erhebt und läutert sie den Blick auch für die politischen Dinge, beseitigt jedes Verzagen, stärkt die Zuversicht aus den Sieg des Rechtes in der Allgemeinheit der Menschenwelt und der Zeiten und schützt vor dem Aufgehen in örtliche und zeitliche Resultate. Sie kennt den Zusammenhang, der in der geistigen Welt besieht, wie das Kleinste nur ein Glied des großen Organismus ist, für Liesen existirt und von diesem belebt und geleitet wird, und vermag daher uns immer wieder in diesen Zusammenhang zu versetzen und ihn uns zum Bewußtsein zu bringen. Ja, es kommt daraus an, diese religiösen Ansichten über die weltlichen und bürgerlichen Dinge in uns lebendig zu machen, weil sie uns den einzig richtigen Standpunkt verschaffen, von welchem alle Geschehnisse, Bestrebungen und Richtungen anzuschauen sind und in pflichtmäßiger Weise daran Theil zu nehmen und dafür zu 50*

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